Magazin für Kultur

Autor: Jörg Raach (Seite 2 von 8)

Alles, was wir nicht erinnern

Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters

Dies ist ein sehr per­sön­lich­es Buch. Es leis­tet das, was lange tabuisiert wurde, was das erst 2021 in Berlin eröffnete, zu stark im inter­na­tionalen Zusam­men­hang rel­a­tivierende Doku­men­ta­tion­szen­trum „Flucht, Vertrei­bung, Ver­söh­nung“ nicht ermöglicht: das über Gen­er­a­tio­nen wirk­ende Ver­brechen der Vertrei­bung emo­tion­al zu ver­mit­teln: Was bleibt heute vom Fluchtschick­sal? Wie gehen Fam­i­lien, wie gehen Gesellschaften, Deutsche, Polen und Tschechen mit der Ver­gan­gen­heit um? Wie geben sie ihre Ver­let­zun­gen und Alp­träume weit­er an die näch­ste Gen­er­a­tion.

Nach dem Tod des Vaters kehrt die Autorin in das schle­sis­che Dorf mit dem malerischen Namen zurück, nach Rosen­thal, das jet­zt Rózy­na heißt. Am 22. Jan­u­ar 2020 bricht sie auf und geht noch ein­mal den Weg sein­er Flucht 550 Kilo­me­ter nach West­en. Chris­tiane Hoff­manns Buch holt die Erin­nerung an Flucht und Vertrei­bung ins 21. Jahrhun­dert, es ver­schränkt ihre Fam­i­liengeschichte mit der His­to­rie. Beispiel­sweise besucht sie Reichenbach/Rychbach, wo die einzige in Schle­sien erhal­ten gebliebene Syn­a­goge ste­ht. Dort siedel­ten sich nach dem 2. Weltkrieg 18.000 Juden an. Nach den Pogromen in Kielce 1946 und weit­eren anti­semi­tis­chen Auss­chre­itun­gen ver­ließen fast alle Juden Polen.

Chris­tiane Hoff­mann: Alles, was wir nicht erin­nern — Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters, 279 S., Hard­cov­er mit 12 Abbil­dun­gen und 1 Karte, C.H. Beck Ver­lag, München 2022, ISBN 978–3‑406–78493‑4, 22 €

Vatertage

Anne Berests span­nende Recherche der väter­lichen Fam­i­liengeschichte

Die mit dem Buch „Die Postkarte“ erfol­gre­iche Autorin Anne Berest erforscht in diesem Buch die Fam­i­liengeschichte väter­lich­seits. In „Die Postkarte“ stand ihre jüdis­che Groß­mut­ter im Mit­telpunkt. Sie kon­nte sich als einzige ihrer in Frankre­ich inte­gri­erten Fam­i­lie der Ver­schlep­pung franzö­sis­ch­er Behör­den in deutsche Ver­nich­tungslager entziehen. Sehr ein­fühlsam, voller per­sön­lich­er Emo­tion, fast zu per­sön­lich ist jet­zt auch Anne Berests Geschichte ihrer Fam­i­lie väter­lich­seits, geprägt durch ihre Wurzeln in der Bre­tagne. Auch hier wer­den tiefe Ein­schnitte im Leben der Men­schen nacher­leb­bar, muss auch von deutschen Kriegsver­brechen berichtet wer­den. Der Schw­er­punkt liegt allerd­ings in der von Auseinan­der­set­zun­gen mit Links- und Recht­sex­trem­is­ten geprägten Geschichte Frankre­ichs nach dem 2. Weltkrieg, die Welt der Wis­senschaftler (Berests Vater war ein bedeu­ten­der Math­e­matik­er). Ein sehr lesenswertes Buch, klar gegliedert durch die per­sön­lichen Per­spek­tiv­en der Pro­tag­o­nis­ten

Anne Berest: Vatertage, 539 Seit­en, Anne Berest: Vatertage, 539 Seit­en, Piper / Berlin Ver­lag 2026, ISBN: 9783827015372, 25 €

Orient-Express

Ein Aben­teuer

Der leg­endäre Ori­ent-Express hat schon seit 1977 seinen Betrieb eingestellt. Nur auf der Teil­strecke Paris – Venedig ist noch eine Luxus­vari­ante unter­wegs. Der Autor ist mit Bum­melzü­gen und Bussen unter­wegs über Venedig, Wien, Budapest, Bel­grad und Sofia. Er ist ein sehr guter Beobachter und Erzäh­ler, der span­nend und höchst infor­ma­tiv von seinen Begeg­nun­gen auf der Strecke und den Über­nach­tungsplätzen berichtet. Nicht jede Begeg­nung ist allerd­ings bericht­enswert. So sein Tre­f­fen mit Anlage­be­trügern in Salzburg. In Salzburg allerd­ings auch ein Hin­weis auf eine beson­dere Über­nach­tungsmöglichkeit in einem Kloster. Sein Ziel Rom, das über­haupt keinen Bezug zum Ori­ent-Express hat, ist eher redun­dant. Wohinge­gen Istan­bul mit zweiein­halb Seit­en abge­han­delt wird. Auch die Ausstat­tung dieses Buch­es (gebun­den mit Lese­bänd­chen) entspricht nicht einem Reise­buch. Sin­nvoller wären visuelle Ein­drücke mit Fotos gewe­sen. Der Autor berichtet von Fotos. Diese wer­den dem Leser aber voren­thal­ten.

Den­nis Gast­mann: Ori­ent-Express – Ein Aben­teuer, 297 Seit­en, Rowohlt Berlin Ver­lag, Berlin 2026, ISBN: 9783737102278, 24 €

Rosa Luxemburg in Berlin

Ein biografis­ch­er Stadt­führer

Dieses kleine Buch hat es in sich: es ver­mit­telt wichtige Ereignisse der Berlin­er Stadt­geschichte und erin­nert an die her­aus­ra­gende Per­sön­lichkeit Rosa Lux­em­burgs. Es zeich­net den Lebensweg von Rosa Lux­em­burg im dama­li­gen Zen­trum der inter­na­tionalen Arbeit­er­be­we­gung nach. Begin­nend mit ihrem ersten Quarti­er unweit des Tier­gartens bis zur Fund­stelle ihres Leich­nams an ein­er Schleuse des Landwehrkanals viere­in­halb Monate nach ihrer Ermor­dung führt er zu den Orten, an denen Rosa Lux­em­burg in Berlin wirk­te und wo an sie erin­nert wird. Neben einem Stadt­plan mit der Kennze­ich­nung der beschriebe­nen Orte enthält es QR-Codes. Diese führen auf eine Lis­ter aller 15 Hörstücke im Audio­por­tal Sound­cloud.

Clau­dia von Gèlieu: Rosa Lux­em­burg in Berlin – Ein biografis­ch­er Stadt­führer, 136 Seit­en, Klap­pen­broschur, 6 €, Dietz Berlin Ver­lag, Berlin 2021, ISBN 978–3‑320–02380‑5

Sehnsucht nach dem Süden

Deutsche Kün­stler in Ital­ien 1865–1915


Dieser Kat­a­log zu ein­er Ausstel­lung in Ascona präsen­tiert Zeich­nun­gen, Gemälde und Plas­tiken deutschsprachiger Kün­stler, die zwis­chen der Mitte des 19. Jahrhun­derts und dem Aus­bruch des Ersten Weltkriegs in Ital­ien wirk­ten. Es han­delt sich über­wiegend um Lei­h­gaben eines unge­nan­nten süd­deutschen Samm­lers, der durch seinen Kun­stver­stand her­aus­ra­gende Kün­stler ent­deck­en läßt, die heute wenig bekan­nt sind: Otto Grein­er, Adolf Hirémy-Hirschl oder Sig­mund Lip­in­sky – sie wid­me­ten sich in ihren Werken antiken Lebens­for­men und klas­sis­chen Ide­alen, während andere, etwa Oswald Achen­bach oder Lud­wig Passi­ni, die Land­schaften und Stadt­szene­r­ien zwis­chen Venedig, Rom und dem Golf von Neapel in den Mit­telpunkt ihres Schaf­fens stell­ten.
„Auf­grund der for­malen Strenge ihrer Werke verkör­pern sie das Gegen­teil jen­er Kün­stler, die wei­thin als geistige Väter und Vor­re­it­er der soge­nan­nten, in den ersten Jahrzehn­ten des 20. Jahrhun­derts im Auf­schwung befind­lichen Avant­garde gel­ten. Dies ist ein­er der Haupt­gründe dafür, dass sie lange in Vergessen­heit ger­at­en waren, ehe sie vor einiger Zeit – über­aus ver­di­ent – wieder­ent­deckt wur­den und erneut die Aufmerk­samkeit von Kri­tik und Pub­likum auf sich zogen. „ (E. Bar­dazzi, S. 39)


Har­ald Fiebig und Ilse Ruch (Hg.): Sehn­sucht nach dem Süden, Deutsche Kün­stler in Ital­ien 1865–1915. Nos­tal­gia del sud — Artisti tedeschi in Italia, 1865–1915, 304 Seit­en, 104 far­bigen Abb. und 68 s/w‑Abb., Wien­and Ver­lag, Köln 2026, ISBN 978–3‑86832–849‑3, 34 €

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