Magazin für Kultur

Kategorie: Belletristik (Seite 2 von 4)

Monas Augen

Ein anre­gen­der Gang durch die Kun­st­geschichte

Der Unter­ti­tel dieses franzö­sis­chen Best­sellers „ Eine Reise zu den schön­sten Kunst­werken unser­er Zeit“ kann sich­er nur sehr sub­jek­tiv ver­standen wer­den, auch die Gat­tungs­beze­ich­nung Roman. Es han­delt sich um einen sehr anre­gen­den Gang durch die Kun­st­geschichte: 52 Werke aus den Paris­er Museen Lou­vre, Musée d’Or­say und Cen­tre Pom­pi­dou wer­den höchst infor­ma­tiv vorgestellt und mit Lebensweisheit­en ver­bun­den. Die Auswahl begin­nt mit Bot­ti­cel­li und da Vin­ci geht über Courbet, Manet und Mon­et bis zu schw­er ver­ständliche mod­erne „Werke“ von Louise Bour­geois und Mari­na Abramovic. Die Rah­men­hand­lung ist sehr reizvoll gewählt: ein Groß­vater besucht mit sein­er aufgeweck­ten zehn­jähri­gen Enke­lin die genan­nten Museen, „um die gren­zen­lose Lust der Far­ben und For­men (zu) empfind­en, dann erk­lärend, damit sie das Sta­di­um des visuellen Entzück­ens hin­ter sich lassen und ver­ste­hen kon­nte, wie die Kün­stler uns vom Leben erzählen und wie sie es beleucht­en.“ (S. 26) Sämtliche besproch­ene Kunst­werke sind in den Vorder- und Rück­seit­en der Klap­pen­broschur abge­bildet, lei­der oft so klein, dass zum Nachvol­lziehen der sehr überzeu­gen­den Bild­be­tra­ch­tun­gen andere visuelle Vor­la­gen hinzuge­zo­gen wer­den müssen.

Thomas Sch­less­er: Monas Augen – Eine Reise zu den schön­sten Kunst­werken unser­er Zeit, 496 Seit­en, Klap­pen­broschur, 978–3‑492–06800‑0, Piper Ver­lag, München 2026, 18 €

Aus dem Schönen leben

Kaum das Abitur in der Tasche, weiß Vik­tor, was er beru­flich wer­den möchte: freier Kün­stler. Seine Zeich­nun­gen und Ölgemälde lassen Poten­zial erken­nen und einige sein­er Werke wur­den sog­ar schon in ein­er lokalen Galerie aus­gestellt.

Der Roman “Schönes Leben” von Volk­er Kamin­s­ki beschreibt die Stu­dien­zeit des jun­gen Kün­stlers Vik­tor Diebig in den 1980er Jahren in Karl­sruhe. Vik­tor ist ziel­stre­big, aber er ist sich auch bewusst, noch am Anfang zu ste­hen. Das nötige Handw­erk­szeug möchte er an der Karl­sruher Kun­stakademie erler­nen. Vik­tor wird angenom­men und die eigentliche Lehrzeit begin­nt. Anders als im klas­sis­chen Entwick­lungsro­man führen ihn seine Lehr­jahre nicht auf Wan­der­schaft in die weite Welt hin­aus. Doch die Auseinan­der­set­zung mit der Kun­st ermöglicht ihm eine beständig reifer wer­dende Beziehung zur Welt.

Zu Beginn sein­er Stu­dien­zeit dient Vik­tor die Kun­st eher als Flucht vor der Wirk­lichkeit: ‘Ich füh­le mich fast wieder wie mit sechzehn, als alles anf­ing und ich das Schöne suchte als Gegen­mit­tel zu unserem Fam­i­lien­leben und allem Hässlichen in der Welt.’ (179) Tat­säch­lich scheint ein Gegen­mit­tel nötig zu sein, um das ver­bit­terte Fam­i­lien­leben zu ertra­gen. In Vik­tors Eltern­haus hängt der Haussegen oft schief. Das geht sog­ar so weit, dass sich die Eltern andro­hen, einan­der zu ermor­den. Die Eltern ver­legen sich dann doch auf zivilere Tren­nungsmeth­o­d­en, doch die schwieri­gen Fam­i­lien­ver­hält­nisse belas­ten Vik­tor und die übri­gen Fam­i­lien­mit­glieder schw­er. Für die Hand­lung des Romans wird die kom­plexe Vater-Sohn-Beziehung wichtig. Zwar ist der Vater stolz auf Vik­tor und prahlt ein ums andere Mal mit dem Tal­ent seines Sohnes; ander­er­seits zweifelt der Vater daran, dass der Sohn sich als freier Kün­stler behaupten kön­nen wird. Die eigene Ver­gan­gen­heit als ‘Ost­flüchtling’ hat den Vater gegenüber unsicheren Beschäf­ti­gungsver­hält­nis­sen und fehlen­den sozialen Absicherun­gen skep­tisch wer­den lassen. Hinzu kommt, dass Vik­tor mit der Wahl sein­er Motive keines­falls den gängi­gen Pub­likums­geschmack trifft. Ein bevorzugtes Sujet Vik­tors sind Knochen und Skelette. Die nat­u­ral­is­tis­che Darstel­lung von Kör­pern ist stel­len­weise ent­fremdet und legt den Blick auf blanke Knochen frei. Was in Vik­tors Augen ein “memen­to mori”-Moment her­vor­ruft, stößt auf Ablehnung beim Pub­likum, das sich nicht von einem Zwanzigjähri­gen an die eigene Sterblichkeit erin­nern lassen will. Sollte Kun­st gefall­en? Was ist die Rolle der Kun­st inner­halb der Gesellschaft? Inwiefern kann sie Spiegel der Zeit sein und zugle­ich ihre Unab­hängigkeit vom Zeit­geist bewahren? Vik­tor macht sich die Antworten auf diese Fra­gen nicht ein­fach. Allerd­ings ist es beze­ich­nend, dass der Pro­fes­sor, dessen Klasse Vik­tor an der Kun­stakademie ange­hört, ihn in ein­er Szene ermah­nt: „Sie soll­ten dich den Ver­bohrten nen­nen“ (108). Die Ver­bohrtheit, mit der Vik­tor immer wieder diesel­ben Knochen­mo­tive malt, ist symp­to­ma­tisch für seine Ent­frem­dung von sein­er Umwelt. Er kapselt sich von Fam­i­lie und Kom­mili­to­nen ab und die daraus resul­tierende Iso­la­tion drückt sich auch in den Motiv­en sein­er Arbeit aus.

In dem Maß, in dem Vik­tor jedoch neue Aus­drucks­for­men in sein­er Kun­st zulässt, öffnet er sich auch gegenüber anderen Per­so­n­en und lässt sich auf ungeah­nte Möglichkeit­en ein, die sich ihm eröff­nen. Am Ende scheint Vik­tor durch das Medi­um der Kun­st einen Weg gefun­den zu haben, sich auf die Welt und ihre Her­aus­forderun­gen einzu­lassen.

Ins­ge­samt präsen­tiert Volk­er Kamin­s­ki mit “Schönes Leben” die nuancierte Charak­ter­studie eines jun­gen Kün­stlers und fängt dabei das Set­ting des akademis­chen Kun­st­be­triebs gekon­nt ein.

Volk­er Kamin­s­ki: Schönes Leben, Pal­mArt­Press 2025, ISBN 978–3‑96258–227‑2, gebun­dene Aus­gabe, 25 Euro.

Das Abenteuer des großen Meaulnes

Der Roman “Der große Meaulnes” von Hen­ri Alain-Fournier erzählt von der Sehn­sucht nach einem “ver­lore­nen Land”, in dem sich erfüllen würde, was der Titel­held, Augustin Meaulnes, am meis­ten begehrt.

Erzählt wird die Geschichte von Meaulnes’ bestem Fre­und, dem anfangs 15-jähri­gen François Seurel. Gemein­sam gehen sie auf eine von Seurels Eltern geleit­ete Schule in der fik­tiv­en Kle­in­stadt Sainte-Agathe, in der zen­tral­franzö­sis­chen Sologne. Meaulnes kam neu in die Klasse, gibt jedoch schnell den Ton an und wird von allen nur “der große Meaulnes” genan­nt. Die von Wäldern und Seen geprägte Land­schaft der Sologne nährt die Aben­teuer­lust der Jugendlichen. Die Klassenkam­er­aden von Seurel und Meaulnes touren mit dem Fahrrad über die Land­straße oder schle­ichen sich hin­aus in den Wald, um Grün­spechtnester auszuheben. Doch keines dieser Aben­teuer kommt an das her­an, das der große Meaulnes erlebt hat:

Meaulnes’ Aben­teuer ereignete sich in jen­em “ver­lore­nen Land”, das for­t­an zum Kristalli­sa­tion­spunkt all sein­er Wün­sche und Bestre­bun­gen wird. Eines Nachts fand er sich nach einem miss­lun­genen Stre­ich an einem namen­losen Schloss wieder, ohne zu wis­sen, wie er dor­thin gelangt war. Ehe er sich’s ver­sah, war er Gast eines wun­der­samen Kostüm­festes. Sog­ar ein Kostüm lag für ihn bere­it. Es war ein Ort der Ein­tra­cht und der Abgeschieden­heit, an dem Fremde sich als Fre­unde begeg­neten und die Welt um sich herum ver­gaßen: “Unter diesen Tis­chgenossen war nie­mand, in dessen Gegen­wart sich Meaulnes nicht wohl gefühlt und dem er nicht ver­traut hätte.” (82) Die Begeg­nung mit einem schö­nen Mäd­chen namens Yvonne de Galais, der Tochter des Schlossh­er­rn, wird für Meaulnes zu ein­er Offen­barung des Glücks. Obwohl dieses Glück zum Greifen nahe schien, entzieht es sich ihm doch und es bleibt nur eine Erin­nerung: “Mit welch­er Erre­gung dachte Meaulnes später an die Minute, in der am Ufer des Teich­es das seit­dem ver­loren gegan­gene Gesicht des Mäd­chens dem seinen so nahe gewe­sen war!” (93f.)

Abrupt ist das Fest zu Ende und Meaulnes zurück in Sainte-Agathe. Zwis­chen Wehmut nach dem Ver­lore­nen und Sehn­sucht nach Erfül­lung ver­sucht Meaulnes das ver­wun­sch­ene Schloss und die junge Schlossh­er­rin wiederzufind­en. Doch das “ver­lorene Land” ist auf kein­er Karte eingeze­ich­net. Es ist schließlich sein Schul­fre­und Seurel, der Meaulnes eine Möglichkeit eröffnet, an die er nicht mehr zu glauben gewagt hat. Doch kann das Glück, das ein­mal möglich zu sein schien, Wirk­lichkeit wer­den, nach­dem es bere­its ver­loren war? Meaulnes fühlt die Dis­tanz, die ihn von sein­er Ver­gan­gen­heit tren­nt: “Aber inzwis­chen bin ich überzeugt, dass ich, als ich das namen­lose Schloss ent­deck­te, in einem Zus­tand solch­er Vol­lkom­men­heit und Rein­heit war, wie ich ihn nie mehr erre­ichen werde.” (222) Klar ist, dass das Aben­teuer, in das Meaulnes hineinger­at­en war, längst nicht zu Ende ist. Das “ver­lorene Land” wartet darauf, in der Zukun­ft wieder­ent­deckt zu wer­den.

Hen­ri Alain-Fournier: Der große Meaulnes, Thiele Ver­lag 2014, ISBN: 978–3‑85179–317‑8.

Treffendes Zeitpanorama

Die Krim­i­nal­ro­mane um Kom­mis­sar Gere­on Rath, die mit diesem zehn­ten Band ihren Abschluss find­en, sind vor allem deshalb sehr lesenswert, weil sie nicht nur span­nende Hand­lun­gen, tre­f­fende Per­so­n­en- und Milieubeschrei­bun­gen bieten, son­dern Zeit­panora­men bieten, deutsche Zeit­geschichte erleb­bar machen. Über­wiegend spie­len die Romane in Berlin, das ken­nt­nis­re­ich und pointiert geschildert wird („Stadt voller unge­ho­bel­ter Ego­is­t­en…“ S. 134). Die Buchrei­he begann zum Ende der Weimar­er Repub­lik und endet jet­zt mit der aus mehreren Per­spek­tiv­en geschilderten Pogrom­nacht Novem­ber 1939, der erste Höhep­unkt der Juden­ver­fol­gun­gen. Das Wesen des NS-Ter­rorsys­tem wird in fast allen Begeg­nun­gen und Hand­lungssträn­gen des Romans erleb­bar, insofern ist er keine angenehme Lek­türe, wenn auch sel­tene Glücksmo­mente (wie das Leben in Ade­nauers Fam­i­lie oder die Fre­und­schaft Friedrichs mit einem Jun­gen aus jüdis­ch­er Fam­i­lie) geschildert wer­den und manche beson­ders bru­tale NS-Amt­sträger gerächt wer­den. Volk­er Kutsch­ers Romane bilden die Grund­lage für die  Kult­serie „Baby­lon Berlin“. Die Sky- und ARD-Serie gilt als eine der erfol­gre­ich­sten deutschen Fernseh­pro­duk­tio­nen, ist aber weit reißerisch­er, ent­fer­nt sich oft von den so gelun­genen Roman­vor­la­gen.

Volk­er Kutsch­er: Rath, 624 Seit­en, Hard­cov­er mit Schutzum­schlag  Piper Ver­lag, München, Okto­ber 2024, EAN 978–3‑492–07410‑0, 26.00  €.

All die gestohlenen Erinnerungen

Gaelle Nohant

Dieser tief bewe­gende Roman geht auf „die tat­säch­liche Geschichte der Arolsen Archives“ (Danksa­gung S. 427) und Gespräche der Autorin mit zahlre­ichen Nach­fahren von Opfern der NS-Herrschaft zurück. Das auch als Inter­na­tion­al Trac­ing Ser­vice (ITS) bekan­nte Archiv in Bad Arolsen, ein­er Stadt die von einem Fürsten geprägt war, der als SS-Gen­er­al zum Mit­täter im NS-Sys­tem wurde. Die Doku­menten­samm­lung in Arolsen wurde von den Alli­ierten gegrün­det, kam unter die Träger­schaft des Inter­na­tionalen Roten Kreuzes und wurde erst 2012 unter deutsch­er Träger­schaft geöffnet. Sie ist mit Hin­weisen zu rund 17,5 Mil­lio­nen Men­schen die umfassend­ste Samm­lung zu den ver­schiede­nen Opfer­grup­pen des NS-Regimes und gehört seit Juni 2013 zum UNESCO-Welt­doku­mentenerbe. Der Roman ver­mit­telt das erschüt­ternde Schick­sal aus­gewählter Opfer­grup­pen, informiert auch über weniger bekan­nte Ver­brechen der NS-Täter. So die Ver­schlep­pung von 200.000 Kindern aus Osteu­ropa zur Zwangsadop­tion und Zwangsar­beit. Die Schreck­en des KZ Tre­blin­ka, der Auf­s­tand dort und die Ver­nich­tung aller Spuren, und des Frauenkonzen­tra­tionslagers Ravens­brück, die ärztlichen Folter­ex­per­i­mente dort, selb­st die Verge­wal­ti­gun­gen beim Ein­tr­e­f­fen der rus­sis­chen Trup­pen dort, sind The­ma dieses her­aus­ra­gen­den Romans, der in Frankre­ich mit einem der renom­miertesten Lit­er­atur­preise aus­geze­ich­net wurde.

Gaelle Nohant: All die gestohle­nen Erin­nerun­gen, 432 Seit­en, Piper Ver­lag, München 2024, ISBN: ‚24 €

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