Magazin für Kultur

Autor: Jörg Raach (Seite 1 von 7)

Deutsche Kinemathek

Wieder­eröff­nung des Muse­ums für Film und Fernse­hen der Deutschen Kine­math­ek

Immer noch sehr zu bedauern ist die Schließung des Muse­ums für Film und Fernse­henam Pots­damer Platz.Die dort mögliche anre­gende Vielfalt ist nicht wieder erre­ich­bar. Den­noch ist das wieder eröffnete Muse­um in der Mauer­straße sehenswert. Alleine schon der Ort, die denkmalgeschütze Ikone der Berlin­er Indus­triekul­tur, ein ehe­ma­lige Umspan­nwerk, später die Diskothek E‑Werk, ragt her­vor. Die jet­zt gezeigte Wech­se­lausstel­lung „Screen­time“ bespielt die gesamte ehe­ma­lige Maschi­nen­halle. Ihre Offen­heit erin­nert eher an ein Film­stu­dio als an ein Muse­um. Groß­for­matige Medi­enin­stal­la­tio­nen laden zu einem Streifzug durch 130 Jahre deutsch­er Filmgeschichte ein. Werk­fo­tos aus den Archiv­en der Deutschen Kine­math­ek zeigen Drehsi­t­u­a­tio­nen und ermöglichen sel­tene Blicke in Pro­duk­tion­szusam­men­hänge. In Kom­bi­na­tion mit Fil­mauss­chnit­ten wird sicht­bar, wie Tech­nik und Insze­nierung Stim­mung und Ästhetik prä­gen. Dazwis­chen erscheinen immer wieder Gesichter in Großauf­nahme: Schauspieler*innen aus unter­schiedlichen Epochen, deren Porträts sich zu ein­er bewegten Bilder­folge verdicht­en – von Asta Nielsen bis Sibel Kekil­li, von Peter Lorre bis Daniel Brühl, von Heinz Rüh­mann bis Diane Kruger. Eine Samm­lungswand gibt Ein­blicke in die Archive der Deutschen Kine­math­ek: durch Öff­nen der Schubladen kann sich der Besuch­er in Fan­postkarten, Dreh­plan­seit­en u. a. Doku­mente aus der Mate­ri­alfülle der weit größeren Samm­lung ver­tiefen.

Kine­math­ek im E‑Werk https://www.deutsche-kinemathek.de, Mauer­straße 79, 10117 Berlin; Täglich 10–18 Uhr; 10 € reg­ulär, 7 € ermäßigt, Kinder kosten­frei

Dagny Juel

Das tragis­che Leben ein­er nor­wegis­chen Dich­terin

Dieses bewe­gende, ein­fühlsam geschriebene Lebens­bild ein­er in Deutsch­land völ­lig unbekan­nten nor­wegis­chen Dich­terin Dag­ny Juel ist zugle­ich ein sehr reizvoller Recherchebericht. Kristin Val­la ist auf den Spuren Juels gereist, schildert ihre Zeit in Berlin, Krakau, Warschau und Tiflis. Bohemi­enne, Femme fatale, ero­tis­che Ikone: Um Dag­ny Juel und ihr bewegtes Leben ranken sich bis heute Leg­en­den und Geheimnisse. Als Musik­erin ging sie 1892 nach Berlin, lebte hier fünf Jahre und wurde zum Mit­telpunkt eines Kün­stler- und Lit­er­atenkreis­es. Zu ihren eng­sten Ver­traut­en zählen Edvard Munch, dessen Muse sie wird, Richard Dehmel und August Strind­berg. Zahlre­iche Män­ner sind von ihrer Schön­heit hin­geris­sen und ver­lieben sich in sie. Im Jahr 1893 heiratet sie den pol­nis­chen Schrift­steller Stanisław Przy­byszews­ki, sie bekom­men zwei Kinder – doch glück­lich ist die Ehe nicht, Przy­byszews­ki ver­fällt dem Alko­hol. Im Alter von 33 Jahren wird Juel von einem pol­nis­chen Verehrer in einem Hotelz­im­mer in Tiflis erschossen.

Kristin Val­la: Die Schüsse von Tiflis – Auf den Spuren der Kün­st­lerin Dag­ny Juel, 256 S., 21 Abb., geb., Schutzum­schlag,
ISBN 978–3‑8353–7593‑2, Wei­dle im Wall­stein Ver­lag, Göt­tin­gen 2025, 24 €

Camille Claudel & Bernhard Hoetger

Dieses her­aus­ra­gende Kat­a­log­buch überzeugt schon mit seinem Cov­er: Hauptwerke von Camille Claudel „Die Fle­hende“ (um 1905) und Bern­hard Hoet­ger „Loie Fuller (um 1901) sind gemein­sam in gle­ich­er Größe abge­bildet. Grund­lage dieses Kat­a­logs sind gemein­sam konzip­ierte Ausstel­lun­gen in drei Museen: dem Paula Mod­er­sohn-Beck­er Muse­um, Bre­men (25. 1. — 18. 5. 2025), der Alten Nation­al­ga­lerie, Berlin (6.6. — 28.9. 2025) und dem Musée Camille Claudel in Nogent-sur-Seine (12.9.2026 — 10.1. 2027).

Was vere­int die Kun­st von Claudel und Hoet­ger? Zunächst die Nähe zu Rodin, später die Emanzi­pa­tion von Rodin. Gle­ich­falls auch eine gemein­same Ausstel­lung 1905 in der Paris­er Galerie Eugène Blot, ein­er dama­li­gen Drehscheibe der kün­st­lerischen Avant­garde. Diese Ausstel­lung der bei­den vor 120 Jahre ist der Aus­gangspunkt dieser erneuten deutsch-franzö­sis­chen Bildhauer/innen Begeg­nung. „Bern­hard Hoet­ger lebte und arbeit­ete von 1900 bis 1911 in Frankre­ich, wo sich seine Wege mehrmals mit denen der zehn Jahre älteren Claudel kreuzten…Die Ausstel­lung bei Blot markierte für bei­de einen Wen­depunkt: Während Claudels kün­st­lerisches Schaf­fen auf­grund der Ver­schlechterung ihrer psy­chis­chen Ver­fas­sung ab 1907 ver­siegte, erhielt Hoet­ger zunehmend Anerken­nung. Er kehrte 1911 nach Deutsch­land zurück.“ (S. 6) Mehrere Kon­tak­te zu Indus­triellen „ermöglicht­en ihm durch Aufträge und Ankäufe, seine Ideen auch im Bere­ich des Kun­sthandw­erks und der Architek­tur zu ver­wirk­lichen. Für Roselius (dem Kaf­fee-Mag­nat­en, Anm. d. Verf.) errichtete Hoet­ger 1927 das Muse­um für Paula Mod­er­sohn-Beck­er in der Bre­mer Böttch­er­straße. Seine Nähe zur Ide­olo­gie der Nation­al­sozial­is­ten „…wirft einen dun­klen Schat­ten auf seine let­zten Jahre…“ (S. 16). Den­noch wurde er als „entartet“ eingestuft, wur­den ihm Ausstel­lungsmöglichkeit­en ver­wehrt und zahlre­iche Werke aus Museen beschlagnahmt. Hoet­ger emi­gri­ert ab 1936 wieder­holt in die Schweiz, wo er 1949 ver­stirbt (siehe die umfassende gegenüber stel­lende Biografien der bei­den Kün­stler im Anhang).

Camille Claudel & Bern­hard Hoet­ger – Emanzi­pa­tion von Rodin, 176 Seit­en, 146 Abbil­dun­gen, Klap­pen­broschur, Hirmer Ver­lag, München 2025, ISBN: 978–3‑7774–4466‑6, 29,90 €

Der Ruf der Lemuren

Reise nach Mada­gaskar

Dieses grafisch sehr ansprechend gestal­tete Buch führt haut­nah in die ganz beson­dere Natur Mada­gaskars und in den von Armut geprägten All­t­ag auf dieser großen afrikanis­chen Insel. Trotz der unsicheren materiellen Ver­hält­nisse begeg­nen ihr Men­schen mit bemerkenswert­er Großzügigkeit und Lebens­freude, kundi­ge Guides und Gast­fam­i­lien. Haup­tan­liegen der Autorin ist das Ein­tauchen in die von Bran­dro­dun­gen und zunehmender Häu­figkeit von Zyk­lo­nen bedro­ht­en Primär­wälder und deren Bewohn­er, den Lemuren. Lemuren sind eine faszinierende und vielfältige Gruppe von Pri­mat­en, die auss­chließlich auf der Insel Mada­gaskar vorkom­men. Sie sind bekan­nt für ihre unver­wech­sel­baren Gesichter und ihre großen, aus­drucksvollen Augen. Lemuren sind in Größe und Ver­hal­ten sehr unter­schiedlich und umfassen Arten von der winzi­gen Mausle­mur, den kle­in­sten Pri­mat­en der Welt, bis hin zum Indri, der für seine laut­en, sin­gen­den Rufe bekan­nt ist. Hier ist ein Manko des Buch­es auf­fal­l­end. Es enthält schöne Zeich­nun­gen, aber keine Fotos der Tiere in ihrer Umge­bung. Dazu sei auf die Inter­net­seit­en des Ver­lages mit seinen Fotos und Infos zu Gehrigs Reise­pod­cast ver­wiesen: https://www.reisedepeschen.de/verlag/shop/der-ruf-der-lemuren-bei-den-stillen-helden-madagaskars-reisebuch/

Rebec­ca Gehrig: Der Ruf der Lemuren – Bei den stillen Helden Mada­gaskars, Reisede­peschen Ver­lag, Berlin 2024, ISBN: 978–3‑96348–035‑5, 324 Seit­en, 22 €

Familienschicksale

Fam­i­lien­schick­sale, mitreißend erzählt aus dem Leben dreier Frauen der jüdis­chen Fam­i­lie Feucht­wanger

Die Autorin Heike Specht befasst sich schon seit mehr als zwanzig Jahren wis­senschaftlich mit dem Schick­sal der weit verzweigten deutsch-jüdis­che Fam­i­lie Feucht­wanger. Ihr Auf­stieg vol­l­zog im 19. und frühen 20. Jahrhun­dert von Fürth (auch „fränkisches Jerusalem“ genan­nt, da dort viele aus Wien ver­triebene Juden ein Zen­trum jüdis­ch­er Reli­giosität schufen) in das Großbürg­er­tum der Res­i­den­zs­tadt München. Ein Auf­stieg, der undenkbar gewe­sen wäre ohne vier Gen­er­a­tio­nen stark­er Frauen. Die Autorin beschreibt im Vor­wort tre­f­fend den Inhalt: „Durch dieses Buch über die Frauen der Fam­i­lie Feucht­wanger führen drei weib­liche Stim­men, die aus der Per­spek­tive der frühen 1940er Jahre Momen­tauf­nah­men gewähren und so die chro­nol­o­gis­che Erzäh­lung von fast zwei Jahrhun­derten Fam­i­liengeschichte immer wieder durch­brechen. Mar­ta Feucht­wanger (die Frau des erfol­gre­iche Schrift­stellers Lion Feucht­wanger, Anm. JR) in Los Ange­les, Rahel Straus (ein­er Frauenärztin, der rechtzeit­ig die Umsied­lung nach Palästi­na gelang, Anm. JR) in Jerusalem und Felice Schra­gen­heim (deren Schick­sal durch Buch und Film ‘Aimée und Jaguar’ bekan­nt wurde. Anm. JR) in Berlin ste­hen im Sturm der Ereignisse.“ (S. 8/9) Das Buch quillt über vom Wis­sen der Autorin über die zeit­geschichtlichen Ereignisse und jüdis­ch­er Erfahrenswel­ten und Tra­di­tio­nen und ist durch den anschaulichen-span­nen­den Schreib­stil eine mitreißende Lek­türe.

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