Magazin für Kultur

Autor: Jörg Raach (Seite 2 von 6)

Schöne neue Arbeitswelt

Traum und Trauma der Moderne

Dieses opu­lente Kat­a­log-Buch zur aktuellen Ausstel­lung im LVR-Lan­desmu­se­um Bonn (bis 12.4.2026) geht von einem nahe liegen­den Ansatz aus: „Unsere Arbeitswelt ist im Umbruch. Wir steuern in eine offene Zukun­ft, die erst noch gestal­tet wer­den muss. Vor diesem Hin­ter­grund lohnt es sich, nach dem Wan­del der Arbeitswelt in ver­gan­genen Epochen zu fra­gen. Wie sind Men­schen früher mit den Her­aus­forderun­gen ein­er sich drama­tisch verän­dern­den Welt umge­gan­gen? (S. 7, Thorsten Valk, der Direk­tor des LVR Lan­desmu­se­ums) Doch geben die Kul­turzeug­nis­sen der Ver­gan­gen­heit (auch wenn sie erst 100 Jahre zurück liegt) Anre­gun­gen für die Lösung der aktuellen Prob­leme (Her­aus­forderun­gen durch die Glob­al­isierung und neuester tech­nis­chen Entwick­lung, KI, über­bor­dene Trans­for­ma­tions- und Sozialkosten)? Das ist eher zu bezweifeln. Aber die Ausstel­lung und der her­vor­ra­gende Kat­a­log bietet umfassende his­torische Infor­ma­tio­nen und ästhetis­chen Genuss. Gemälde und Skulp­turen, aber auch auch Büch­er, Plakate und zahlre­iche Fotografien ver­mit­teln ein Bild der Arbeitswelt im ersten Drit­tel des 20.

Schmäl­zle, Christoph/Valk, Thorsten (Hg.): Schöne neue Arbeitswelt — Traum und Trau­ma der Mod­erne, 256 Seit­en, 220 Abbil­dun­gen, gebun­den, Hirmer Ver­lag, München 2025, ISBN: 978–3‑7774–4624‑0, 50 €



Modersohn-Becker

Paula Beck­er & Otto Mod­er­sohn — Kun­st und Leben

Anlässlich des 150. Geburt­stags der inzwis­chen weltweit als bedeu­tende Kün­st­lerin geehrten Paula Mod­er­sohn-Beck­er wer­den in Worp­swede, dem zen­tralen Lebens- und Wirkung­sort Mod­er­sohn-Beck­ers, und in Dres­den Ausstel­lun­gen eröffnet, die ihr Werk aus den unter­schiedlich­sten Per­spek­tiv­en würdi­gen (in Dres­den im Bezug zu Munch). Dabei wird die wichtige gegen­seit­ige Bee­in­flus­sung und Anre­gung durch ihren Mann und anerkan­nten Land­schafts­maler Otto Mod­er­sohn zu wenig Beach­tung geschenkt. Diese Neuau­flage ein­er Ausstel­lung im Bre­mer Paula-Mod­er­sohn-Beck­er-Muse­um bietet eine reizvolle Ergänzung, sie präsen­tiert rund 80 Gemälde und Zeich­nun­gen von Paula Mod­er­sohn-Beck­er und Otto Mod­er­sohn – darunter zahlre­iche, bis­lang nie gezeigte Skizzen aus öffentlichen und pri­vat­en Samm­lun­gen. Die aus­gewählten Werke geben einen konzen­tri­erten Ein­blick in zen­trale The­men der bei­den Kün­stler, von Land­schaften über Fam­i­lien­leben bis hin zu Worp­swede, und eröff­nen zugle­ich neue Blick­winkel auf ihr kün­st­lerisches Schaf­fen. Anlass für die Gegenüber­stel­lung dieser Werke in der Pub­lika­tion ist der 2017 erst­mals veröf­fentlichte Briefwech­sel des Paares. Er gibt Ein­blick in die Vielschichtigkeit dieser Beziehung und ihre mod­er­nen und damals schon emanzip­ierten Ideen und Ein­stel­lun­gen.

Paula-Mod­er­sohn-Beck­er-Stiftung (Hsg.): Paula Beck­er & Otto Mod­er­sohn — Kun­st und Leben, 92 S., 79 Abb., 978–3‑86832–852‑3, Wien­and Ver­lag, Köln 2026, 24 €

Avantgarde

Max Lieber­mann und der Impres­sion­is­mus in Deutsch­land

Dieses opu­lente Kat­a­log­buch macht Vor­freude auf einen Berlin/Potsdamer Ausstel­lung­shöhep­unkt im Jahr 2026 (vom 28.2. bis 7.6.2026 im Muse­um Bar­beri­ni Pots­dam). Endlich wird auch der deutsche Impres­sion­is­mus umfassend gewürdigt. Die Ausstel­lung gibt einen Überblick über die Entwick­lung des deutschen Impres­sion­is­mus und stellt neben den im Kanon ver­ankerten Malern wie Lovis Corinth, Max Lieber­mann und Max Slevogt auch weniger bekan­nte Kün­st­lerin­nen und Kün­stler wie Maria Slavona, Dora Hitz, Philipp Franck, Chris­t­ian Rohlfs und Less­er Ury vor. Obwohl Max Lieber­mann einen her­aus­ra­gen­den Ein­fluss auf deutsche Kün­stler hat­te, als Samm­ler, Ausstel­lungs­mach­er und Men­tor, ist der deutsche Impres­sion­is­mus ger­ade durch seine vor und nach der Jahrhun­der­twende in ver­schiede­nen regionalen Schw­er­punk­ten ent­standene Vielfalt (außer Berlin u.a. in München, Stuttgart, Mannheim) beson­ders vielfältig. „Mit über 130 Werken aus mehr als 60 inter­na­tionalen Samm­lun­gen han­delt es sich bei der Schau um eine der größten Ausstel­lun­gen, die der Entwick­lung des deutschen Impres­sion­is­mus bis­lang gewid­met wur­den.“ (Ortrud Wes­t­hei­der, Direk­torin Muse­um Bar­beri­ni, S. 16) Das Kat­a­log­buch zeich­net sich durch pro­funde kun­sthis­torische Ein­führung­s­texte und Erläuterun­gen zu den Ausstel­lungss­chw­er­punk­ten aus (Draußen im Freien, Stadt­bilder, Haus und Garten, Kinder­bilder, Stil­lleben, Große Gefüh­le auf Bühne und Lein­wand und schließlich Paradies am Wannsee. Lieber­manns Maler­garten). Große Bil­dauss­chnitte machen die freie Mal­weise, die ungezügelte Pin­selführung der Impres­sion­is­ten anschaulich.

Avant­garde – Max Lieber­mann und der Impres­sion­is­mus in Deutsch­land Fes­tein­band, 288 Seit­en, zahlre­iche Farb-Abbil­dun­gen, ISBN 978–3‑7913–7624‑0, Pres­tel Ver­lag, München 2025, 45 €

Die Malerei der Romantik

Kom­pendi­um der roman­tis­ch­er Malerei von Friedrich bis Turn­er

Dieses Buch ist her­aus­ra­gend, eine ver­legerisches Glanzstück, ein Füll­horn großar­tiger Gemälde, über 1000 Farbab­bil­dun­gen in bester Qual­ität, häu­fig über zwei Seit­en des groß­for­mati­gen Buch­es, kün­ftig das Kom­pendi­um roman­tis­ch­er Malerei. Es stellt die Malerei der Roman­tik als gesam­teu­ropäis­ches Phänomen dar mit deut­lichem Schw­er­punkt im deutschsprachi­gen Raum. Diese Malerei, häu­fig schon lange vor dem Impres­sion­is­mus als Pleinair­malerei, begann im 18. Jahrhun­dert, ihren Höhep­unkt hat­te sie in der 1. Hälfte des 19. Jahrhun­derts. „In Anbe­tra­cht des Fehlens … ein­er spez­i­fisch roman­tis­chen Architek­tur kann sie nicht als eigen­ständi­ge Epoche ange­se­hen werden…Je nach Blick­winkel und Ein­gren­zung ist die Malerei der Roman­tik eine Ran­der­schei­n­ung inner­halb der Malereigeschichte dieser Zeit, die dem Klas­sizis­mus ange­hört.“ (S.9/10) Der Autor schreibt zur Auswahl: „Die Auswahl der Maler, die in diesem Buch mono­grafisch behan­delt wer­den, erfol­gte nach ihrer Qual­ität und Bedeu­tung. Es han­delt sich fast auss­chließlich um Kün­stler, deren Anliegen die emo­tionale Wieder­gabe ein­er Sit­u­a­tion oder Land­schaft war.“ (S. 8).
Das Buch begin­nt mit den Werken der Vor­ro­man­tik, ins­beson­dere von Claude Joseph Ver­net, der malerische Hafe­nan­sicht­en, Son­nenun­tergänge und drama­tis­che Schiff­bruch­szenen malte. Weit­er­hin gilt den Malern der Vulka­n­malerei um Wright of Der­by und Michael Wutky sowie den Land­schafts­malern Cas­par Wolf und Adri­an Zingg ein beson­deres Augen­merk.

Im Haupt­teils des Buch­es wer­den nach ein­er Ein­leitung zur his­torischen Einord­nung und den Motivschw­er­punk­ten vierzig Maler der Roman­tik aus Deutsch­land, Öster­re­ich, der Schweiz und Skan­di­navien mono­grafisch vorgestellt. Ein­drucksvoll ist die Vielfalt, viele der an Kun­st inter­essierten Öffentlichkeit gän­zlich unbekan­nte Kün­stler sind zu ent­deck­en: Carl Wil­helm Götzhoff (ein­drucksvolle ital­ienis­che Land­schafts­bilder), Julius von Ley­pold (deut­lich als Schüler C.D. Friedrich zu erken­nen), Alexan­dre Calame (aus der franzö­sis­chsprachi­gen Schweiz stam­mend, ein­er der beliebtesten Alpen­maler sein­er Zeit) und Johann Jakob Frey (ein Schweiz­er Maler, der mit seinen ital­ienis­chen Land­schafts- und Him­mel­san­sicht­en begeis­terte) seien als her­aus­ra­gende Beispiele genan­nt. Schw­er­punkt liegt natür­lich auf den berühmten Malern der Roman­tik von Friedrich, Dahl, Carus, Blechen bis zur Düs­sel­dor­fer Maler­schule unter Schirmer. Her­vorzuheben ist dabei, dass auch bei diesen Kün­stlern weniger bekan­nte, doch nicht weniger ein­drucksvolle Werke abge­bildet wer­den. Auch bei den Werken franzö­sis­ch­er, englis­ch­er und rus­sis­ch­er Kün­stler wer­den die bekan­nte Maler wie William Turn­er und John Con­sta­ble bzw. Thèodore Géri­cault und Eugène Delacroix vorgestellt und es sind Ent­deck­un­gen zu machen wie beispiel­sweise Thèodore Gudin mit seinen See- und Him­mel­san­sicht­en. Schließlich wer­den auch bedeu­tende roman­tis­che Maler aus den USA vorgestellt, deren ein­drucksvolle Land­schafts­darstel­lun­gen auch in Europa bekan­nt gewor­den sind: Thomas Cole, Fred­er­ic Edwin Church und Albert Bier­stadt. Kün­stler aus Ital­ien und Spanien fehlen. Wohl hat­te dort die Roman­tik nicht diesen prä­gen­den Ein­fluss. Oder waren es Platz­gründe, denn dieses so empfehlenswerte Kom­pendi­um roman­tis­ch­er Malerei ist jet­zt schon schw­ergewichtig genug.

Michael Imhof: Die Malerei der Roman­tik, Von Friedrich bis Turn­er, 832 Seit­en, 1.116 Farb-Abbil­dun­gen, ISBN 978–3‑7319–1385‑6, Michael Imhof Ver­lag, Peters­berg 2025, Sub­skrip­tion­spreis bis 31.1.2026: 69,00 Euro Euro (D), danach: 99,00 Euro Euro (D)

Alte Wut

Warum ich an den Ort reiste, von dem mein Vater einst fliehen musste

Als Zehn­jähriger wurde der Vater der Autorin aus Ost­preußen ver­trieben. Er ver­lor seine Heimat, seine Kind­heit und erlebte die schreck­liche Gewalt der Vertrei­bun­gen. Achtzig Jahre später macht sich seine Tochter auf die 300 Kilo­me­ter lange Reise von München nach Osterode in Masuren ent­lang der Fluchtroute ihres Vaters. Sie will ver­ste­hen, warum sich die seel­is­chen Ver­let­zun­gen ihres Vaters in ihrem eige­nen Leben fortpflanzen kon­nten („…hin­ter­her­reist. Und damit auch dir selb­st – denn wenn du ehrlich bist, weißt du, dass es dieses Kind ist, das in deinem Herzen haust. Sein Schmerz ist dein Schmerz.“ S. 32). Wo liegt der Ursprung ihrer durch­lebten Mager­sucht, ihrer Kämpfe gegen Depres­sion und Burn-out? Wie vererben sich Trau­ma­ta von ein­er Gen­er­a­tion auf die näch­ste? Matzkos Vater trug zeitlebens diese „alte Wut“ über die Vertrei­bungser­fahrung mit sich. Sie äußerte sich in hefti­gen Wutaus­brüchen und beson­ders rigi­dem Kon­trolbedürf­nis. Vieles übertrug sich auf die Tochter. Mit scho­nungslos­er Offen­heit erzählt Caro Matzko in sehr direkt-per­sön­lich­er Erzählweise von ihrem Leben und der Reise in die Ver­gan­gen­heit.

Caro Matzko: Alte Wut — Warum ich an den Ort reiste, von dem mein Vater einst fliehen musste, 220 Seit­en, Fotos und Karte in den Buchin­nen­seit­en, ISBN 978–3‑492–07372‑1, Piper Ver­lag, München 2025, 24 €

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