Magazin für Kultur

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Modersohn-Becker

Paula Beck­er & Otto Mod­er­sohn — Kun­st und Leben

Anlässlich des 150. Geburt­stags der inzwis­chen weltweit als bedeu­tende Kün­st­lerin geehrten Paula Mod­er­sohn-Beck­er wer­den in Worp­swede, dem zen­tralen Lebens- und Wirkung­sort Mod­er­sohn-Beck­ers, und in Dres­den Ausstel­lun­gen eröffnet, die ihr Werk aus den unter­schiedlich­sten Per­spek­tiv­en würdi­gen (in Dres­den im Bezug zu Munch). Dabei wird die wichtige gegen­seit­ige Bee­in­flus­sung und Anre­gung durch ihren Mann und anerkan­nten Land­schafts­maler Otto Mod­er­sohn zu wenig Beach­tung geschenkt. Diese Neuau­flage ein­er Ausstel­lung im Bre­mer Paula-Mod­er­sohn-Beck­er-Muse­um bietet eine reizvolle Ergänzung, sie präsen­tiert rund 80 Gemälde und Zeich­nun­gen von Paula Mod­er­sohn-Beck­er und Otto Mod­er­sohn – darunter zahlre­iche, bis­lang nie gezeigte Skizzen aus öffentlichen und pri­vat­en Samm­lun­gen. Die aus­gewählten Werke geben einen konzen­tri­erten Ein­blick in zen­trale The­men der bei­den Kün­stler, von Land­schaften über Fam­i­lien­leben bis hin zu Worp­swede, und eröff­nen zugle­ich neue Blick­winkel auf ihr kün­st­lerisches Schaf­fen. Anlass für die Gegenüber­stel­lung dieser Werke in der Pub­lika­tion ist der 2017 erst­mals veröf­fentlichte Briefwech­sel des Paares. Er gibt Ein­blick in die Vielschichtigkeit dieser Beziehung und ihre mod­er­nen und damals schon emanzip­ierten Ideen und Ein­stel­lun­gen.

Paula-Mod­er­sohn-Beck­er-Stiftung (Hsg.): Paula Beck­er & Otto Mod­er­sohn — Kun­st und Leben, 92 S., 79 Abb., 978–3‑86832–852‑3, Wien­and Ver­lag, Köln 2026, 24 €

Alte Mälzerei

im Licht­en­rad­er Revi­er


Die Alte Mälz­erei Licht­en­rade ist heute das markante Zen­trum eines neuen Stadtquartiers im Berlin­er Süden und ein Beispiel dafür, wie Denkmalschutz, Stad­ten­twick­lung und Nach­barschaft­skul­tur überzeu­gend zusam­men­find­en kön­nen. Sie ist fußläu­fig vom S‑Bahnhof Licht­en­rade zu erre­ichen und liegt direkt an der kür­zlich wieder in Betrieb genomme­nen Fern­bah­n­trasse der “Dres­d­ner Bahn”.

Errichtet wurde der ein­drucksvolle Back­stein­bau zwis­chen 1897 und 1898 für die Schloss­brauerei Schöneberg AG, eine der großen Berlin­er Brauereien der Kaiserzeit. Die Mälz­erei diente der Malzpro­duk­tion für die Brauerei, deren eigentliche Sud­häuser und Braube­triebe in Schöneberg lagen. In Licht­en­rade wur­den also keine Biere gebraut, son­dern das Malz hergestellt, das die Grund­lage für die Bier­her­stel­lung bildete. Der eigentliche Brau­vor­gang der Schloss­brauerei fand weit­er­hin an ihrem Stamm­sitz statt.

Bere­its im Jahr 1920, kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, wurde die Malzpro­duk­tion eingestellt und das Gebäude anschließend als Lager genutzt. Ab den 1960er Jahren stand das Gebäude weit­ge­hend leer und ver­fiel zunehmend, bis es schließlich unter Denkmalschutz gestellt wurde. Im Rah­men des Stad­ten­twick­lung­spro­jek­ts „Licht­en­rad­er Revi­er“ begann 2017 die umfassende Sanierung und Umnutzung. Ziel war es, der his­torischen Mälz­erei eine neue Bedeu­tung als Ort der Begeg­nung, Bil­dung und Kul­tur zu geben.

Heute beherbergt der fün­fgeschos­sige Ziegel­bau auf rund 3.100 Quadrat­metern die Stadt­teil­bib­lio­thek, die Volk­shochschule, die Musikschule Tem­pel­hof-Schöneberg sowie ein Nach­barschafts- und Kul­turzen­trum. Offene Lern­räume, Ver­anstal­tungs­flächen und Werk­stät­ten machen das Gebäude zu einem lebendi­gen Tre­ff­punkt für alle Gen­er­a­tio­nen.

Zum Gesamtensem­ble gehört auch das gegenüber­liegende Land­haus Licht­en­rade, das ursprünglich als Aus­flugs­gast­stätte der Schloss­brauerei ent­stand. Das tra­di­tion­sre­iche Gebäude wurde eben­falls denkmal­gerecht saniert und wird kün­ftig als kul­tureller Ver­anstal­tung­sort genutzt – ein wichtiger Baustein, um den alten Ortskern neu zu beleben. In unmit­tel­bar­er Nähe entste­ht außer­dem ein mod­ernes Schwimm­bad, das die infra­struk­turelle und soziale Entwick­lung des Quartiers abrun­det.

Das Pro­jekt „Alte Mälz­erei Licht­en­rade“ ist ein Beispiel für nach­haltige Stad­ten­twick­lung: Die his­torische Sub­stanz wurde nicht nur kon­serviert, son­dern mit neuen Funk­tio­nen für kom­mende Gen­er­a­tio­nen nutzbar gemacht. Erhal­ten geblieben sind die charak­ter­is­tis­che Fas­sade im Stil der nord­deutschen Neo­re­nais­sance, die hohen Fen­ster­ach­sen und das markante Dar­ren­türm­chen, während die Innen­räume mit mod­ern­er Tech­nik, Bar­ri­ere­frei­heit und ein­er energieef­fizien­ten Ausstat­tung verse­hen wur­den.

Diese Trans­for­ma­tion wurde auch in einem Buch doku­men­tiert: Im L+H Ver­lag erschien 2025 der reich bebilderte Band „Die Alte Mälz­erei Licht­en­rade – Das Herz eines neuen Stadt­teils“, ver­fasst von Mar­ti­na Vet­ter und her­aus­gegeben von Thomas Best­gen. Auf 210 Seit­en erzählt das Werk die Geschichte des Gebäudes, die tech­nis­chen Aspek­te der Malzpro­duk­tion und den Prozess sein­er Wieder­bele­bung. Zahlre­iche Fotografien von Erik-Jan Ouw­erk­erk und Markus Löf­fel­hardt machen die architek­tonis­che Atmo­sphäre des Ortes erfahrbar.

Das Buch ist mehr als eine reine Doku­men­ta­tion – es ist ein Porträt urbaner Erneuerung. Es zeigt, wie ein vergessenes Indus­triedenkmal dank pri­vatem Engage­ment, Kreativ­ität und Bürg­er­beteili­gung zu einem lebendi­gen Mit­telpunkt eines neuen Stadt­teils wer­den kann.

Faz­it:

Die Alte Mälz­erei Licht­en­rade ist ein gelun­ge­nes Beispiel für den behut­samen Umgang mit Baukul­tur. Sie erin­nert an die indus­trielle Ver­gan­gen­heit der Schloss­brauerei Schöneberg und ste­ht zugle­ich für die soziale und kul­turelle Zukun­ft des Stadtvier­tels. Mit Schwimm­bad, saniertem Restau­rant „Land­haus”, Einzel­han­del, Bio-Super­markt, eine Kita, vielfältiger kul­tureller Nutzung und nicht zu let­zt mit 202 Woh­nun­gen ist hier ein neues, offenes Stadtzen­trum ent­standen, das auch wegen des jet­zt dort gebraut­en Bieres einen Besuch wert ist.

Alte Wut

Warum ich an den Ort reiste, von dem mein Vater einst fliehen musste

Als Zehn­jähriger wurde der Vater der Autorin aus Ost­preußen ver­trieben. Er ver­lor seine Heimat, seine Kind­heit und erlebte die schreck­liche Gewalt der Vertrei­bun­gen. Achtzig Jahre später macht sich seine Tochter auf die 300 Kilo­me­ter lange Reise von München nach Osterode in Masuren ent­lang der Fluchtroute ihres Vaters. Sie will ver­ste­hen, warum sich die seel­is­chen Ver­let­zun­gen ihres Vaters in ihrem eige­nen Leben fortpflanzen kon­nten („…hin­ter­her­reist. Und damit auch dir selb­st – denn wenn du ehrlich bist, weißt du, dass es dieses Kind ist, das in deinem Herzen haust. Sein Schmerz ist dein Schmerz.“ S. 32). Wo liegt der Ursprung ihrer durch­lebten Mager­sucht, ihrer Kämpfe gegen Depres­sion und Burn-out? Wie vererben sich Trau­ma­ta von ein­er Gen­er­a­tion auf die näch­ste? Matzkos Vater trug zeitlebens diese „alte Wut“ über die Vertrei­bungser­fahrung mit sich. Sie äußerte sich in hefti­gen Wutaus­brüchen und beson­ders rigi­dem Kon­trolbedürf­nis. Vieles übertrug sich auf die Tochter. Mit scho­nungslos­er Offen­heit erzählt Caro Matzko in sehr direkt-per­sön­lich­er Erzählweise von ihrem Leben und der Reise in die Ver­gan­gen­heit.

Caro Matzko: Alte Wut — Warum ich an den Ort reiste, von dem mein Vater einst fliehen musste, 220 Seit­en, Fotos und Karte in den Buchin­nen­seit­en, ISBN 978–3‑492–07372‑1, Piper Ver­lag, München 2025, 24 €

Auch heute ist Heine noch um den Schlaf gebracht

Der Todestag eines Men­schen ist ein geeigneter Tag, sich zu fra­gen, was die jew­eilige Per­son ger­ade macht. Heute ist der Todestag Hein­rich Heines. Und wenn man wis­sen wollte, wie es Heine geht, kon­nte man ihn ein­fach hin­ter dem Kas­tanien­wäld­chen an der Hum­boldt-Uni­ver­sität in Berlin besuchen.

Das war ein pit­toreskes Fleckchen. Abgeson­dert von den Touris­ten­strö­men, die Unter den Lin­den hin­aufziehen. Im schweigsamen Schat­ten eines Neben­por­tals der Uni­ver­sität gele­gen. Von den Wipfeln des Kas­tanien­wäld­chens beschirmt.Das war ein Ort ganz nach Heines Geschmack. Denn Heine suchte schon zu seinen Lebzeit­en nach einem Ruhe­p­ol, beson­ders nach­dem seine schwere Krankheit ihn ans Bett fes­selte. Diese Suche führte ihn durch ganz Paris, wo er ins­ge­samt fün­fzehn Mal umge­zo­gen ist. Let­ztlich war seine Suche von vie­len Mis­ser­fol­gen geprägt.

Heine am Kas­tanien­wäld­chen

Lei­der ist auch sein Ruhe­p­ol hin­ter dem Kas­tanien­wäld­chen nicht von langer Dauer gewe­sen. Zwar verir­ren sich auch heute eher wenige Touris­ten zu Heine, das liegt aber an dem mon­strösen Bunker, den das Max­im Gor­ki The­ater neben seinem Stammhaus errichtet hat. Eine schmale asphaltierte Gasse wurde pro­vi­sorisch über den Platz ver­legt, wobei der ehe­ma­lige Bürg­er­steig dem Gor­ki The­ater als Park­platz für Last­wa­gen dient. Bauuten­silien, Flutschein­wer­fer und Absper­run­gen tra­gen das Übrige zur ver­rot­teten Atmo­sphäre bei. Die Park­bänke, die Heine für Gäste freige­hal­ten hat, müssen als Ablage für zusam­mengekehrtes Herb­st­laub und son­sti­gen Abfall her­hal­ten.

Kein Wun­der, dass Heine dort kaum noch anzutr­e­f­fen ist. Zu seinem Glück ist er an keine irdis­chen Beschränkun­gen mehr gebun­den. So lässt er seine gus­seis­erne Hülle ein­fach an Ort und Stelle zurück, während er sich ander­swo herumtreibt. Schade ist das trotz­dem für alle, die Heine an seinem Todestag besuchen woll­ten.

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