Magazin für Kultur

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Die Spur des Silbers

Wie die Jagd nach dem Edel­met­all unsere Welt verän­dert hat

In „Die Spur des Sil­bers” erzählt Till­mann Bendikows­ki europäis­che Geschichte aus der Per­spek­tive eines einzi­gen Rohstoffs. Seine zen­trale These lautet, dass Sil­ber weit mehr war als ein Edel­met­all. Es trieb den Han­del, die Macht­bil­dung und die frühe Glob­al­isierung entschei­dend voran.
Aus­gangspunkt ist das Europa vor der Ent­deck­ung Amerikas. Regio­nen wie das Erzge­birge mit Städten wie Freiberg oder Joachim­sthal waren damals wichtige Zen­tren der Sil­ber­förderung. Hier ent­standen fortschrit­tliche Berg­baus­truk­turen und frühe For­men eines ein­heitlichen Geldsys­tems, etwa mit dem Taler. Diese Entwick­lun­gen wer­den im Buch jedoch eher knapp behan­delt.
Der entschei­dende Umbruch begin­nt im 16. Jahrhun­dert mit Poto­sí. Am Cer­ro Rico ver­lagerte sich die Sil­ber­pro­duk­tion nach Ameri­ka. Spanien nutzte diese Ressource sys­tem­a­tisch: Sil­ber wurde in großen Men­gen gefördert, zu Münzen geprägt und über weitre­ichende Han­del­snet­ze verteilt. Beson­ders der Peso de a Ocho entwick­elte sich zu ein­er Art früher Weltwährung.
Das Sil­ber aus Poto­sí gelangte nicht nur nach Europa, son­dern von dort aus auch nach Chi­na und in den ara­bis­chen Raum, da es als uni­versell akzep­tiertes Zahlungsmit­tel diente. So ent­stand bere­its in der Frühen Neuzeit ein glob­ales Han­delssys­tem. Gle­ichzeit­ig ver­schweigt das Buch nicht die Schat­ten­seit­en. Der Reich­tum beruhte auf Zwangsar­beit und kolo­nialer Aus­beu­tung. Die Gier nach Sil­ber führte immer wieder zu Gewalt und Raub – von Über­fällen auf spanis­che Schiffe durch Freibeuter bis hin zu sys­tem­a­tis­chem Raub im Kon­text der nation­al­sozial­is­tis­chen Ver­fol­gung jüdis­chen Eigen­tums.
Die Geschichte des Sil­bers zeigt, wie stark glob­ale Wirtschaftssys­teme von einzel­nen Ressourcen abhän­gen kön­nen und welche Chan­cen und Risiken damit ver­bun­den sind. Auch heute spielt Sil­ber wirtschaftlich eine wichtige Rolle, wie die aktuellen Preisen­twick­lun­gen zeigen. Grund­sät­zlich gilt: Wer über zen­trale Ressourcen ver­fügt, gewin­nt Ein­fluss auf glob­ale Entwick­lun­gen. In gewiss­er Weise sind die ver­gle­ich­baren „Rohstoffe” der Gegen­wart Dat­en und Energie. Um sie wird ähn­lich inten­siv gerun­gen wie einst um Sil­ber.

Das Buch ist gut les­bar, anschaulich geschrieben und inspiri­erend sich weit­er mit den The­ma zu befassen.

Till­mann Bendikows­ki: Die Spur des Sil­bers: Wie die Jagd nach dem Edel­met­all unsere Welt verän­dert hat, 256 Seit­en, zahlre­iche Abbil­dun­gen, ISBN: 978–3570105436, C.Bertelsmann Ver­lag 2025, 26,00 €

Alte Mälzerei

im Licht­en­rad­er Revi­er


Die Alte Mälz­erei Licht­en­rade ist heute das markante Zen­trum eines neuen Stadtquartiers im Berlin­er Süden und ein Beispiel dafür, wie Denkmalschutz, Stad­ten­twick­lung und Nach­barschaft­skul­tur überzeu­gend zusam­men­find­en kön­nen. Sie ist fußläu­fig vom S‑Bahnhof Licht­en­rade zu erre­ichen und liegt direkt an der kür­zlich wieder in Betrieb genomme­nen Fern­bah­n­trasse der “Dres­d­ner Bahn”.

Errichtet wurde der ein­drucksvolle Back­stein­bau zwis­chen 1897 und 1898 für die Schloss­brauerei Schöneberg AG, eine der großen Berlin­er Brauereien der Kaiserzeit. Die Mälz­erei diente der Malzpro­duk­tion für die Brauerei, deren eigentliche Sud­häuser und Braube­triebe in Schöneberg lagen. In Licht­en­rade wur­den also keine Biere gebraut, son­dern das Malz hergestellt, das die Grund­lage für die Bier­her­stel­lung bildete. Der eigentliche Brau­vor­gang der Schloss­brauerei fand weit­er­hin an ihrem Stamm­sitz statt.

Bere­its im Jahr 1920, kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, wurde die Malzpro­duk­tion eingestellt und das Gebäude anschließend als Lager genutzt. Ab den 1960er Jahren stand das Gebäude weit­ge­hend leer und ver­fiel zunehmend, bis es schließlich unter Denkmalschutz gestellt wurde. Im Rah­men des Stad­ten­twick­lung­spro­jek­ts „Licht­en­rad­er Revi­er“ begann 2017 die umfassende Sanierung und Umnutzung. Ziel war es, der his­torischen Mälz­erei eine neue Bedeu­tung als Ort der Begeg­nung, Bil­dung und Kul­tur zu geben.

Heute beherbergt der fün­fgeschos­sige Ziegel­bau auf rund 3.100 Quadrat­metern die Stadt­teil­bib­lio­thek, die Volk­shochschule, die Musikschule Tem­pel­hof-Schöneberg sowie ein Nach­barschafts- und Kul­turzen­trum. Offene Lern­räume, Ver­anstal­tungs­flächen und Werk­stät­ten machen das Gebäude zu einem lebendi­gen Tre­ff­punkt für alle Gen­er­a­tio­nen.

Zum Gesamtensem­ble gehört auch das gegenüber­liegende Land­haus Licht­en­rade, das ursprünglich als Aus­flugs­gast­stätte der Schloss­brauerei ent­stand. Das tra­di­tion­sre­iche Gebäude wurde eben­falls denkmal­gerecht saniert und wird kün­ftig als kul­tureller Ver­anstal­tung­sort genutzt – ein wichtiger Baustein, um den alten Ortskern neu zu beleben. In unmit­tel­bar­er Nähe entste­ht außer­dem ein mod­ernes Schwimm­bad, das die infra­struk­turelle und soziale Entwick­lung des Quartiers abrun­det.

Das Pro­jekt „Alte Mälz­erei Licht­en­rade“ ist ein Beispiel für nach­haltige Stad­ten­twick­lung: Die his­torische Sub­stanz wurde nicht nur kon­serviert, son­dern mit neuen Funk­tio­nen für kom­mende Gen­er­a­tio­nen nutzbar gemacht. Erhal­ten geblieben sind die charak­ter­is­tis­che Fas­sade im Stil der nord­deutschen Neo­re­nais­sance, die hohen Fen­ster­ach­sen und das markante Dar­ren­türm­chen, während die Innen­räume mit mod­ern­er Tech­nik, Bar­ri­ere­frei­heit und ein­er energieef­fizien­ten Ausstat­tung verse­hen wur­den.

Diese Trans­for­ma­tion wurde auch in einem Buch doku­men­tiert: Im L+H Ver­lag erschien 2025 der reich bebilderte Band „Die Alte Mälz­erei Licht­en­rade – Das Herz eines neuen Stadt­teils“, ver­fasst von Mar­ti­na Vet­ter und her­aus­gegeben von Thomas Best­gen. Auf 210 Seit­en erzählt das Werk die Geschichte des Gebäudes, die tech­nis­chen Aspek­te der Malzpro­duk­tion und den Prozess sein­er Wieder­bele­bung. Zahlre­iche Fotografien von Erik-Jan Ouw­erk­erk und Markus Löf­fel­hardt machen die architek­tonis­che Atmo­sphäre des Ortes erfahrbar.

Das Buch ist mehr als eine reine Doku­men­ta­tion – es ist ein Porträt urbaner Erneuerung. Es zeigt, wie ein vergessenes Indus­triedenkmal dank pri­vatem Engage­ment, Kreativ­ität und Bürg­er­beteili­gung zu einem lebendi­gen Mit­telpunkt eines neuen Stadt­teils wer­den kann.

Faz­it:

Die Alte Mälz­erei Licht­en­rade ist ein gelun­ge­nes Beispiel für den behut­samen Umgang mit Baukul­tur. Sie erin­nert an die indus­trielle Ver­gan­gen­heit der Schloss­brauerei Schöneberg und ste­ht zugle­ich für die soziale und kul­turelle Zukun­ft des Stadtvier­tels. Mit Schwimm­bad, saniertem Restau­rant „Land­haus”, Einzel­han­del, Bio-Super­markt, eine Kita, vielfältiger kul­tureller Nutzung und nicht zu let­zt mit 202 Woh­nun­gen ist hier ein neues, offenes Stadtzen­trum ent­standen, das auch wegen des jet­zt dort gebraut­en Bieres einen Besuch wert ist.

Wuffis Reisen

Wie wir zu denen wur­den, die wir heute sind

Geschichte lässt sich leichter ver­ste­hen, wenn sie von einem sym­pa­this­chen Erzäh­ler span­nend präsen­tiert wird. Genau diesen Ansatz nutzt „Wuff­is Reisen” von Arno Sprenger und Ben­jamin Frank – mit einem ungewöhn­lichen Erzäh­ler: dem kleinen Stoffhund Wuf­fi.
Wuf­fi ist jedoch mehr als nur eine nette Fig­ur. Viele ken­nen ähn­liche Stofftiere aus der eige­nen Kind­heit, und genau daran knüpft das Buch an. Der Hund begleit­et die Autoren auf ihren Reisen durch Deutsch­land und darüber hin­aus und wird zum Beobachter his­torisch­er Orte, Men­schen und Ereignisse. So entste­ht ein emo­tionaler Zugang zur Geschichte, der ohne große Erk­lärun­gen auskommt.
Eine zen­trale Idee sind die „Wuf­fi-Self­ies“. Aus­ge­hend von diesen auf den ersten Blick ein­fachen Fotos erzählen die Autoren von his­torischen Zusam­men­hän­gen, Per­sön­lichkeit­en und gesellschaftlichen Entwick­lun­gen.  Geschichte wird anschaulich, leicht ver­ständlich und bleibt im Gedächt­nis. Belehrend wirkt das Buch dabei nie.
Auch die Auswahl der Men­schen, denen Wuf­fi begeg­net, ist überzeu­gend. His­torische Per­sön­lichkeit­en erscheinen nicht als ferne Helden, son­dern als Men­schen mit Stärken, Schwächen und Ein­fluss auf ihre Zeit. Das schafft Nähe und macht Geschichte greif­bar.
Die Sprache ist klar und gut les­bar. Das Buch richtet sich nicht nur an Kinder, son­dern eben­so an Erwach­sene. Ger­ade diese Offen­heit macht es zum gemein­samen Lesen oder zum Schmök­ern allein geeignet. Der Lern­ef­fekt stellt sich dabei fast neben­bei ein.
Ins­ge­samt zeigt „Wuff­is Reisen”, dass Geschichte span­nend, zugänglich und unter­halt­sam sein kann. Der Stoffhund Wuf­fi führt als sym­pa­this­ch­er Begleit­er durch Zeit­en und The­men und weckt die Lust, sich weit­er mit Geschichte zu beschäfti­gen.
Faz­it: Ein leicht zugänglich­es, klug gemacht­es Buch, das Geschichte lebendig erzählt und Leserin­nen und Leser jeden Alters anspricht. 
Es wird eine Fort­set­zung geben, auf die wir ges­pan­nt sein kön­nen. Und wer die Web­site, https://www.wuffisreisen.de/ von Wuf­fi ken­nt, weiß, dass es auch mehr wer­den kön­nen.

Wuff­is Reisen; Wie wir zu denen wur­den, die wir heute sind; Autoren: Arno Sprenger und Ben­jamins Frank; Illus­tra­tion: Ali­na Paulussen-Brem­n­er, Gesamt­gestal­tung: Tan­ja Kar­mann 1. Auflage, ISBN Num­mer: 978–3‑00–08165‑0, Ver­lag: Arno Sprenger; Verkauf: https://www.wuffisreisen.de/das-wuffibuch/

Der andere Impressionismus

Inter­na­tionale Druck­graphik von Manet bis Whistler

Dieses her­aus­ra­gende Kat­a­log­buch zur aktuellen Ausstel­lung im Kupfer­stichk­abi­nett Berlin und im Bar­beri­ni Pots­dam (24. Sep­tem­ber 2024 bis 12. Jan­u­ar 2025) begeis­tert weil es mehr bietet als die Ausstel­lung selb­st. Durch die Möglichkeit, diesen Höhep­unk­ten der Grafik-Kun­st ein­er ver­tieften Betra­ch­tung zukom­men zu lassen, gibt es nur in diesem Buch (in den bei­den Ausstel­lun­gen kann man diesen meist kle­in­for­mati­gen Werken nicht näher treten, zudem muss oft stel­len­weise ein Lichtschutz abgenom­men wer­den). Diese Ausstel­lun­gen machen bewusst, dass es auch in der Grafik schon früh impres­sion­is­tis­che Strö­mungen gab (früher als in der ersten Impres­sion­is­ten Ausstel­lung im Jahr 1874, die jet­zt der Anlass für das 150jährige Jubiläum ist). Son­nenaufgänge, Seerosen, far­bige Licht- und Schat­ten­ef­fek­te. Fast jed­er hat eine Vorstel­lung davon, was ein impres­sion­is­tis­ches Bild aus­macht. In der inter­na­tionalen Druck­grafik sind atmo­sphärische Phänomene – von blenden­der Sonne über Regen, Dun­st bis hin zu Smog – gle­ich­falls häu­figer Gegen­stand: Auch Maler­radier­er haben zum Teil direkt vor der Natur und mit der für diesen Stil charak­ter­is­tis­chen Spon­tan­ität Werke von hoher kün­st­lerisch­er Indi­vid­u­al­ität entste­hen lassen, in denen die Welt neu gese­hen wird. Über­ar­beitun­gen machen aus jedem Abzug ein Orig­i­nal.
Das Berlin­er Kupfer­stichk­abi­nett präsen­tiert 110 sel­ten oder nie gezeigte grafis­che Blät­ter von 40 Kün­st­lerin­nen und Kün­stlern, darunter so berühmte Namen wie Édouard Manet, Auguste Renoir, Mary Cas­satt, James Whistler und Less­er Ury. Let­zter­er wird zusam­men mit Anders Zorn und Franz Skarbina schließlich auch noch zum Impres­sion­is­mus gezählt, zeitlich gewagt, aber von der Gestal­tung und Wirkung dur­chaus berechtigt.

Der andere Impres­sion­is­mus – Inter­na­tionale Druck­graphik von Manet bis Whistler, 208 Seit­en, 147 Farb- und 3 sw-Abbil­dun­gen, Michael Imhof Ver­lag, Peters­berg 2024, ISBN: 978–3‑7319–1433‑4 , 29,95 €

Verdienstvolle Würdigung wenig bekannter Architekten

Die Architek­turhis­torik­erin Ulrike Eich­horn leis­tet mit ihren Mono­grafien zum Wirken bekan­nter Architek­ten in Berlin ver­di­en­stvolle Arbeit und wen­det sich jet­zt zusam­men mit dem Autor Klaus Dettmer den weniger bekan­nten Architek­ten zu, die u.a. im Berlin­er Nor­den zahlre­iche Baut­en hin­ter­lassen haben. Dieses han­dliche Buch eignet sich für Architek­tur­rundgänge, führt in die Geschichte der Architek­tur auf dem Weg in die Mod­erne ein und führt in die so unter­schiedlichen Lebenswege u.a. der Architek­ten Paul Baum­garten, Wern­er Issel, Gus­tav Lilien­thal, Eugen Schmohl, Jean Krämer, Her­mann Blanken­stein, Mar­tin Punitzer und Bruno Buch ein (die für Ken­ner der Architek­turgeschichte, ins­beson­dere der Indus­triekul­tur so unbekan­nt nicht sind). Die Einen­gung im Titel auf Reinick­endorf ist etwas irreführend und erschw­ert das weit­ere Bekan­ntwer­den dieser ver­di­en­stvollen Neuer­schei­n­ung, geht es doch um „Schöpfer…, die nicht nur in Reinick­endorf, son­dern in ganz Berlin ihre Spuren hin­ter­ließen und die Stadt maßge­blich gestal­teten.“ (S. 5) – wie die Bezirks­bürg­er­meis­terin richtig in ihrem Gruß­wort schreibt. Grund­lage ist die Lan­des­denkmalliste. Das Buch enthält 16 Biografien und Werkverze­ich­nisse, schließt mit einem bestens recher­chierten Lit­er­aturverze­ich­nis, das sel­ten in einem Region­alar­chitek­tur­führer zu find­en ist.

Ulrike Eichhorn/Klaus Dettmer: Im Schat­ten bekan­nter Baumeis­ter: Auf dem Weg in die Mod­erne in Reinick­endorf, 134 Seit­en, 72 Abbil­dun­gen, 6 Über­sicht­spläne, Soft­cov­er, Edi­tion Eich­horn, Berlin 2024, ISBN 978–3‑759870–62‑9, 19,99 €.

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