Magazin für Kultur

Autor: Jörg Raach (Seite 1 von 7)

Die Träume, die wir hatten

Meine Freundin, Russland, die Ukraine und ich

Aus­ge­hend vom Fre­itod ein­er langjähri­gen, engen Fre­undin schildert die Autorin ein­dringlich wie sowohl in per­sön­lichen Beziehun­gen als auch auf poli­tis­ch­er Ebene im Ver­hält­nis zu Rus­s­land viel ver­säumt wurde („Dies ist ein Buch über das, was wir nicht ändern kön­nen, und das, was wir anders hät­ten machen müssen. Über das, wom­it wir uns abfind­en müssen, und das , wom­it wir uns nicht abfind­en kön­nen.“ so die Autorin, S. 10).

Hoff­mann gehörte zu ein­er Gruppe von Rus­s­land-Begeis­terten, die sich wis­senschaftlich und als Kor­re­spon­den­ten inten­siv mit der rus­sis­chen Kul­tur und Geschichte beschäftigte und nach dem Angriff­skrieg auf die Ukraine Ent­täuschung und Ent­frem­dung erleben muss. Sie macht deut­lich wie viel vom anschaulich beschriebe­nen Auf­bruch nach 1990 ver­loren ging, wie sich schon in der 2. Hälfte der 90er Jahre mit der NATO-Erweiterung die deutsch-rus­sis­chen Beziehun­gen zunehmend ver­schlechterten („Die neun­ziger Jahre wer­den zu einem ver­lore­nen Sieg. Der West­en siegt und ver­liert. Wir gewin­nen den Kalten Krieg, aber es gelingt uns nicht, diesen Sieg in einen dauer­haften Frieden zu ver­wan­deln.“ S. 190) Dieses Buch fasziniert durch die tiefge­hen­den Analy­sen und Beschrei­bun­gen, durch seine ganz per­sön­liche Per­spek­tive, ver­mit­telt Ein­sicht­en in zeit­geschichtliche Entwick­lun­gen: höchst lesenswert.

Hoff­mann, Chris­tiane: Die Träume, die wir hat­ten — Meine Fre­undin, Rus­s­land, die Ukraine und ich, 300 S., Hard­cov­er, C.H. Beck Ver­lag, München 2026, ISBN 978–3‑406–84378‑5, 26 €

Rezen­sion Jörg Raach

Leben und Überleben im Kongo

Mor­gen gehe ich einkaufen, falls der Markt noch ste­ht

Dies ist eine erschüt­ternde Lek­türe, von Anfang an mitreißend, da per­sön­liche Erleb­nisse und Erfahrun­gen ganz unmit­tel­bar ver­mit­telt wer­den. Judith Raupp lebt und arbeit­et als freie Repor­terin und Medi­en­trainer­in seit 15 Jahren in Goma im Ostkon­go. Dort ist die Bevölkerung der kon­gole­sis­chen Armee und Ter­rormilizen schut­z­los aus­geliefert. Seit Jahrzehn­ten wird um die wertvollen Boden­schätze, auch um Ack­er­land grausam Krieg geführt, Morde, Plün­derun­gen, Verge­wal­ti­gun­gen, Kor­rup­tion in allen Lebens­bere­ichen sind all­ge­gen­wär­tig. Judith Raupp nimmt in ihrem aufwüh­len­den und höchst infor­ma­tiv­en Buch (es enthält Karten, ein Glos­sar und eine Chronik des Kon­gos) mit zu den Men­schen dort, die ver­suchen, ihre Lebenslust und Erfind­ungsre­ich­tum der Gewalt, der Willkür und dem Elend ent­ge­genset­zen.

Judith Raupp: Mor­gen gehe ich einkaufen, falls der Markt noch ste­ht — Leben und Über­leben im Kon­go, C.H.Beck Ver­lag, München 2026, ISBN: 978–3‑406–85162‑9, 297 Seit­en, 20 €

Alles, was wir nicht erinnern

Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters

Dies ist ein sehr per­sön­lich­es Buch. Es leis­tet das, was lange tabuisiert wurde, was das erst 2021 in Berlin eröffnete, zu stark im inter­na­tionalen Zusam­men­hang rel­a­tivierende Doku­men­ta­tion­szen­trum „Flucht, Vertrei­bung, Ver­söh­nung“ nicht ermöglicht: das über Gen­er­a­tio­nen wirk­ende Ver­brechen der Vertrei­bung emo­tion­al zu ver­mit­teln: Was bleibt heute vom Fluchtschick­sal? Wie gehen Fam­i­lien, wie gehen Gesellschaften, Deutsche, Polen und Tschechen mit der Ver­gan­gen­heit um? Wie geben sie ihre Ver­let­zun­gen und Alp­träume weit­er an die näch­ste Gen­er­a­tion.

Nach dem Tod des Vaters kehrt die Autorin in das schle­sis­che Dorf mit dem malerischen Namen zurück, nach Rosen­thal, das jet­zt Rózy­na heißt. Am 22. Jan­u­ar 2020 bricht sie auf und geht noch ein­mal den Weg sein­er Flucht 550 Kilo­me­ter nach West­en. Chris­tiane Hoff­manns Buch holt die Erin­nerung an Flucht und Vertrei­bung ins 21. Jahrhun­dert, es ver­schränkt ihre Fam­i­liengeschichte mit der His­to­rie. Beispiel­sweise besucht sie Reichenbach/Rychbach, wo die einzige in Schle­sien erhal­ten gebliebene Syn­a­goge ste­ht. Dort siedel­ten sich nach dem 2. Weltkrieg 18.000 Juden an. Nach den Pogromen in Kielce 1946 und weit­eren anti­semi­tis­chen Auss­chre­itun­gen ver­ließen fast alle Juden Polen.

Chris­tiane Hoff­mann: Alles, was wir nicht erin­nern — Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters, 279 S., Hard­cov­er mit 12 Abbil­dun­gen und 1 Karte, C.H. Beck Ver­lag, München 2022, ISBN 978–3‑406–78493‑4, 22 €

Vatertage

Anne Berests span­nende Recherche der väter­lichen Fam­i­liengeschichte

Die mit dem Buch „Die Postkarte“ erfol­gre­iche Autorin Anne Berest erforscht in diesem Buch die Fam­i­liengeschichte väter­lich­seits. In „Die Postkarte“ stand ihre jüdis­che Groß­mut­ter im Mit­telpunkt. Sie kon­nte sich als einzige ihrer in Frankre­ich inte­gri­erten Fam­i­lie der Ver­schlep­pung franzö­sis­ch­er Behör­den in deutsche Ver­nich­tungslager entziehen. Sehr ein­fühlsam, voller per­sön­lich­er Emo­tion, fast zu per­sön­lich ist jet­zt auch Anne Berests Geschichte ihrer Fam­i­lie väter­lich­seits, geprägt durch ihre Wurzeln in der Bre­tagne. Auch hier wer­den tiefe Ein­schnitte im Leben der Men­schen nacher­leb­bar, muss auch von deutschen Kriegsver­brechen berichtet wer­den. Der Schw­er­punkt liegt allerd­ings in der von Auseinan­der­set­zun­gen mit Links- und Recht­sex­trem­is­ten geprägten Geschichte Frankre­ichs nach dem 2. Weltkrieg, die Welt der Wis­senschaftler (Berests Vater war ein bedeu­ten­der Math­e­matik­er). Ein sehr lesenswertes Buch, klar gegliedert durch die per­sön­lichen Per­spek­tiv­en der Pro­tag­o­nis­ten

Anne Berest: Vatertage, 539 Seit­en, Anne Berest: Vatertage, 539 Seit­en, Piper / Berlin Ver­lag 2026, ISBN: 9783827015372, 25 €

Orient-Express

Ein Aben­teuer

Der leg­endäre Ori­ent-Express hat schon seit 1977 seinen Betrieb eingestellt. Nur auf der Teil­strecke Paris – Venedig ist noch eine Luxus­vari­ante unter­wegs. Der Autor ist mit Bum­melzü­gen und Bussen unter­wegs über Venedig, Wien, Budapest, Bel­grad und Sofia. Er ist ein sehr guter Beobachter und Erzäh­ler, der span­nend und höchst infor­ma­tiv von seinen Begeg­nun­gen auf der Strecke und den Über­nach­tungsplätzen berichtet. Nicht jede Begeg­nung ist allerd­ings bericht­enswert. So sein Tre­f­fen mit Anlage­be­trügern in Salzburg. In Salzburg allerd­ings auch ein Hin­weis auf eine beson­dere Über­nach­tungsmöglichkeit in einem Kloster. Sein Ziel Rom, das über­haupt keinen Bezug zum Ori­ent-Express hat, ist eher redun­dant. Wohinge­gen Istan­bul mit zweiein­halb Seit­en abge­han­delt wird. Auch die Ausstat­tung dieses Buch­es (gebun­den mit Lese­bänd­chen) entspricht nicht einem Reise­buch. Sin­nvoller wären visuelle Ein­drücke mit Fotos gewe­sen. Der Autor berichtet von Fotos. Diese wer­den dem Leser aber voren­thal­ten.

Den­nis Gast­mann: Ori­ent-Express – Ein Aben­teuer, 297 Seit­en, Rowohlt Berlin Ver­lag, Berlin 2026, ISBN: 9783737102278, 24 €

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