Magazin für Kultur

Kategorie: Reisereportage (Seite 1 von 2)

Orient-Express

Ein Aben­teuer

Der leg­endäre Ori­ent-Express hat schon seit 1977 seinen Betrieb eingestellt. Nur auf der Teil­strecke Paris – Venedig ist noch eine Luxus­vari­ante unter­wegs. Der Autor ist mit Bum­melzü­gen und Bussen unter­wegs über Venedig, Wien, Budapest, Bel­grad und Sofia. Er ist ein sehr guter Beobachter und Erzäh­ler, der span­nend und höchst infor­ma­tiv von seinen Begeg­nun­gen auf der Strecke und den Über­nach­tungsplätzen berichtet. Nicht jede Begeg­nung ist allerd­ings bericht­enswert. So sein Tre­f­fen mit Anlage­be­trügern in Salzburg. In Salzburg allerd­ings auch ein Hin­weis auf eine beson­dere Über­nach­tungsmöglichkeit in einem Kloster. Sein Ziel Rom, das über­haupt keinen Bezug zum Ori­ent-Express hat, ist eher redun­dant. Wohinge­gen Istan­bul mit zweiein­halb Seit­en abge­han­delt wird. Auch die Ausstat­tung dieses Buch­es (gebun­den mit Lese­bänd­chen) entspricht nicht einem Reise­buch. Sin­nvoller wären visuelle Ein­drücke mit Fotos gewe­sen. Der Autor berichtet von Fotos. Diese wer­den dem Leser aber voren­thal­ten.

Den­nis Gast­mann: Ori­ent-Express – Ein Aben­teuer, 297 Seit­en, Rowohlt Berlin Ver­lag, Berlin 2026, ISBN: 9783737102278, 24 €

Nach Santiago wollte ich nie

Immer wieder bewe­gend: der Jakob­sweg

Tiefes emo­tionales Erleben prägt diesen ganz per­sön­lichen Bericht ein­er 3348 Kilo­me­ter lan­gen Pil­ger­reise. Die Autorin, eine Jour­nal­istin und Kom­mu­nika­tions­ber­a­terin, startet 2023 in Pots­dam und erre­icht fünf Monate später San­ti­a­go de Com­postel­la. Mit dem fes­ten Willen, sich selb­st wiederzufind­en, beg­ibt sie sich auf den Jakob­sweg, fol­gt den Spuren ihrer Biografie ein­mal quer durch Deutsch­land, und wan­dert dann durch Frankre­ich und Spanien bis zum ersehn­ten Pil­gerziel. Die Lek­türe dieses anre­gen­den Reise­berichts ver­mit­telt Hor­i­zon­ter­weiterun­gen, nicht nur räum­lich-geografisch, son­dern vor allem men­schlich: die Reflex­io­nen zum Leben der Autorin, die Schilderun­gen von Begeg­nun­gen mit Pil­gern aus aller Welt, die Eingeständ­nisse von Zweifeln und die Momenten des puren Glücks. Schön wären noch mehr Abbil­dun­gen der so ein­drucksvoll im Buch beschriebe­nen Orte gewe­sen.

Cor­nelia Koch: Nach San­ti­a­go wollte ich nie, 340 Seit­en, ISBN 9783616036113, Mair­Du­mont Ver­lag, Ost­fildern 2026, 18,95 €

22 Touren in Berlin

die man gemacht haben muss und auch von mir sehr emp­fohlen wer­den

Dieser neueste Band aus der sehr erfol­gre­ichen Rei­he „111 Orte in…, die man gese­hen haben muss“ (die Ziele deck­en viele deutsche Städte und Land­schaften ab, Berlin ist schon mehrfach vertreten, inzwis­chen sind Ziele auch weltweit ange­siedelt, laut wikipedia sind 362 Titel erschienen) beschränkt sich auf 22 Touren, die es in sich haben: Bestens recher­chiert und bebildert, mit Infor­ma­tio­nen und Tipps selb­st für Stadtken­ner, voller Anre­gun­gen für Erkun­dun­gen. Dieses Buch macht Vor­freude auf das Früh­jahr und den Som­mer, wenn diese Touren beson­ders viel Spaß machen. Die Touren durch den Kaskelkiez und Alt-Stralau, durch Licht­en­berg (mit tre­f­fend­er Charak­ter­isierung des Stasi-Unwe­sens in knap­per Form) und durch Grunewald („Vom Gleis 17 zum Gold­e­nen Hirsch“) sind beson­ders reizvoll. Weit­ere Touren seien angeregt: durch den Nord­west­en (Tegel und Frohnau), durch Steglitz mit Botanis­chem Garten, der Spiegel­wand und dem Café Baier oder gar durch Ober­schönewei­de mit seinen bedeu­ten­den Indus­triedenkmalen. Ja, und Span­dau mit seinen reizvollen Tour­möglichkeit­en fehlt auch noch…

Annett Klingn­er: 22 Touren in Berlin, die man gemacht haben muss,
240 Seit­en, zahlre­iche Farbabb.en, Emons Ver­lag, Köln 2025, ISBN 978–3‑7408–2444‑0, 22,00 €

Wie der Riesling nach New South Wales kam

Was soll man tun, wenn es einen in eine Gegend ver­schla­gen hat, wo kein Wein wächst? Ganz klar, man importiert welchen und am besten stellt man auch gle­ich ein paar Arbeit­er an, die etwas vom Weinan­bau ver­ste­hen.

Ob das die Über­legun­gen waren, die den Unternehmer und Poli­tik­er John Macarthur motivierten, ist nicht ein­wand­frei zu rekon­stru­ieren. Es ste­ht aber fest, dass es zu sein­er Zeit, als die Kolonie New South Wales noch in ihren Anfän­gen steck­te, dort keinen Wein gab und dass die Macarthurs die ersten und die erfol­gre­ich­sten waren, die Weine in der Region kul­tivierten.

Eine gute Idee

John Macarthur war zwar nicht vom Fach, aber er hat­te seinen Geschmacks­gau­men trainiert. Zusam­men mit seinen Söh­nen William und Edward unter­nahm er zwis­chen 1815 und 1816 eine Expe­di­tion nach Europa, um ver­schiedene Wein­sorten zu inspizieren und neben­bei noch etwas über deren Anbau zu erler­nen. Allerd­ings reichte seine prak­tis­che Erfahrung dann doch nicht aus, um ein paar der Wein­reben in brauch­barem Zus­tand nach Aus­tralien zu trans­portieren.

Zuhause der Macarthurs um 1834, Cam­den Muse­um © Sophia Höff

Immer­hin besaß er schon das passende Land: Als John Macarthur 1805 fün­f­tausend Mor­gen Land zuge­sprochen bekam, hieß die Region noch Cow­pas­ture Plains. Macarthur hat­te den britis­chen Kolo­nialsekretär Lord Cam­den davon überzeugt, dass sich das Land prächtig für Viehzucht und Land­wirtschaft eignen würde. 1830 hat­ten die Macarthurs dort einen ersten Wein­berg angelegt.

Die nächste Generation übernimmt

Schein­bar nahm die geistige Gesund­heit John Macarthurs allmäh­lich ab. Daher über­nah­men 1832 seine Söhne das Rud­er. Die Schafzucht flo­ri­erte bere­its und der Weinan­bau wurde eifrig vor­angetrieben. Dazu soll­ten deutsche und englis­che Winz­er angestellt wer­den.

Im Okto­ber 1835 gab Gou­verneur Bourke ein Sys­tem von Belo­bi­gun­gen bekan­nt, wodurch bes­timmte Immi­granten sub­ven­tion­iert wer­den soll­ten. Das Schema favorisierte Lan­dar­beit­er mit Fam­i­lie. Arbeit­ge­ber kon­nten so gün­stig Arbeit­er in die Kolonie holen.

Das kam für die Macarthurs wie gerufen. Edward hat­te ger­ade seinen Posten im House of Lords ver­loren und suchte ohne­hin nach ein­er sin­nvollen Betä­ti­gungsmöglichkeit. Deshalb ging er nach Deutsch­land, um Winz­er aus dem Rheinthal zu rekru­tieren. Das Sys­tem von Belo­bi­gun­gen zielte nicht nur auf das fach­liche Kön­nen, son­dern auch auf den Charak­ter ab. Es gab schein­bar Schwierigkeit­en, die erforder­lichen Papiere zu bekom­men. Deshalb ließ Edward seine Beziehung spie­len und reichte am 15. März 1837 eine Eingabe bei Lord Glenelg in Lon­don ein. Der sollte bestäti­gen, dass die Auswan­derung der sechs aus­ge­sucht­en Fam­i­lien durch die Regierung ihrer Majestät sank­tion­iert war. Die Zeit dränge, heißt es in der Eingabe, denn die Fam­i­lien soll­ten einige Monate vor der Wein­ernte ankom­men, die im Jan­u­ar und Feb­ru­ar stat­tfind­en würde.1

Die ersten Deutschen in New South Wales

Nach diesem Schema bracht­en die Macarthurs zwis­chen 1837 und 1838 sechs Fam­i­lien aus dem Rhein­tal in der Nähe von Frank­furt nach New South Wales. Das Schiff mit den deutschen Fam­i­lien an Bord legte am 10. Dezem­ber 1837 in Lon­don ab. Wie aus den Pas­sagierlis­ten zu erse­hen ist, stammten sie aus Nas­sau. Sie waren als Diener gelis­tet.

Trauben­presse der Winz­er­fam­i­lie Thurn, Cam­den Muse­um © Sophia Höff

Die Reise ver­lief nicht rei­bungs­los: Kurz nach­dem sie Lon­don ver­lassen hat­ten, wur­den viele der Frauen und Kinder seekrank. Außer­dem mussten sie mit anse­hen, wie ein Matrose, der zu tief ins Glas geguckt hat­te und zur Strafe ans Steuer­rad gebun­den wurde, durch die stür­mis­che See über Bord ging. Ins­beson­dere Johann Stein erwies sich als echter Karneval­ist, als er bei ein­er mak­aberen See­mannsz­er­e­monie an Fasching dachte. In einem Brief vom 27. Mai 1838 erzählte er, dass sich fünf der Matrosen verklei­de­ten, Schiff­s­teer auf das Gesicht der Fahrgäste träufel­ten und sie anschließend mit einem Ring absch­abten. Ein offen­bar wider­lich schmeck­endes Getränk musste auch kon­sum­iert wer­den.2

Über kurz oder lang war die Seefahrt über­standen. Die Wein­ernte des Jahres 1838 hat­ten sie jedoch ver­passt, als sie am 22. April in Syd­ney ein­liefen. Die sechs nas­sauis­chen Fam­i­lien waren die erste sig­nifikante Gruppe Deutsch­er, die nach New South Wales kam. Mit ihnen kam der erste Ries­ling in die Kolonie. Die Cot­tages in Cam­den Park, wie Macarthur sein Land in Anerken­nung seines Gön­ners nan­nte, standen für die Deutschen bere­it. Sie waren mit allem Notwendi­gen aus­ges­tat­tet.

Der Wein wächst und gedeiht…

Der Ries­ling, der im Rhein­tal ange­baut wird, ist sicher­lich nicht zu ver­acht­en. Doch die Macarthurs hat­ten wahrschein­lich nicht die kul­turellen Unter­schiede bedacht. Ins­beson­dere William hat­te Prob­leme die nas­sauis­che Leben­sart nachzu­vol­lziehen. In einem Brief vom 20. August 1847 schrieb er an Edward: „Sie waren eine sehr unan­genehme Gesellschaft, unun­ter­brochen am Stre­it­en und in heißem Wass­er“.3

… persönliche Differenzen ebenso

Den gele­gentlich aus­ge­tauscht­en Ansicht­en zu poli­tis­ch­er Frei­heit kon­nte er sich über­haupt nicht anschließen. Es stand das Rev­o­lu­tion­s­jahr 1848 vor der Tür. Sobald ihr Fünf-Jahresver­trag erfüllt war, entließ William deshalb alle Nas­sauer bis auf Johann Stein, den er als einen exzel­len­ten und treuen Angestell­ten beze­ich­nete.

Ein­trag über Johann Stein in der Buch­hal­tung der Macarthurs, State Library of NSW © Sophia Höff

Doch die Dif­feren­zen, die William mit den Nas­sauern gehabt zu haben schien, waren wohl nicht grund­sät­zlich. Denn als 1843 die Verträge der sechs Arbeit­er aus­liefen, wollte er neue aus Deutsch­land kom­men lassen. Die Kolo­nial­regierung in Lon­don lehnte das mit der Begrün­dung ab, dass keine größere Anzahl nicht-britis­ch­er Winz­er als Arbeit­er in der Kolonie zuge­lassen wer­den kön­nten. In einem Vor­wort zu seinen gesam­melten Zeitungs­beiträ­gen „Let­ters on the Cul­ture of the Vine, Fer­men­ta­tion and the Man­age­ment of the Wine in the Cel­lar“ kon­terte William Macarthur ärg­er­lich: „Es mag natür­licher­weise gefragt wer­den, wie es kommt, dass, wenn Boden und Kli­ma so vorteil­haft für Weinan­bau sind, wir unsere Hügel nicht von Wein eingek­lei­det sehen […]? [E]s ist der beina­he vol­lkomme­nen Abwe­sen­heit von prak­tis­ch­er Erfahrung mit den Einzel­heit­en geschuldet. Hätte unsere Heima­tregierung ihre Pflicht erfüllt, hätte sie […] zwei- oder drei­hun­dert deutsche, schweiz­erische oder franzö­sis­che Winz­er an unsere Küsten über­sandt“.4

Natür­lich kon­nte auch dieses Hin­der­nis aus dem Weg geräumt wer­den und weit­ere deutsche Fam­i­lien kamen nach Cam­den Park. Darunter war auch Joseph Stein, der nach Johann und Jakob als drit­ter aus der Fam­i­lie Stein nach Syd­ney kam. Sein Brud­er Johann Stein hat­te für ihn eine Anstel­lung bei den Macarthurs arrang­iert. In einem Brief an Bern­hard Jung vom 26. Sep­tem­ber 1849 berichtete Joseph Stein, dass er eben­falls bei den Macarthurs als Auf­se­her über den Wein­berg und den Keller arbeit­en und in das­selbe Cot­tage einziehen werde wie Johann zwölf Jahre zuvor. Zu diesem Zeit­punkt hat­te Johann bere­its 100 Mor­gen eigenes Land in der Umge­bung erwor­ben. 1852 kam Mar­tin Thurn aus Frauen­stein am Rhein, um bei den Macarthurs zu arbeit­en. Seine Wein­presse ist heute im Muse­um Cam­den aus­gestellt.

Wein­presse der Winz­er­fam­i­lie Thurn, Cam­den Muse­um © Sophia Höff

Die Weinindustrie in Camden heute

Es ist kein Wun­der, dass sich William so für sein Konzept, inter­na­tionale Winz­er her­anzu­holen, ein­set­zte. Es war erfol­gre­ich. Cam­den Park war sein­erzeit der größte Wein­pro­duzent Aus­traliens. Sie schafften es auf 16.000 Gal­lo­nen pro Jahr und ver­fügten über bis zu 30.000 Gal­lo­nen in ihrem Weinkeller. Der Ries­ling aus Cam­den Park gewann inter­na­tionale Preise, bis eine Reblaus-Epi­demie in den 1880ern dem ein abruptes Ende set­zte. Nach und nach wird die Region aber wieder als Weinan­bauge­bi­et genützt. Heute gibt es mehrere Weingüter in Cam­den und die Macarthur Fam­i­lie wohnt noch immer in Cam­den Park. Der Ries­ling hat sich mit­tler­weile in ganz Aus­tralien etabliert, wobei er sich geschmack­lich vom rhein­hes­sis­chen Ries­ling unter­schei­det.

Der Macarthur-Park in Cam­den © Sophia Höff

FUßNOTEN

  1. Cloos und Tamp­ke: Greet­ings from…, S. 11. ↩︎
  2. Cloos und Tamp­ke: Greet­ings from…, S. 88. ↩︎
  3. Cloos und Tamp­ke: Greet­ing from…, S. 22. ↩︎
  4. Macarthur: Let­ters on…, S. iv. ↩︎

LITERATUR

  • Atkin­son, Alan: Cam­den. Farm and vil­lage life in ear­ly New South Wales, Mel­bourne 1988.
  • Cloos, Patri­cia und Tamp­ke, Jür­gen (Hrsg.): Greet­ings from the land where milk and hon­ey flows. The Ger­man emi­gra­tion to NSW 1838–1858, Can­ber­ra 1993.
  • King, Hazel: Eliz­a­beth Macarthur and her world, Syd­ney 1980.
  • Macarthur, William: Let­ters on the cul­ture of the vine, fer­men­ta­tion, and the man­age­ment of the wine in the cel­lar, Syd­ney 1844.
  • Macarthur, William: Let­ters on the cul­ture of the vine, fer­men­ta­tion, and the man­age­ment of the wine in the cel­lar, Syd­ney 1844.

100 Jahre Bauhaus — Höhepunkte in Sachsen-Anhalt

Die Eröff­nung des Bauhaus Muse­um Dessau am 8. Sep­tem­ber 2019 ist der Höhep­unkt des Jubiläum­s­jahrs 100 Jahre Bauhaus. Erst­mals ist die Samm­lung der Stiftung Bauhaus Dessau umfassend zu sehen und verbindet das Muse­um als eigen­ständi­ger, zeit­genös­sis­ch­er Ort die Bauhaus­baut­en in Dessau mit dem Stadtzen­trum.

Das Bauhaus Museum Dessau

Im Jahr 2015 hat das Architek­turkollek­tiv adden­da archi­tects aus Barcelona unter 831 Ein­re­ichun­gen den inter­na­tionalen, offe­nen Architek­tur­wet­tbe­werb gewon­nen. Nach ihrem Konzept ist ein trans­par­enten Kor­pus ver­wirk­licht wor­den, der die schwebende Black Box als Ort für die Samm­lung und das Erdgeschoss als Offene Bühne für zeit­genös­sis­che Posi­tio­nen und Wech­se­lausstel­lun­gen umfasst.

Das neue Bauhaus Muse­um © Dr. Jörg Raach

Anre­gend und umfassend präsen­tiert die Ausstel­lung „Utopie und All­t­ag — Ver­suchsstätte Bauhaus. Die Samm­lung“ Architek­turen­twürfe, Gemälde, Fotografien, Möbel, Leucht­en, Tex­tilien, Tape­ten und Schrift­typen. In the­ma­tis­chen Kapiteln zeigt sie, dass das Lehren, Gestal­ten und Bauen am Bauhaus der Verän­derung, Verbesserung und Gestal­tung der Gesellschaft dienen sollte. Anhand von Lehrer-Schüler-Paaren wird beispiel­haft gezeigt, wie wer mit wem konkret zusam­mengear­beit­et hat. So haben Moholy-Nagy mit Mar­i­anne Brandt und Gun­ta Stöl­zl mit Paul Klee sehr eng an gemein­samen Pro­jek­ten zusam­mengear­beit­et.

Wand­be­hang von Gun­ta Stöl­zl © Dr. Jörg Raach

Bauhaus in der DDR

Weniger bekan­nt und in der Ausstel­lung im Teil zur Geschichte der Bauhaus-Rezep­tion inter­es­sant präsen­tiert wird die Wieder­ent­deck­ung des Bauhaus­es in der DDR nach der Ver­fe­mu­ng in der NS-Dik­tatur und der Zeit langer Mis­sach­tung unter der SED-Herrschaft. 145000 Mark für 148 Arbeit­en von Bauhäus­lerin­nen stellte die “Galerie am Sach­sen­platz” in Leipzig der Stadt Dessau am 1. Novem­ber 1976 in Rech­nung. Von Keramik bis Möbel bis zu Feininger- und Klee-Werken, es war eine bunte Mis­chung. Aus­gestellt wur­den diese Objek­te erst­mals im Bauhaus­ge­bäude, das am 4. Dezem­ber 1976 zum 50. Jahrestag des Bauhaus­es als Wis­senschaftlich Kul­turelles Zen­trum in der DDR wieder­eröffnet wurde. Der Ankauf bildete das Fun­da­ment der heute über 49.000 Objek­te zäh­len­den Samm­lung der Stiftung Bauhaus Dessau. Sie ist nach Berlin (wo die über­wiegend auf Gropius zurück­ge­hen­den Bestände ein­er Präsen­ta­tion im erweit­erten Bauhaus-Archiv ab 2023 har­ren!) die weltweit zweit­größte Samm­lung.

Bauhaus-Häuser

Ein Muss beim Besuch Dessaus sind die dort zu sehen­den Bauhaus-Häuser. Die knapp sieben Jahre Dessauer Bauhaus (1925–1932) waren die Hoch­phase der Bauhaus-Architek­tur. Darum befind­en sich die meis­ten Bauhaus­baut­en in Dessau: das Bauhaus- Schul­ge­bäude, die Meis­ter­häuser, die Sied­lung Dessau-Törten, das Korn­haus, Haus Fieger, das Stahlhaus und das Arbeit­samt.

Schulgebäude

Das Bauhaus-Gebäude der Schule wurde 1926 fer­tig gestellt. Ent­wor­fen wurde das Gebäude vom Bauhaus­grün­der Wal­ter Gropius im Auf­trag der Stadt Dessau. Die Pläne ent­standen in seinem pri­vat­en Büro, über eine Architek­turabteilung ver­fügte das Bauhaus erst ab 1927. Die Innenausstat­tung des Gebäudes ent­stand in den Werk­stät­ten der Hochschule. Finanziell unter­stützt wurde das Pro­jekt von der Stadt Dessau, die auch das Grund­stück zur Ver­fü­gung stellte. Heute kön­nen hier bei Führun­gen die restau­ri­erten Werk­stat­träume, die Men­sa, der Fest­saal und das Direk­toren­z­im­mer besichtigt wer­den.

Direk­toren­z­im­mer © Dr. Jörg Raach

Der über­wiegend helle Anstrich des Kom­plex­es bildet einen reizvollen Kon­trast zu den dun­klen Gla­se­in­fas­sun­gen. Im Inneren wird mit unter­schiedlichen Far­ben an tra­gen­den und verklei­den­den Ele­menten die Kon­struk­tion des Baus verdeut­licht. Die Hochschule für Gestal­tung musste 1932 auf Druck der bei Gemein­de­wahlen siegre­ichen Nation­al­sozial­is­ten geschlossen wer­den. Im Krieg trafen Bomben den Kom­plex, die Schä­den repari­erte man zunächst nur not­dürftig. 1972 ist das Gebäude dann unter Denkmalss­chutz gestellt und erst­mals restau­ri­ert wor­den. Eine umfassende Sanierung erfol­gte, nach­dem die UNESCO das Bauhaus­ge­bäude zum Weltkul­turerbe erk­lärt hat­te, sie wurde 2006 abgeschlossen. In rein­sze­nierten Ate­lierz­im­mern des Bauhaus­ge­bäudes kön­nen übri­gens auch Besuch­er über­nacht­en.

Bauhaus­ge­bäude © Dr. Jörg Raach

Meisterhäuser

Par­al­lel zum Bauhaus­ge­bäude wurde Wal­ter Gropius von der Stadt Dessau mit dem Bau von drei bau­gle­ichen Dop­pel­häusern für die Bauhaus­meis­ter und einem Einzel­haus für den Direk­tor beauf­tragt. Errichtet wur­den sie in einem Kiefer­n­wäld­chen in Nähe des Schul­ge­bäudes. Ineinan­der ver­schachtelte, unter­schiedlich hohe kubis­che Kör­p­er geben den Häusern ihre Gestalt. Zur Straße hin wer­den die Dop­pel­häuser von großzügig ver­glas­ten Ate­liers geprägt, an den Seit­en lassen Glas­bän­der Licht in die Trep­pe­naufgänge.

Die Liste der Bewohner­in­nen liest sich wie ein „Who is Who“ der Mod­erne, zu ihnen gehörten neben den drei Direk­toren Wal­ter Gropius, Hannes Mey­er, Lud­wig Mies van der Rohe, Lás­zló Moholy-Nagy und Lyonel Feininger, Georg Muche, Oskar Schlem­mer, Wass­i­ly Kandin­sky und Paul Klee mit ihren Fam­i­lien. Das Direk­toren­haus wurde im Krieg zer­stört, erst vor weni­gen Jahren ist es rekon­stru­iert wor­den, allerd­ings so, dass es als Nach­bau erkennbar bleibt. Gle­ichzeit­ig wurde auch der einzige von Lud­wig Mies van der Rohe in Dessau umge­set­zte Bau wieder­hergestellt. Dabei han­delte es sich um eine Trinkhalle an der Ost­spitze der Sied­lung, die man 1970 abgeris­sen hat­te. Das restliche Ensem­ble der Meis­ter­häuser ist bere­its 1992 umfassend saniert wor­den. Durch seine Far­bigkeit fasziniert beson­ders das ursprünglich von Kandin­sky und Klee bewohnte und malerisch aus­gestal­tete Meis­ter­haus.

Saniertes Meis­ter­haus von Kandin­sky und Klee © Dr. Jörg Raach

Kornhaus

Für die weit­eren Besuche der her­aus­ra­gen­den Bauhaus-Baut­en in Dessau emp­fiehlt sich die Nutzung der Bauhaus-Buslin­ie 10. Der Bus bringt die Besuch­er von den Meis­ter­häusern zum Korn­haus, ein­er Gast­stätte in typ­is­ch­er Bauhaus-Architek­tur mit schö­nen Blick über den Elb­de­ich. Der Name erin­nert an einen his­torischen Getrei­despe­ich­er, der hier bis in die 1870er-Jahre ges­tanden hat­te.

Korn­haus © Dr. Jörg Raach

Das Arbeitsamt und die Siedlung Törten

Der Bauhaus-Bus führt von dort am Gropius-Bau des Dessauer Arbeit­samts (der mit gel­ben Ziegeln verklei­dete Stahlbau ist ein rich­tung­weisendes Beispiel für die funk­tion­al­is­tis­che Architek­tur, kennze­ich­nend ist ein vorge­lagert­er ein­stöck­iger Rund­bau mit gläsernem Shed­dach für den Pub­likumsverkehr) vor­bei in den Süden Dessaus zur Sied­lung Törten. Hier ent­stand 1928 nach Plä­nen Wal­ter Gropius eine Muster­sied­lung mit 314 Häusern, die durch sparsame Bauweise auch Arbeit­ern ein Eigen­heim mit Garten zur Selb­stver­sorgung ermöglichte. Im gle­ich­falls von Gropius ent­wor­fe­nen Kon­sumge­bäude führt eine Ausstel­lung in die Entste­hungs­geschichte der Sied­lung ein. Hier begin­nen auch täglich Führun­gen durch die Sied­lung, in der auch die vom Bauhaus-Direk­tor Hannes Mey­er geplanten fünf Lauben­ganghäuser (90 soge­nan­nte „Volkswoh­nun­gen“, hier ist auch eine Muster­woh­nung zu besichti­gen) und das 1927 fer­tiggestellte Stahlhaus (ein Stahltafel­bau von Georg Muche und Richard Paulick von 1927) zu sehen sind. Noch bis 9. Novem­ber 2019 ist die Freiraum-Ausstel­lung Unsicht­bare Orte in Dessau zu sehen. Sie führt zu Gebäu­den und Plätzen in Dessau, wo Bauhäus­lerin­nen zwis­chen 1925 und 1932 gelebt, gewirkt und gerne ihre Freizeit ver­bracht haben.

Der Einfluss der Bauhausschüler auf das Dessauer Stadtbild

Die Bauhauss­chüler waren in Dessau keine Außen­seit­er. Sie formten das Stadt­bild und prägten das gesellschaftliche Leben (unter anderem auf Bauhaus­festen). Sie gestal­teten Fas­saden und Pavil­lons für Parks, ent­war­fen Wer­be­broschüren und stat­teten Schaufen­ster aus. Mit gut 100 Dessauer Fir­men arbeit­ete das Bauhaus eng zusam­men. Und mit Möbeln und Tex­tilien hielt das Bauhaus auch in das Pri­vatleben viel­er Dessauer Einzug. An dieses nicht mehr Sicht­bare erin­nert diese Freilich­tausstel­lung an 13 im ganzen Stadt­ge­bi­et verteil­ten Bild­bänken, an denen auch über QR-Codes Hörstücke abgerufen wer­den kön­nen.

Ein Höhepunkt: Die Bauhaus-Ausstellung in der Moritzburg in Halle

Der zweite Höhep­unkt in Sach­sen-Anhalt im Jubiläum­s­jahr „100 Jahre Bauhaus“ ist die Ausstel­lung in der Moritzburg Halle: „Bauhaus Meis­ter Mod­erne — Das Come­back“, die vom 29.09.2019 — 12.01.2020 geöffnet ist. Sie vere­int hochkarätige Meis­ter­w­erke aus inter­na­tionalen Samm­lun­gen mit bis­lang sel­ten bzw. noch gar nicht gezeigten Werken aus den Muse­ums­bestän­den. Haupt­teil der Ausstel­lung ist die Rekon­struk­tion der ersten Samm­lung mod­ern­er Kun­st im Kun­st­mu­se­um Moritzburg. Bis zum Jahr 1933 galt diese Samm­lung als eine der führen­den in Deutsch­land für die zeit­genös­sis­che Kun­st – die heutige klas­sis­che Mod­erne. Das hallesche Muse­um wurde damals gle­ich­berechtigt mit der Mod­erne-Samm­lung der Berlin­er Nation­al­ga­lerie im Kro­n­prinzen­palais Unter den Lin­den genan­nt. Auf ein­er Fläche von rund 1.000 qm im 1. Obergeschoss des zen­tralen West­flügels der Moritzburg sind ca. 350 Objek­te der bilden­den und ange­wandten Kun­st zu sehen, die zwis­chen 1908 und 1938 erwor­ben wur­den. In ver­tiefend­en Kabi­net­ten wer­den Gemälde von Lyonel Feininger, Wass­i­ly Kandin­sky, Paul Klee, Georg Muche und Oskar Schlem­mer, jene Maler, die zwis­chen 1919 und 1933 als Meis­ter am Bauhaus in Weimar, Dessau und Berlin lehrten. Unter den aus­gestell­ten Werken befind­en sich zudem Gemälde, Aquarelle und Zeich­nun­gen von Ernst Lud­wig Kirch­n­er, Emil Nolde, Oskar Kokosch­ka, Erich Heck­el, El Lis­sitzky, George Grosz. Zum Teil sind die Lei­h­gaben aus den USA, Europa und Japan erst­mals über­haupt öffentlich zu sehen, zum Teil kehren sie seit den 1970er/80er Jahren erst­mals wieder nach Deutsch­land zurück. Ein­er der Höhep­unk­te der Samm­lungsrekon­struk­tion ist die Wiedervere­ini­gung von 7 der einst 11 Gemälde des Halle-Zyk­lusses von Lyonel Feininger. Zu den 3 Gemälden aus der Muse­umssamm­lung, Rot­er Turm I, Marienkirche mit dem Pfeil und Der Dom in Halle, kom­men hinzu: Am Trödel, Marienkirche I, Rot­er Turm II und Mark­tkirche in Halle. In ein­er attrak­tiv­en Alt­stadtroute lassen sich die his­torischen Per­spek­tiv­en der Feininger-Gemälde via Ste­len­in­fos und Audiowalk mit der heuti­gen Sicht verble­ichen (feininger-halle.de).

Gropius virtuell erleben

Ein beson­deres virtuelles Muse­um­ser­leb­nis bietet die Präsen­ta­tion von Wal­ter Gropius‘ Entwurfs für ein Kul­tur- und Sportzen­trum für Halle, die „Stadtkro­ne“. 1927 nahm Wal­ter Gropius am Architek­tur­wet­tbe­werb der Stadt Halle (Saale) für diese mod­erne „Stadtkro­ne“ teil. Gropius‘ Entwurf wurde mit keinem Preis bedacht. Er war zu visionär und sein­er Zeit voraus. Dieser geplante Baukom­plex wurde nie real­isiert. Dank ein­er Koop­er­a­tion mit dem Stu­di­en­gang Multimedia|VR-Design der Burg Giebichen­stein Kun­sthochschule Halle mith­il­fe mod­ern­er Vir­tu­al-Real­i­ty-Tech­nolo­gie ist erst­mals das Stadtkro­nen-Gelände sowie vor allem das von Wal­ter Gropius ent­wor­fene Kun­st­mu­se­um bege­hbar. In ein­er beein­druck­enden virtuellen Präsen­ta­tion kann Gropius‘ visionär­er Muse­ums­bau mit ein­er Ausstel­lungs­fläche von 3.000 qm durch­schrit­ten wer­den. Im Inneren dieses beispiel­haften Muse­um­spro­jek­tes des Neuen Bauens ent­fal­tet sich die kom­plette Samm­lung der Mod­erne des halleschen Muse­ums, wie sie zum einen bis 1937 bestand und zum anderen mit­tels der orig­i­nalen Werke heute nicht mehr voll­ständig rekon­stru­ier­bar ist. Dafür wur­den nahezu 500 Kunst­werke ges­can­nt, fotografiert und in 3D mod­el­liert sowie in die neuen virtuellen Ausstel­lungsräume inte­gri­ert.

Bauhaus auf Burg Giebichenstein in Halle

Bedeu­tend weit über Halle hin­aus ist die renom­mierte Design- und Kun­sthochschule Burg Giebichen­stein, eine ehe­ma­lige Handw­erk­er­schule, die ab 1915 von Paul Thier­sch nach den Grund­sätzen des Deutschen Werk­bun­des reformiert wurde. Der vom Bauhaus kom­mende Bild­hauer Ger­hard Mar­cks wirk­te hier und schuf die ein­drucksvollen Tier­skulp­turen an der Giebichen­stein­brücke. Für das Neue Bauen sind in Halle weg­weisend: die vom Architek­ten Wal­ter Tuten­berg 1928 errichtete Groß-Garage Süd, sie gehört mit ihren 150 Stellplätzen auf fünf Parkdecks und ihrer damals hochmod­er­nen Aufzugsan­lage zu den ältesten Parkhäusern Deutsch­lands; die Franziskan­erkirche „Zur Heilig­sten Dreieinigkeit“ des Architek­ten Wil­hem Ulrich, eine der ersten Kirchen ohne klas­sis­chen Lang­haus und Kirch­turm, son­dern sech­seck­igem Grun­driss und kup­pelar­tigem Mit­te­lauf­bau.

Bauhaus in Merseburg

Nicht weit von Halle ent­fer­nt bietet die ehe­ma­lige Res­i­den­zs­tadt Merse­burg neben ihrem ein­drucksvollen Schlos­sare­al auch an Neuem Bauen inter­essierten Besuch­ern ein reizvolles Ziel. 2019 wird das Friedrich Zollinger Jahr began­gen. Von 1918 bis 1930 war der Architekt in Merse­burg Stadt­bau­rat und konzip­ierte einen Bebau­ungs­plan für die von Krieg und Woh­nungsnot geze­ich­nete Stadt. Ab 1922 ent­standen unter sein­er Regie zehn neue Stadtvier­tel, die mit Hil­fe sein­er eige­nen­twick­el­ten Bautech­nolo­gie (Schüt­t­be­ton­bauweise und spitz- und rund­bo­gen­för­mige Dachgewölbe aus maschinell vor­pro­duzierten Holzbret­tern) und Beteili­gung der kün­fti­gen Bewohn­er Vor­bild­charak­ter haben. Rundgänge zu den zahlre­ich erhal­te­nen Zollinger-Sied­lun­gen und öffentliche Baut­en wie dem ehe­ma­li­gen Gesund­heit­samt sind über Kul­turhis­torische Muse­um Schloss Merse­burg buch­bar.

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