Magazin für Kultur

Kategorie: Belletristik (Seite 1 von 4)

Die Träume, die wir hatten

Meine Freundin, Russland, die Ukraine und ich

Aus­ge­hend vom Fre­itod ein­er langjähri­gen, engen Fre­undin schildert die Autorin ein­dringlich wie sowohl in per­sön­lichen Beziehun­gen als auch auf poli­tis­ch­er Ebene im Ver­hält­nis zu Rus­s­land viel ver­säumt wurde („Dies ist ein Buch über das, was wir nicht ändern kön­nen, und das, was wir anders hät­ten machen müssen. Über das, wom­it wir uns abfind­en müssen, und das , wom­it wir uns nicht abfind­en kön­nen.“ so die Autorin, S. 10).

Hoff­mann gehörte zu ein­er Gruppe von Rus­s­land-Begeis­terten, die sich wis­senschaftlich und als Kor­re­spon­den­ten inten­siv mit der rus­sis­chen Kul­tur und Geschichte beschäftigte und nach dem Angriff­skrieg auf die Ukraine Ent­täuschung und Ent­frem­dung erleben muss. Sie macht deut­lich wie viel vom anschaulich beschriebe­nen Auf­bruch nach 1990 ver­loren ging, wie sich schon in der 2. Hälfte der 90er Jahre mit der NATO-Erweiterung die deutsch-rus­sis­chen Beziehun­gen zunehmend ver­schlechterten („Die neun­ziger Jahre wer­den zu einem ver­lore­nen Sieg. Der West­en siegt und ver­liert. Wir gewin­nen den Kalten Krieg, aber es gelingt uns nicht, diesen Sieg in einen dauer­haften Frieden zu ver­wan­deln.“ S. 190) Dieses Buch fasziniert durch die tiefge­hen­den Analy­sen und Beschrei­bun­gen, durch seine ganz per­sön­liche Per­spek­tive, ver­mit­telt Ein­sicht­en in zeit­geschichtliche Entwick­lun­gen: höchst lesenswert.

Hoff­mann, Chris­tiane: Die Träume, die wir hat­ten — Meine Fre­undin, Rus­s­land, die Ukraine und ich, 300 S., Hard­cov­er, C.H. Beck Ver­lag, München 2026, ISBN 978–3‑406–84378‑5, 26 €

Rezen­sion Jörg Raach

Die Liste der Lebenden

Gegen das Vergessen

Es gibt Katas­tro­phen, die sich tief in das kollek­tive Gedächt­nis einge­bran­nt haben. Der Unter­gang der RMS Titan­ic gehört dazu. Andere Unglücke, die ihre Zeitgenossen nicht min­der erschüt­terten, sind dage­gen nahezu ver­schwun­den. Zu ihnen zählt der Unter­gang der Aus­tria am 13. Sep­tem­ber 1858 – eine der schw­er­sten Schiff­skatas­tro­phen des 19. Jahrhun­derts. Mehr als 500 Men­schen befan­den sich an Bord des Auswan­der­erschiffes, nur rund 90 über­lebten. Ste­fan Kutzen­berg­er macht aus diesem fast vergesse­nen Ereig­nis den Aus­gangspunkt seines Romans Die Liste der Leben­den und zeigt ein­drucksvoll, dass Lit­er­atur Erin­nerung bewahren kann, wo Geschichte zu verblassen dro­ht.

Die his­torische Katas­tro­phe ist dabei nicht Selb­stzweck. Kutzen­berg­er inter­essiert weniger das spek­takuläre Unglück als die Men­schen, deren Leben dadurch unwider­ru­flich verän­dert wur­den. Im Mit­telpunkt ste­hen zwei reale Per­sön­lichkeit­en: die dänis­che Frauen­recht­lerin Hen­ri­ette Wulff, die auf der Aus­tria ums Leben kam, und Hans Chris­t­ian Ander­sen, der in Däne­mark verzweifelt auf Nachricht­en wartete. Tage­lang suchte er ihren Namen in den veröf­fentlicht­en Lis­ten der Geretteten und Ver­mis­sten – ein Bild von erschüt­tern­der Ein­fach­heit, das dem Roman seinen Titel gibt und zugle­ich sein zen­trales Motiv for­muliert: das Hof­fen gegen jede Ver­nun­ft.

Kutzen­berg­er gelingt dabei, den welt­berühmten Märchen­dichter ein wenig von seinem Denkmal her­abzu­holen. Sein Ander­sen ist kein lit­er­arisches Genie aus Schul­büch­ern, son­dern ein empfind­samer, von Selb­stzweifeln geprägter Men­sch, dessen Sehn­sucht nach Nähe und Anerken­nung ihn eben­so bes­timmt wie seine schrift­stel­lerische Begabung.

Eben­so sorgfältig zeich­net der Autor das Panora­ma ein­er Epoche im Umbruch. Die Mitte des 19. Jahrhun­derts ist geprägt von Indus­tri­al­isierung, tech­nis­chem Fortschritt und ein­er bis dahin ungekan­nten Auswan­derungs­be­we­gung nach Ameri­ka. Dampf­schiffe verkör­pern den Glauben an eine mod­erne Zukun­ft – und zugle­ich deren Ver­let­zlichkeit. Dass aus­gerech­net eines der mod­ern­sten Schiffe sein­er Zeit durch einen ver­mei­d­baren Brand unterge­ht, erhält beina­he sym­bol­is­che Kraft. Fortschritt erscheint nicht als Tri­umph, son­dern als Ver­sprechen mit tödlichen Gren­zen.

Auch Hen­ri­ette Wulff gewin­nt weit über ihre Rolle als Unglück­sopfer hin­aus Pro­fil. Als engagierte Frauen­recht­lerin ste­ht sie für die gesellschaftlichen Verän­derun­gen ihrer Zeit und verkör­pert einen Auf­bruch, der durch die Katas­tro­phe jäh been­det wird. Indem Kutzen­berg­er ihr eben­so viel Aufmerk­samkeit schenkt wie Ander­sen, erweit­ert er den his­torischen Blick und erin­nert daran, dass Geschichte nicht nur von berühmten Män­nern geschrieben wurde.

Die Stärke des Romans liegt jedoch weniger in der Rekon­struk­tion his­torisch­er Abläufe als in sein­er lit­er­arischen Hal­tung. Kutzen­berg­er verzichtet auf drama­tis­che Effek­te und sen­sa­tion­sheis­chende Katas­tro­phen­szenen. Stattdessen entwick­elt er eine ruhige, konzen­tri­erte Erzählweise, die den Fig­uren und ihren inneren Kon­flik­ten Raum gibt. Seine Sprache ist präzise, atmo­sphärisch und unauf­dringlich. Ger­ade diese Zurück­hal­tung ver­lei­ht dem Roman seine emo­tionale Kraft.

Bemerkenswert ist auch, wie der Autor die his­torische Dimen­sion des Stoffes sicht­bar macht. Der Unter­gang der Aus­tria ereignete sich mehr als ein halbes Jahrhun­dert vor der Titan­ic. Während sich let­ztere tief in das kul­turelle Gedächt­nis eingeschrieben hat, ver­schwand die Aus­tria fast voll­ständig aus dem öffentlichen Bewusst­sein. Kutzen­berg­er macht aus diesem Vergessen sein eigentlich­es The­ma. Er erzählt nicht nur von ein­er Schiff­skatas­tro­phe, son­dern von der Selek­tiv­ität his­torisch­er Erin­nerung. Warum bleiben manche Ereignisse lebendig, während andere trotz ver­gle­ich­bar­er Trag­weite nahezu aus­gelöscht wer­den?

Ger­ade darin ent­fal­tet Die Liste der Leben­den seine größte Qual­ität. Der Roman verbindet his­torische Präzi­sion mit lit­er­arisch­er Empathie und macht deut­lich, dass Geschichte immer auch aus indi­vidu­ellen Schick­salen beste­ht. Die Lis­ten der Geretteten und Ver­mis­sten wer­den zum Sinnbild ein­er Gesellschaft zwis­chen Hoff­nung und Gewis­sheit, zwis­chen Leben und Ver­lust.

Ste­fan Kutzen­berg­er hat keinen klas­sis­chen his­torischen Aben­teuer­ro­man geschrieben. Ihm ist vielmehr ein leis­es, klug kom­poniertes Werk über Erin­nerung, Ver­lust und die Zer­brech­lichkeit men­schlich­er Hoff­nun­gen gelun­gen. Dass er dabei eine beina­he vergessene Tragödie wieder in das kul­turelle Gedächt­nis zurück­holt, macht Die Liste der Leben­den zu einem der bemerkenswertesten his­torischen Romane der ver­gan­genen Jahre.

Ste­fan Kutzen­berg­er: Die Liste der Leben­den, 208 Seit­en, Picus Ver­lag, ISBN 978–3‑7117–2167‑9,‎ Hard­cov­er 24 €

Leben und Überleben im Kongo

Mor­gen gehe ich einkaufen, falls der Markt noch ste­ht

Dies ist eine erschüt­ternde Lek­türe, von Anfang an mitreißend, da per­sön­liche Erleb­nisse und Erfahrun­gen ganz unmit­tel­bar ver­mit­telt wer­den. Judith Raupp lebt und arbeit­et als freie Repor­terin und Medi­en­trainer­in seit 15 Jahren in Goma im Ostkon­go. Dort ist die Bevölkerung der kon­gole­sis­chen Armee und Ter­rormilizen schut­z­los aus­geliefert. Seit Jahrzehn­ten wird um die wertvollen Boden­schätze, auch um Ack­er­land grausam Krieg geführt, Morde, Plün­derun­gen, Verge­wal­ti­gun­gen, Kor­rup­tion in allen Lebens­bere­ichen sind all­ge­gen­wär­tig. Judith Raupp nimmt in ihrem aufwüh­len­den und höchst infor­ma­tiv­en Buch (es enthält Karten, ein Glos­sar und eine Chronik des Kon­gos) mit zu den Men­schen dort, die ver­suchen, ihre Lebenslust und Erfind­ungsre­ich­tum der Gewalt, der Willkür und dem Elend ent­ge­genset­zen.

Judith Raupp: Mor­gen gehe ich einkaufen, falls der Markt noch ste­ht — Leben und Über­leben im Kon­go, C.H.Beck Ver­lag, München 2026, ISBN: 978–3‑406–85162‑9, 297 Seit­en, 20 €

Alles, was wir nicht erinnern

Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters

Dies ist ein sehr per­sön­lich­es Buch. Es leis­tet das, was lange tabuisiert wurde, was das erst 2021 in Berlin eröffnete, zu stark im inter­na­tionalen Zusam­men­hang rel­a­tivierende Doku­men­ta­tion­szen­trum „Flucht, Vertrei­bung, Ver­söh­nung“ nicht ermöglicht: das über Gen­er­a­tio­nen wirk­ende Ver­brechen der Vertrei­bung emo­tion­al zu ver­mit­teln: Was bleibt heute vom Fluchtschick­sal? Wie gehen Fam­i­lien, wie gehen Gesellschaften, Deutsche, Polen und Tschechen mit der Ver­gan­gen­heit um? Wie geben sie ihre Ver­let­zun­gen und Alp­träume weit­er an die näch­ste Gen­er­a­tion.

Nach dem Tod des Vaters kehrt die Autorin in das schle­sis­che Dorf mit dem malerischen Namen zurück, nach Rosen­thal, das jet­zt Rózy­na heißt. Am 22. Jan­u­ar 2020 bricht sie auf und geht noch ein­mal den Weg sein­er Flucht 550 Kilo­me­ter nach West­en. Chris­tiane Hoff­manns Buch holt die Erin­nerung an Flucht und Vertrei­bung ins 21. Jahrhun­dert, es ver­schränkt ihre Fam­i­liengeschichte mit der His­to­rie. Beispiel­sweise besucht sie Reichenbach/Rychbach, wo die einzige in Schle­sien erhal­ten gebliebene Syn­a­goge ste­ht. Dort siedel­ten sich nach dem 2. Weltkrieg 18.000 Juden an. Nach den Pogromen in Kielce 1946 und weit­eren anti­semi­tis­chen Auss­chre­itun­gen ver­ließen fast alle Juden Polen.

Chris­tiane Hoff­mann: Alles, was wir nicht erin­nern — Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters, 279 S., Hard­cov­er mit 12 Abbil­dun­gen und 1 Karte, C.H. Beck Ver­lag, München 2022, ISBN 978–3‑406–78493‑4, 22 €

Elbland

Tief bewe­gend: eine deutsch-tschechis­che Fam­i­liengeschichte

Die Autorin wid­met diesen Roman vor deut­lichem auto­bi­ografis­chen Hin­ter­grund ihrer Groß­mut­ter: „Am 14.6.1945 hat­te meine Groß­mut­ter Helene eine Stunde Zeit, um mit drei kleinen Kindern ihr Haus zu ver­lassen. Nach­dem sie in offe­nen Kohlewag­gons tage­lang unter­wegs waren und irgend­wo in Sach­sen ausstiegen, irrten sie hungernd und schut­z­los drei Monate lang durch ein zer­störtes Land voller zer­störter Men­schen.“ (S. 362) Die bru­tale Vertrei­bung von drei Mil­lio­nen Sude­tendeutschen nach dem 2. Weltkrieg ist Ursache von tiefer Trau­ma­ta, die sich über mehrere Gen­er­a­tio­nen hinziehen. Der Autorin dieser emo­tion­al bewe­gen­den Fam­i­liengeschichte gelingt es umfassend, psy­chol­o­gisch sehr ein­fühlsam das Geschehen der Zeit­geschichte im Erleben der Pro­tag­o­nis­ten darzustellen: her­aus­ra­gend!

Clau­dia Rikl: Elb­land, 368 Seit­en, ISBN 9783550204463 , Ull­stein Ver­lag, Berlin 2026, 23,99 €

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