Der legendäre Orient-Express hat schon seit 1977 seinen Betrieb eingestellt. Nur auf der Teilstrecke Paris – Venedig ist noch eine Luxusvariante unterwegs. Der Autor ist mit Bummelzügen und Bussen unterwegs über Venedig, Wien, Budapest, Belgrad und Sofia. Er ist ein sehr guter Beobachter und Erzähler, der spannend und höchst informativ von seinen Begegnungen auf der Strecke und den Übernachtungsplätzen berichtet. Nicht jede Begegnung ist allerdings berichtenswert. So sein Treffen mit Anlagebetrügern in Salzburg. In Salzburg allerdings auch ein Hinweis auf eine besondere Übernachtungsmöglichkeit in einem Kloster. Sein Ziel Rom, das überhaupt keinen Bezug zum Orient-Express hat, ist eher redundant. Wohingegen Istanbul mit zweieinhalb Seiten abgehandelt wird. Auch die Ausstattung dieses Buches (gebunden mit Lesebändchen) entspricht nicht einem Reisebuch. Sinnvoller wären visuelle Eindrücke mit Fotos gewesen. Der Autor berichtet von Fotos. Diese werden dem Leser aber vorenthalten.
Dennis Gastmann: Orient-Express – Ein Abenteuer, 297 Seiten, Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2026, ISBN: 9783737102278, 24 €
Tiefes emotionales Erleben prägt diesen ganz persönlichen Bericht einer 3348 Kilometer langen Pilgerreise. Die Autorin, eine Journalistin und Kommunikationsberaterin, startet 2023 in Potsdam und erreicht fünf Monate später Santiago de Compostella. Mit dem festen Willen, sich selbst wiederzufinden, begibt sie sich auf den Jakobsweg, folgt den Spuren ihrer Biografie einmal quer durch Deutschland, und wandert dann durch Frankreich und Spanien bis zum ersehnten Pilgerziel. Die Lektüre dieses anregenden Reiseberichts vermittelt Horizonterweiterungen, nicht nur räumlich-geografisch, sondern vor allem menschlich: die Reflexionen zum Leben der Autorin, die Schilderungen von Begegnungen mit Pilgern aus aller Welt, die Eingeständnisse von Zweifeln und die Momenten des puren Glücks. Schön wären noch mehr Abbildungen der so eindrucksvoll im Buch beschriebenen Orte gewesen.
Cornelia Koch: Nach Santiago wollte ich nie, 340 Seiten, ISBN 9783616036113, MairDumont Verlag, Ostfildern 2026, 18,95 €
die man gemacht haben muss und auch von mir sehr empfohlen werden
Dieser neueste Band aus der sehr erfolgreichen Reihe „111 Orte in…, die man gesehen haben muss“ (die Ziele decken viele deutsche Städte und Landschaften ab, Berlin ist schon mehrfach vertreten, inzwischen sind Ziele auch weltweit angesiedelt, laut wikipedia sind 362 Titel erschienen) beschränkt sich auf 22 Touren, die es in sich haben: Bestens recherchiert und bebildert, mit Informationen und Tipps selbst für Stadtkenner, voller Anregungen für Erkundungen. Dieses Buch macht Vorfreude auf das Frühjahr und den Sommer, wenn diese Touren besonders viel Spaß machen. Die Touren durch den Kaskelkiez und Alt-Stralau, durch Lichtenberg (mit treffender Charakterisierung des Stasi-Unwesens in knapper Form) und durch Grunewald („Vom Gleis 17 zum Goldenen Hirsch“) sind besonders reizvoll. Weitere Touren seien angeregt: durch den Nordwesten (Tegel und Frohnau), durch Steglitz mit Botanischem Garten, der Spiegelwand und dem Café Baier oder gar durch Oberschöneweide mit seinen bedeutenden Industriedenkmalen. Ja, und Spandau mit seinen reizvollen Tourmöglichkeiten fehlt auch noch…
Annett Klingner: 22 Touren in Berlin, die man gemacht haben muss, 240 Seiten, zahlreiche Farbabb.en, Emons Verlag, Köln 2025, ISBN 978–3‑7408–2444‑0, 22,00 €
Was soll man tun, wenn es einen in eine Gegend verschlagen hat, wo kein Wein wächst? Ganz klar, man importiert welchen und am besten stellt man auch gleich ein paar Arbeiter an, die etwas vom Weinanbau verstehen.
Ob das die Überlegungen waren, die den Unternehmer und Politiker John Macarthur motivierten, ist nicht einwandfrei zu rekonstruieren. Es steht aber fest, dass es zu seiner Zeit, als die Kolonie New South Wales noch in ihren Anfängen steckte, dort keinen Wein gab und dass die Macarthurs die ersten und die erfolgreichsten waren, die Weine in der Region kultivierten.
Eine gute Idee
John Macarthur war zwar nicht vom Fach, aber er hatte seinen Geschmacksgaumen trainiert. Zusammen mit seinen Söhnen William und Edward unternahm er zwischen 1815 und 1816 eine Expedition nach Europa, um verschiedene Weinsorten zu inspizieren und nebenbei noch etwas über deren Anbau zu erlernen. Allerdings reichte seine praktische Erfahrung dann doch nicht aus, um ein paar der Weinreben in brauchbarem Zustand nach Australien zu transportieren.
Immerhin besaß er schon das passende Land: Als John Macarthur 1805 fünftausend Morgen Land zugesprochen bekam, hieß die Region noch Cowpasture Plains. Macarthur hatte den britischen Kolonialsekretär Lord Camden davon überzeugt, dass sich das Land prächtig für Viehzucht und Landwirtschaft eignen würde. 1830 hatten die Macarthurs dort einen ersten Weinberg angelegt.
Die nächste Generation übernimmt
Scheinbar nahm die geistige Gesundheit
John Macarthurs allmählich ab. Daher übernahmen 1832 seine Söhne
das Ruder. Die Schafzucht florierte bereits und der Weinanbau wurde
eifrig vorangetrieben. Dazu sollten deutsche und englische Winzer
angestellt werden.
Im Oktober 1835 gab Gouverneur Bourke ein System von Belobigungen bekannt, wodurch bestimmte Immigranten subventioniert werden sollten. Das Schema favorisierte Landarbeiter mit Familie. Arbeitgeber konnten so günstig Arbeiter in die Kolonie holen.
Das kam für die Macarthurs wie gerufen. Edward hatte gerade seinen Posten im House of Lords verloren und suchte ohnehin nach einer sinnvollen Betätigungsmöglichkeit. Deshalb ging er nach Deutschland, um Winzer aus dem Rheinthal zu rekrutieren. Das System von Belobigungen zielte nicht nur auf das fachliche Können, sondern auch auf den Charakter ab. Es gab scheinbar Schwierigkeiten, die erforderlichen Papiere zu bekommen. Deshalb ließ Edward seine Beziehung spielen und reichte am 15. März 1837 eine Eingabe bei Lord Glenelg in London ein. Der sollte bestätigen, dass die Auswanderung der sechs ausgesuchten Familien durch die Regierung ihrer Majestät sanktioniert war. Die Zeit dränge, heißt es in der Eingabe, denn die Familien sollten einige Monate vor der Weinernte ankommen, die im Januar und Februar stattfinden würde.1
Die ersten Deutschen in New South Wales
Nach diesem Schema brachten die Macarthurs zwischen 1837 und 1838 sechs Familien aus dem Rheintal in der Nähe von Frankfurt nach New South Wales. Das Schiff mit den deutschen Familien an Bord legte am 10. Dezember 1837 in London ab. Wie aus den Passagierlisten zu ersehen ist, stammten sie aus Nassau. Sie waren als Diener gelistet.
Die Reise verlief nicht reibungslos: Kurz nachdem sie London verlassen hatten, wurden viele der Frauen und Kinder seekrank. Außerdem mussten sie mit ansehen, wie ein Matrose, der zu tief ins Glas geguckt hatte und zur Strafe ans Steuerrad gebunden wurde, durch die stürmische See über Bord ging. Insbesondere Johann Stein erwies sich als echter Karnevalist, als er bei einer makaberen Seemannszeremonie an Fasching dachte. In einem Brief vom 27. Mai 1838 erzählte er, dass sich fünf der Matrosen verkleideten, Schiffsteer auf das Gesicht der Fahrgäste träufelten und sie anschließend mit einem Ring abschabten. Ein offenbar widerlich schmeckendes Getränk musste auch konsumiert werden.2
Über kurz oder lang war die Seefahrt überstanden. Die Weinernte des Jahres 1838 hatten sie jedoch verpasst, als sie am 22. April in Sydney einliefen. Die sechs nassauischen Familien waren die erste signifikante Gruppe Deutscher, die nach New South Wales kam. Mit ihnen kam der erste Riesling in die Kolonie. Die Cottages in Camden Park, wie Macarthur sein Land in Anerkennung seines Gönners nannte, standen für die Deutschen bereit. Sie waren mit allem Notwendigen ausgestattet.
Der Wein wächst und gedeiht…
Der Riesling, der im Rheintal angebaut wird, ist sicherlich nicht zu verachten. Doch die Macarthurs hatten wahrscheinlich nicht die kulturellen Unterschiede bedacht. Insbesondere William hatte Probleme die nassauische Lebensart nachzuvollziehen. In einem Brief vom 20. August 1847 schrieb er an Edward: „Sie waren eine sehr unangenehme Gesellschaft, ununterbrochen am Streiten und in heißem Wasser“.3
… persönliche Differenzen ebenso
Den gelegentlich ausgetauschten Ansichten zu politischer Freiheit konnte er sich überhaupt nicht anschließen. Es stand das Revolutionsjahr 1848 vor der Tür. Sobald ihr Fünf-Jahresvertrag erfüllt war, entließ William deshalb alle Nassauer bis auf Johann Stein, den er als einen exzellenten und treuen Angestellten bezeichnete.
Doch die Differenzen, die William mit den Nassauern gehabt zu haben schien, waren wohl nicht grundsätzlich. Denn als 1843 die Verträge der sechs Arbeiter ausliefen, wollte er neue aus Deutschland kommen lassen. Die Kolonialregierung in London lehnte das mit der Begründung ab, dass keine größere Anzahl nicht-britischer Winzer als Arbeiter in der Kolonie zugelassen werden könnten. In einem Vorwort zu seinen gesammelten Zeitungsbeiträgen „Letters on the Culture of the Vine, Fermentation and the Management of the Wine in the Cellar“ konterte William Macarthur ärgerlich: „Es mag natürlicherweise gefragt werden, wie es kommt, dass, wenn Boden und Klima so vorteilhaft für Weinanbau sind, wir unsere Hügel nicht von Wein eingekleidet sehen […]? [E]s ist der beinahe vollkommenen Abwesenheit von praktischer Erfahrung mit den Einzelheiten geschuldet. Hätte unsere Heimatregierung ihre Pflicht erfüllt, hätte sie […] zwei- oder dreihundert deutsche, schweizerische oder französische Winzer an unsere Küsten übersandt“.4
Natürlich konnte auch dieses Hindernis aus dem Weg geräumt werden und weitere deutsche Familien kamen nach Camden Park. Darunter war auch Joseph Stein, der nach Johann und Jakob als dritter aus der Familie Stein nach Sydney kam. Sein Bruder Johann Stein hatte für ihn eine Anstellung bei den Macarthurs arrangiert. In einem Brief an Bernhard Jung vom 26. September 1849 berichtete Joseph Stein, dass er ebenfalls bei den Macarthurs als Aufseher über den Weinberg und den Keller arbeiten und in dasselbe Cottage einziehen werde wie Johann zwölf Jahre zuvor. Zu diesem Zeitpunkt hatte Johann bereits 100 Morgen eigenes Land in der Umgebung erworben. 1852 kam Martin Thurn aus Frauenstein am Rhein, um bei den Macarthurs zu arbeiten. Seine Weinpresse ist heute im Museum Camden ausgestellt.
Es ist kein Wunder, dass sich William so für sein Konzept, internationale Winzer heranzuholen, einsetzte. Es war erfolgreich. Camden Park war seinerzeit der größte Weinproduzent Australiens. Sie schafften es auf 16.000 Gallonen pro Jahr und verfügten über bis zu 30.000 Gallonen in ihrem Weinkeller. Der Riesling aus Camden Park gewann internationale Preise, bis eine Reblaus-Epidemie in den 1880ern dem ein abruptes Ende setzte. Nach und nach wird die Region aber wieder als Weinanbaugebiet genützt. Heute gibt es mehrere Weingüter in Camden und die Macarthur Familie wohnt noch immer in Camden Park. Der Riesling hat sich mittlerweile in ganz Australien etabliert, wobei er sich geschmacklich vom rheinhessischen Riesling unterscheidet.
Atkinson, Alan: Camden. Farm and village life in early New South Wales, Melbourne 1988.
Cloos, Patricia und Tampke, Jürgen (Hrsg.): Greetings from the land where milk and honey flows. The German emigration to NSW 1838–1858, Canberra 1993.
King, Hazel: Elizabeth Macarthur and her world, Sydney 1980.
Macarthur, William: Letters on the culture of the vine, fermentation, and the management of the wine in the cellar, Sydney 1844.
Macarthur, William: Letters on the culture of the vine, fermentation, and the management of the wine in the cellar, Sydney 1844.
Die Eröffnung des Bauhaus Museum Dessau am 8. September 2019 ist der Höhepunkt des Jubiläumsjahrs 100 Jahre Bauhaus. Erstmals ist die Sammlung der Stiftung Bauhaus Dessau umfassend zu sehen und verbindet das Museum als eigenständiger, zeitgenössischer Ort die Bauhausbauten in Dessau mit dem Stadtzentrum.
Das Bauhaus Museum Dessau
Im Jahr 2015 hat das Architekturkollektiv addenda architects aus Barcelona unter 831 Einreichungen den internationalen, offenen Architekturwettbewerb gewonnen. Nach ihrem Konzept ist ein transparenten Korpus verwirklicht worden, der die schwebende Black Box als Ort für die Sammlung und das Erdgeschoss als Offene Bühne für zeitgenössische Positionen und Wechselausstellungen umfasst.
Anregend und umfassend präsentiert die Ausstellung „Utopie und Alltag — Versuchsstätte Bauhaus. Die Sammlung“ Architekturentwürfe, Gemälde, Fotografien, Möbel, Leuchten, Textilien, Tapeten und Schrifttypen. In thematischen Kapiteln zeigt sie, dass das Lehren, Gestalten und Bauen am Bauhaus der Veränderung, Verbesserung und Gestaltung der Gesellschaft dienen sollte. Anhand von Lehrer-Schüler-Paaren wird beispielhaft gezeigt, wie wer mit wem konkret zusammengearbeitet hat. So haben Moholy-Nagy mit Marianne Brandt und Gunta Stölzl mit Paul Klee sehr eng an gemeinsamen Projekten zusammengearbeitet.
Weniger bekannt und in der Ausstellung im Teil zur Geschichte der Bauhaus-Rezeption interessant präsentiert wird die Wiederentdeckung des Bauhauses in der DDR nach der Verfemung in der NS-Diktatur und der Zeit langer Missachtung unter der SED-Herrschaft. 145000 Mark für 148 Arbeiten von Bauhäuslerinnen stellte die “Galerie am Sachsenplatz” in Leipzig der Stadt Dessau am 1. November 1976 in Rechnung. Von Keramik bis Möbel bis zu Feininger- und Klee-Werken, es war eine bunte Mischung. Ausgestellt wurden diese Objekte erstmals im Bauhausgebäude, das am 4. Dezember 1976 zum 50. Jahrestag des Bauhauses als Wissenschaftlich Kulturelles Zentrum in der DDR wiedereröffnet wurde. Der Ankauf bildete das Fundament der heute über 49.000 Objekte zählenden Sammlung der Stiftung Bauhaus Dessau. Sie ist nach Berlin (wo die überwiegend auf Gropius zurückgehenden Bestände einer Präsentation im erweiterten Bauhaus-Archiv ab 2023 harren!) die weltweit zweitgrößte Sammlung.
Bauhaus-Häuser
Ein Muss beim Besuch Dessaus sind die dort zu sehenden Bauhaus-Häuser. Die knapp sieben Jahre Dessauer Bauhaus (1925–1932) waren die Hochphase der Bauhaus-Architektur. Darum befinden sich die meisten Bauhausbauten in Dessau: das Bauhaus- Schulgebäude, die Meisterhäuser, die Siedlung Dessau-Törten, das Kornhaus, Haus Fieger, das Stahlhaus und das Arbeitsamt.
Schulgebäude
Das Bauhaus-Gebäude der Schule wurde 1926 fertig gestellt. Entworfen wurde das Gebäude vom Bauhausgründer Walter Gropius im Auftrag der Stadt Dessau. Die Pläne entstanden in seinem privaten Büro, über eine Architekturabteilung verfügte das Bauhaus erst ab 1927. Die Innenausstattung des Gebäudes entstand in den Werkstätten der Hochschule. Finanziell unterstützt wurde das Projekt von der Stadt Dessau, die auch das Grundstück zur Verfügung stellte. Heute können hier bei Führungen die restaurierten Werkstatträume, die Mensa, der Festsaal und das Direktorenzimmer besichtigt werden.
Der überwiegend helle Anstrich des Komplexes bildet einen reizvollen Kontrast zu den dunklen Glaseinfassungen. Im Inneren wird mit unterschiedlichen Farben an tragenden und verkleidenden Elementen die Konstruktion des Baus verdeutlicht. Die Hochschule für Gestaltung musste 1932 auf Druck der bei Gemeindewahlen siegreichen Nationalsozialisten geschlossen werden. Im Krieg trafen Bomben den Komplex, die Schäden reparierte man zunächst nur notdürftig. 1972 ist das Gebäude dann unter Denkmalsschutz gestellt und erstmals restauriert worden. Eine umfassende Sanierung erfolgte, nachdem die UNESCO das Bauhausgebäude zum Weltkulturerbe erklärt hatte, sie wurde 2006 abgeschlossen. In reinszenierten Atelierzimmern des Bauhausgebäudes können übrigens auch Besucher übernachten.
Parallel zum Bauhausgebäude wurde Walter Gropius von der Stadt Dessau mit dem Bau von drei baugleichen Doppelhäusern für die Bauhausmeister und einem Einzelhaus für den Direktor beauftragt. Errichtet wurden sie in einem Kiefernwäldchen in Nähe des Schulgebäudes. Ineinander verschachtelte, unterschiedlich hohe kubische Körper geben den Häusern ihre Gestalt. Zur Straße hin werden die Doppelhäuser von großzügig verglasten Ateliers geprägt, an den Seiten lassen Glasbänder Licht in die Treppenaufgänge.
Die Liste der Bewohnerinnen liest sich wie ein „Who is Who“ der Moderne, zu ihnen gehörten neben den drei Direktoren Walter Gropius, Hannes Meyer, Ludwig Mies van der Rohe, László Moholy-Nagy und Lyonel Feininger, Georg Muche, Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky und Paul Klee mit ihren Familien. Das Direktorenhaus wurde im Krieg zerstört, erst vor wenigen Jahren ist es rekonstruiert worden, allerdings so, dass es als Nachbau erkennbar bleibt. Gleichzeitig wurde auch der einzige von Ludwig Mies van der Rohe in Dessau umgesetzte Bau wiederhergestellt. Dabei handelte es sich um eine Trinkhalle an der Ostspitze der Siedlung, die man 1970 abgerissen hatte. Das restliche Ensemble der Meisterhäuser ist bereits 1992 umfassend saniert worden. Durch seine Farbigkeit fasziniert besonders das ursprünglich von Kandinsky und Klee bewohnte und malerisch ausgestaltete Meisterhaus.
Für die weiteren Besuche der herausragenden Bauhaus-Bauten in Dessau empfiehlt sich die Nutzung der Bauhaus-Buslinie 10. Der Bus bringt die Besucher von den Meisterhäusern zum Kornhaus, einer Gaststätte in typischer Bauhaus-Architektur mit schönen Blick über den Elbdeich. Der Name erinnert an einen historischen Getreidespeicher, der hier bis in die 1870er-Jahre gestanden hatte.
Der Bauhaus-Bus führt von dort am Gropius-Bau des Dessauer Arbeitsamts (der mit gelben Ziegeln verkleidete Stahlbau ist ein richtungweisendes Beispiel für die funktionalistische Architektur, kennzeichnend ist ein vorgelagerter einstöckiger Rundbau mit gläsernem Sheddach für den Publikumsverkehr) vorbei in den Süden Dessaus zur Siedlung Törten. Hier entstand 1928 nach Plänen Walter Gropius eine Mustersiedlung mit 314 Häusern, die durch sparsame Bauweise auch Arbeitern ein Eigenheim mit Garten zur Selbstversorgung ermöglichte. Im gleichfalls von Gropius entworfenen Konsumgebäude führt eine Ausstellung in die Entstehungsgeschichte der Siedlung ein. Hier beginnen auch täglich Führungen durch die Siedlung, in der auch die vom Bauhaus-Direktor Hannes Meyer geplanten fünf Laubenganghäuser (90 sogenannte „Volkswohnungen“, hier ist auch eine Musterwohnung zu besichtigen) und das 1927 fertiggestellte Stahlhaus (ein Stahltafelbau von Georg Muche und Richard Paulick von 1927) zu sehen sind. Noch bis 9. November 2019 ist die Freiraum-Ausstellung Unsichtbare Orte in Dessau zu sehen. Sie führt zu Gebäuden und Plätzen in Dessau, wo Bauhäuslerinnen zwischen 1925 und 1932 gelebt, gewirkt und gerne ihre Freizeit verbracht haben.
Der Einfluss der Bauhausschüler auf das Dessauer Stadtbild
Die Bauhausschüler waren in Dessau keine Außenseiter. Sie formten das Stadtbild und prägten das gesellschaftliche Leben (unter anderem auf Bauhausfesten). Sie gestalteten Fassaden und Pavillons für Parks, entwarfen Werbebroschüren und statteten Schaufenster aus. Mit gut 100 Dessauer Firmen arbeitete das Bauhaus eng zusammen. Und mit Möbeln und Textilien hielt das Bauhaus auch in das Privatleben vieler Dessauer Einzug. An dieses nicht mehr Sichtbare erinnert diese Freilichtausstellung an 13 im ganzen Stadtgebiet verteilten Bildbänken, an denen auch über QR-Codes Hörstücke abgerufen werden können.
Ein Höhepunkt: Die Bauhaus-Ausstellung in der Moritzburg in Halle
Der zweite Höhepunkt in Sachsen-Anhalt im Jubiläumsjahr „100 Jahre Bauhaus“ ist die Ausstellung in der Moritzburg Halle: „Bauhaus Meister Moderne — Das Comeback“, die vom 29.09.2019 — 12.01.2020 geöffnet ist. Sie vereint hochkarätige Meisterwerke aus internationalen Sammlungen mit bislang selten bzw. noch gar nicht gezeigten Werken aus den Museumsbeständen. Hauptteil der Ausstellung ist die Rekonstruktion der ersten Sammlung moderner Kunst im Kunstmuseum Moritzburg. Bis zum Jahr 1933 galt diese Sammlung als eine der führenden in Deutschland für die zeitgenössische Kunst – die heutige klassische Moderne. Das hallesche Museum wurde damals gleichberechtigt mit der Moderne-Sammlung der Berliner Nationalgalerie im Kronprinzenpalais Unter den Linden genannt. Auf einer Fläche von rund 1.000 qm im 1. Obergeschoss des zentralen Westflügels der Moritzburg sind ca. 350 Objekte der bildenden und angewandten Kunst zu sehen, die zwischen 1908 und 1938 erworben wurden. In vertiefenden Kabinetten werden Gemälde von Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Georg Muche und Oskar Schlemmer, jene Maler, die zwischen 1919 und 1933 als Meister am Bauhaus in Weimar, Dessau und Berlin lehrten. Unter den ausgestellten Werken befinden sich zudem Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen von Ernst Ludwig Kirchner, Emil Nolde, Oskar Kokoschka, Erich Heckel, El Lissitzky, George Grosz. Zum Teil sind die Leihgaben aus den USA, Europa und Japan erstmals überhaupt öffentlich zu sehen, zum Teil kehren sie seit den 1970er/80er Jahren erstmals wieder nach Deutschland zurück. Einer der Höhepunkte der Sammlungsrekonstruktion ist die Wiedervereinigung von 7 der einst 11 Gemälde des Halle-Zyklusses von Lyonel Feininger. Zu den 3 Gemälden aus der Museumssammlung, Roter Turm I, Marienkirche mit dem Pfeil und Der Dom in Halle, kommen hinzu: Am Trödel, Marienkirche I, Roter Turm II und Marktkirche in Halle. In einer attraktiven Altstadtroute lassen sich die historischen Perspektiven der Feininger-Gemälde via Steleninfos und Audiowalk mit der heutigen Sicht verbleichen (feininger-halle.de).
Gropius virtuell erleben
Ein besonderes virtuelles Museumserlebnis bietet die Präsentation von Walter Gropius‘ Entwurfs für ein Kultur- und Sportzentrum für Halle, die „Stadtkrone“. 1927 nahm Walter Gropius am Architekturwettbewerb der Stadt Halle (Saale) für diese moderne „Stadtkrone“ teil. Gropius‘ Entwurf wurde mit keinem Preis bedacht. Er war zu visionär und seiner Zeit voraus. Dieser geplante Baukomplex wurde nie realisiert. Dank einer Kooperation mit dem Studiengang Multimedia|VR-Design der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle mithilfe moderner Virtual-Reality-Technologie ist erstmals das Stadtkronen-Gelände sowie vor allem das von Walter Gropius entworfene Kunstmuseum begehbar. In einer beeindruckenden virtuellen Präsentation kann Gropius‘ visionärer Museumsbau mit einer Ausstellungsfläche von 3.000 qm durchschritten werden. Im Inneren dieses beispielhaften Museumsprojektes des Neuen Bauens entfaltet sich die komplette Sammlung der Moderne des halleschen Museums, wie sie zum einen bis 1937 bestand und zum anderen mittels der originalen Werke heute nicht mehr vollständig rekonstruierbar ist. Dafür wurden nahezu 500 Kunstwerke gescannt, fotografiert und in 3D modelliert sowie in die neuen virtuellen Ausstellungsräume integriert.
Bauhaus auf Burg Giebichenstein in Halle
Bedeutend weit über Halle hinaus ist die renommierte Design- und Kunsthochschule Burg Giebichenstein, eine ehemalige Handwerkerschule, die ab 1915 von Paul Thiersch nach den Grundsätzen des Deutschen Werkbundes reformiert wurde. Der vom Bauhaus kommende Bildhauer Gerhard Marcks wirkte hier und schuf die eindrucksvollen Tierskulpturen an der Giebichensteinbrücke. Für das Neue Bauen sind in Halle wegweisend: die vom Architekten Walter Tutenberg 1928 errichtete Groß-Garage Süd, sie gehört mit ihren 150 Stellplätzen auf fünf Parkdecks und ihrer damals hochmodernen Aufzugsanlage zu den ältesten Parkhäusern Deutschlands; die Franziskanerkirche „Zur Heiligsten Dreieinigkeit“ des Architekten Wilhem Ulrich, eine der ersten Kirchen ohne klassischen Langhaus und Kirchturm, sondern sechseckigem Grundriss und kuppelartigem Mittelaufbau.
Bauhaus in Merseburg
Nicht weit von Halle entfernt bietet die ehemalige Residenzstadt Merseburg neben ihrem eindrucksvollen Schlossareal auch an Neuem Bauen interessierten Besuchern ein reizvolles Ziel. 2019 wird das Friedrich Zollinger Jahr begangen. Von 1918 bis 1930 war der Architekt in Merseburg Stadtbaurat und konzipierte einen Bebauungsplan für die von Krieg und Wohnungsnot gezeichnete Stadt. Ab 1922 entstanden unter seiner Regie zehn neue Stadtviertel, die mit Hilfe seiner eigenentwickelten Bautechnologie (Schüttbetonbauweise und spitz- und rundbogenförmige Dachgewölbe aus maschinell vorproduzierten Holzbrettern) und Beteiligung der künftigen Bewohner Vorbildcharakter haben. Rundgänge zu den zahlreich erhaltenen Zollinger-Siedlungen und öffentliche Bauten wie dem ehemaligen Gesundheitsamt sind über Kulturhistorische Museum Schloss Merseburg buchbar.