Magazin für Kultur

Autor: Jörg Raach (Seite 2 von 7)

HERMIONE

Die Flucht ins Leben

Eine Kabi­net­tausstel­lung in der Alten Nation­al­ga­lerie, Staatliche Museen zu Berlin, erin­nert mit dem Skan­dal-Bild eines gekrön­ten Skeletts bis zum 15. 11. 2026 an die Malerin, Dich­terin und Wel­treisende Hermione von Preuschen (1854 – 1918), heute völ­lig unbekan­nt – obwohl sie bis zu ihrem Tod inter­na­tion­al und nation­al eine Berühmtheit war. Ihre zahlre­ichen Werke (bis auf das Skan­dal­bild und zwei weit­ere Gemälde, die sich in Museen befind­en) sind ver­schwun­den bzw. im Krieg ver­stört wor­den, ihre Kün­stlervil­la mit Ausstel­lung­shalle in Berlin-Licht­en­rade wur­den abgeris­sen. Deshalb ist die Biografie par excel­lence von Bernd Erhard Fis­ch­er so wertvoll. Sie erzählt sehr far­big, umfassend recher­chiert und infor­ma­tiv illus­tri­ert vom tragis­chen Auf und Ab des Lebens dieser Kün­st­lerin, die große Ausstel­lungser­folge erlebte, aber immer wieder gegen Kün­st­lerin­nen gerichtete Schmähun­gen kämpfen musste (der heute noch oft zitierte Kri­tik­er Karl Schef­fler sprach von „fem­i­nin­er Sudelei“). Sie unter­nahm fünf Wel­treisen, malte und beschrieb ihre Reiseein­drücke, hat­te Beziehun­gen zu zahlre­ichen zeit­genös­sis­chen Dichterkol­le­gen (Rilke schätze sie sehr, mit dem früh ver­stor­be­nen Schrift­steller Kon­rad Tel­mann war sie ver­heiratet, mit Her­mann Sud­er­mann und Theodor Storm war sie befre­un­det). Sie trat als Frauen­recht­lerin auf und war aktiv im Vere­in der Berlin­er Kün­st­lerin­nen, dem ersten deutschen Kün­st­lerin­nen­vere­in.

Bernd Erhard Fis­ch­er: Hermione – Die Flucht ins Leben, Eine poet­is­che Biografie, 352 S., zahlre­iche s/w Abb.en, 978–3‑948114008, Edi­tion A B Fis­ch­er, Berlin 2019, 24 €

Brancusi

Das Wesen der Dinge

Dieses her­aus­ra­gende Kat­a­log-Buch doku­men­tiert ein zen­trales Berlin­er Ausstel­lungsereig­nis in Berlin 2026: die Ret­ro­spek­tive in der Neuen Nation­al­ga­lerie zum Werk Con­stan­tin Bran­cu­sis (geb. 1876 in Hobița, Rumänien; gest. 1957 in Paris). Bran­cusi zählt zu den bedeu­tend­sten Bild­hauern der Mod­erne und ist bis heute prä­gend für Gen­er­a­tio­nen von Künstler*innen. „Er hat in Frankre­ich den Sta­tus eines nationalen Kul­turschatzes. Bran­cusi ist ein Aus­nah­mekün­stler und gilt als Weg­bere­it­er der mod­er­nen Kun­st, der Skulp­tur, der Fotografie, der Zeich­nung, des Films und der Instal­la­tion.“ (Klaus Biesen­bach im Vor­wort, S. 6). Nach ein­er akademis­chen Kun­staus­bil­dung in Rumänien reiste er mit 28 Jahren quer durch Europa, um sich in Paris niederzu­lassen. Schon in den 1920er Jahren wurde er in Europa und den USA als bedeu­ten­der Kün­stler anerkan­nt, er war in Kün­stlerkreisen gut ver­net­zt und erfol­gre­ich im Selb­st­mar­ket­ing. In eigen­er Dunkelka­m­mer gelan­gen ihm mit seines Werk­fo­tografien fotografis­che Kunst­werke. Seine organ­is­chen, bis auf das Wesentliche reduzierten Werke machen ihn zum Vor­re­it­er der skulp­turalen Abstrak­tion im frühen 20. Jahrhun­dert. Bran­cu­sis stetige Suche nach einem kün­st­lerischen Ide­al man­i­festiert sich in den for­malen Vari­a­tio­nen weniger Motive und dem Spiel mit wech­sel­nden Mate­ri­alien und Ober­flächen. Gekon­nt nutzte er spez­i­fis­che Sock­el, Licht, Bewe­gung sowie Fotografie und Film, um seine Skulp­turen in Szene zu set­zen. Die Ausstel­lung wurde ermöglicht durch eine Koop­er­a­tion mit dem Cen­tre Pom­pi­dou in Paris, das einen Großteil sein­er Werke besitzt und bis 2030 wegen Ren­ovierung geschlossen ist.

Der her­aus­ra­gende Ausstel­lungskat­a­log glänzt durch hochw­er­tige Gestal­tung und beste Fotografien der aus­gestell­ten Werke. Er enthält eine Kurzbi­ografie mit Fotos des Kün­stlers aus seinem Nach­lass. Lei­der fehlen Abbil­dun­gen der erwäh­n­ten mon­u­men­tal­en Skulp­turen, die Bran­cusi als Denkmale in Rumänien geschaf­fen hat.

Klaus Biesen­bach, Maike Steinkamp / Neue Nation­al­ga­lerie (Hrsg.):Constantin Bran­cusi, 240 Seit­en, 94 Farbab­bil­dun­gen, Hard­cov­er , 978–3‑95476–825‑7, Dis­tanz Ver­lag, Berlin 2026, 44 €

Elbland

Tief bewe­gend: eine deutsch-tschechis­che Fam­i­liengeschichte

Die Autorin wid­met diesen Roman vor deut­lichem auto­bi­ografis­chen Hin­ter­grund ihrer Groß­mut­ter: „Am 14.6.1945 hat­te meine Groß­mut­ter Helene eine Stunde Zeit, um mit drei kleinen Kindern ihr Haus zu ver­lassen. Nach­dem sie in offe­nen Kohlewag­gons tage­lang unter­wegs waren und irgend­wo in Sach­sen ausstiegen, irrten sie hungernd und schut­z­los drei Monate lang durch ein zer­störtes Land voller zer­störter Men­schen.“ (S. 362) Die bru­tale Vertrei­bung von drei Mil­lio­nen Sude­tendeutschen nach dem 2. Weltkrieg ist Ursache von tiefer Trau­ma­ta, die sich über mehrere Gen­er­a­tio­nen hinziehen. Der Autorin dieser emo­tion­al bewe­gen­den Fam­i­liengeschichte gelingt es umfassend, psy­chol­o­gisch sehr ein­fühlsam das Geschehen der Zeit­geschichte im Erleben der Pro­tag­o­nis­ten darzustellen: her­aus­ra­gend!

Clau­dia Rikl: Elb­land, 368 Seit­en, ISBN 9783550204463 , Ull­stein Ver­lag, Berlin 2026, 23,99 €

Monas Augen

Ein anre­gen­der Gang durch die Kun­st­geschichte

Der Unter­ti­tel dieses franzö­sis­chen Best­sellers „ Eine Reise zu den schön­sten Kunst­werken unser­er Zeit“ kann sich­er nur sehr sub­jek­tiv ver­standen wer­den, auch die Gat­tungs­beze­ich­nung Roman. Es han­delt sich um einen sehr anre­gen­den Gang durch die Kun­st­geschichte: 52 Werke aus den Paris­er Museen Lou­vre, Musée d’Or­say und Cen­tre Pom­pi­dou wer­den höchst infor­ma­tiv vorgestellt und mit Lebensweisheit­en ver­bun­den. Die Auswahl begin­nt mit Bot­ti­cel­li und da Vin­ci geht über Courbet, Manet und Mon­et bis zu schw­er ver­ständliche mod­erne „Werke“ von Louise Bour­geois und Mari­na Abramovic. Die Rah­men­hand­lung ist sehr reizvoll gewählt: ein Groß­vater besucht mit sein­er aufgeweck­ten zehn­jähri­gen Enke­lin die genan­nten Museen, „um die gren­zen­lose Lust der Far­ben und For­men (zu) empfind­en, dann erk­lärend, damit sie das Sta­di­um des visuellen Entzück­ens hin­ter sich lassen und ver­ste­hen kon­nte, wie die Kün­stler uns vom Leben erzählen und wie sie es beleucht­en.“ (S. 26) Sämtliche besproch­ene Kunst­werke sind in den Vorder- und Rück­seit­en der Klap­pen­broschur abge­bildet, lei­der oft so klein, dass zum Nachvol­lziehen der sehr überzeu­gen­den Bild­be­tra­ch­tun­gen andere visuelle Vor­la­gen hinzuge­zo­gen wer­den müssen.

Thomas Sch­less­er: Monas Augen – Eine Reise zu den schön­sten Kunst­werken unser­er Zeit, 496 Seit­en, Klap­pen­broschur, 978–3‑492–06800‑0, Piper Ver­lag, München 2026, 18 €

Schöne neue Arbeitswelt

Traum und Trauma der Moderne

Dieses opu­lente Kat­a­log-Buch zur aktuellen Ausstel­lung im LVR-Lan­desmu­se­um Bonn (bis 12.4.2026) geht von einem nahe liegen­den Ansatz aus: „Unsere Arbeitswelt ist im Umbruch. Wir steuern in eine offene Zukun­ft, die erst noch gestal­tet wer­den muss. Vor diesem Hin­ter­grund lohnt es sich, nach dem Wan­del der Arbeitswelt in ver­gan­genen Epochen zu fra­gen. Wie sind Men­schen früher mit den Her­aus­forderun­gen ein­er sich drama­tisch verän­dern­den Welt umge­gan­gen? (S. 7, Thorsten Valk, der Direk­tor des LVR Lan­desmu­se­ums) Doch geben die Kul­turzeug­nis­sen der Ver­gan­gen­heit (auch wenn sie erst 100 Jahre zurück liegt) Anre­gun­gen für die Lösung der aktuellen Prob­leme (Her­aus­forderun­gen durch die Glob­al­isierung und neuester tech­nis­chen Entwick­lung, KI, über­bor­dene Trans­for­ma­tions- und Sozialkosten)? Das ist eher zu bezweifeln. Aber die Ausstel­lung und der her­vor­ra­gende Kat­a­log bietet umfassende his­torische Infor­ma­tio­nen und ästhetis­chen Genuss. Gemälde und Skulp­turen, aber auch auch Büch­er, Plakate und zahlre­iche Fotografien ver­mit­teln ein Bild der Arbeitswelt im ersten Drit­tel des 20.

Schmäl­zle, Christoph/Valk, Thorsten (Hg.): Schöne neue Arbeitswelt — Traum und Trau­ma der Mod­erne, 256 Seit­en, 220 Abbil­dun­gen, gebun­den, Hirmer Ver­lag, München 2025, ISBN: 978–3‑7774–4624‑0, 50 €



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