Magazin für Kultur

Monat: Oktober 2026

Elsas Welt

Bewegende Familiengeschichte aus Lodz

Dieses sehr per­sön­liche Buch des Osteu­ropa-His­torik­ers Andreas Kossert schildert das Schick­sal sein­er Groß­mut­ter Elsa und ver­mit­telt ergreifend die tragis­chen Ereignisse, die die pol­nis­che Indus­tri­es­tadt Lodz im 20. Jahrhun­dert prägten. Wenig bekan­nt ist, dass es in Lodz eine bedeu­tende, gut im pol­nis­chen Staat inte­gri­erte deutsche Min­der­heit gab (ca. 10% der Gesamt­bevölkerung, vgl. S. 203). Sie sprach einen eige­nen Dialekt, der „sich sein­er­seits aus ver­schiede­nen deutschen Mundarten speiste, vor allem Schle­sisch, gespickt mit pol­nis­chen und jid­dis­chen Wörtern: ‘Lodz­erdeutsch’“ (S. 15) In Lodz lebte auch die einst zweit­größte jüdis­che Gemein­schaft Europas, ein Drit­tel der Gesamt­bevölkerung. Lodz galt vie­len Polen als „unpol­nisch“. Lodz­er­men­sch verbindet als Lehn­wort im Pol­nis­chen für die Bewohn­er dieser Stadt das Bild eines raf­fgieri­gen Kap­i­tal­is­ten mit anti­semi­tis­chen Unter­ton. In der Zeit der deutschen Annex­ion von 1939 bis Anfang 1945 (Umbe­nen­nung in „Litz­mannstadt“) war Lodz Zen­trum des NS-Ter­rors. Mit­ten im Stadtzen­trum wurde ab Feb­ru­ar 1940 ein erstes Großget­to errichtet. 160.000 Lodz­er Juden wur­den aus ihren Häusern ver­trieben, 40.000 von ihnen star­ben im Get­to, fast alle Get­to­be­wohn­er wur­den, nach­dem sie als Sklave­nar­beit­er nicht mehr gebraucht wur­den, in Kul­mhof und Auschwitz ermordet. Die Deutschen in Lodz mussten sich in die „Deutsche Volk­sliste“ ein­tra­gen. Dies war „fast immer alter­na­tiv­los“ (S. 232), bei ein­er Weigerung dro­hte die Depor­ta­tion. Ab Jan­u­ar 1945, nach der Befreiung durch sow­jetis­che Trup­pen waren die Deutschen in Lodz Opfer von Lynchjus­tiz und Verge­wal­ti­gun­gen, mussten hungernd Zwangsar­beit leis­ten. So auch Kosserts Groß­mut­ter, der dann nach einem Jahr die lange Flucht über Schle­sien und Sach­sen in die nieder­säch­sis­che Prov­inz gelang.

Dieses Buch fasziniert durch die tiefge­hen­den Analy­sen und Beschrei­bun­gen, durch die ganz per­sön­liche Per­spek­tive, ver­mit­telt wenig bekan­ntes zeit­geschichtlich­es Wis­sen: höchst lesenswert.

Andreas Kossert: Elsas Welt – Auf den Spuren mein­er Groß­mut­ter, eine Fam­i­liengeschichte aus Lodz, 414 S., Karten auf den Umschlagin­nen­seit­en, s/w Abb.en, Hard­cov­er, Siedler Ver­lag, München 2026, ISBN 978–3‑88680–973‑8, 26 €

20 Jahre Haus am See

ein The­ater hat seinen Platz gefun­den.

Zwanzig Jahre Hans Otto The­ater am Tiefen See: Das ist in Pots­dam nicht nur ein The­ater­ju­biläum, son­dern auch das Ende ein­er lan­gen Suche nach einem fes­ten Ort. Am 22. Sep­tem­ber 2006 wurde das neue Haus an der Schiff­bauer­gasse eröffnet. Seit­dem ist der von Got­tfried Böhm ent­wor­fene Bau mit seinen markan­ten, weit auskra­gen­den Dachschalen und dem großen Glas­foy­er zu einem fes­ten Bestandteil der Pots­damer Kul­tur­land­schaft gewor­den.

Dabei hat­te das The­ater einen lan­gen Weg hin­ter sich. Nach der Zer­störung des his­torischen Schaus­piel­haus­es im Zweit­en Weltkrieg fol­gten Jahrzehnte mit unter­schiedlichen Spiel­stät­ten und Pro­vi­sorien. Auch der in der DDR begonnene The­ater­neubau am Alten Markt über­lebte die poli­tis­che Wende nicht. Mit dem Stan­dort an der Schiff­bauer­gasse fand das Hans Otto The­ater schließlich eine neue Heimat – direkt am Wass­er und in einem Are­al, das sich in den ver­gan­genen zwei Jahrzehn­ten zu einem wichti­gen Kul­tur­stan­dort entwick­elt hat.

Das Gebäude ist dabei mehr als nur eine Hülle für das The­ater. Der Blick aus dem Foy­er über den Tiefen See zum Babels­berg­er Park zählt zu den beson­deren Qual­itäten des Haus­es. Hier gehen Architek­tur und Land­schaft eine ungewöhn­liche Verbindung ein. Allerd­ings hat das markante Gebäude inzwis­chen auch etwas Pati­na ange­set­zt. Zum 20-jähri­gen Beste­hen dürfte deshalb neben den kün­st­lerischen Fra­gen irgend­wann auch die Frage erlaubt sein, ob eine Auf­frischung des Außen­bere­ichs – vielle­icht sog­ar in Form ein­er neuen Far­bge­bung – sin­nvoll wäre.

Kün­st­lerisch hat sich das Hans Otto The­ater längst vom Ruf eines klas­sis­chen Stadtthe­aters gelöst. Zwar bildet Schaus­piel weit­er­hin das Zen­trum, doch es gibt auch Kinder- und Jugendthe­ater, Musik­the­ater, Gast­spiele, Gespräche und zahlre­iche weit­ere For­mate. Das Pro­gramm ver­sucht, unter­schiedliche Gen­er­a­tio­nen und Inter­essen anzus­prechen und das The­ater als öffentlichen Ort der Stadt­ge­sellschaft zu behaupten. Ger­ade die Verbindung von anspruchsvollem Schaus­piel und niedrigschwelli­gen Ange­boten gehört inzwis­chen zum Pro­fil des Haus­es.

Zum Jubiläum zeigte sich das The­ater entsprechend offen und pub­likum­snah. Nach dem offiziellen Fes­takt wurde das Haus zur Feier­zone: Ensem­ble­beiträge, Gespräche, ein Rück­blick auf die ver­gan­genen 20 Jahre und ein Jubiläums­film gehörten eben­so dazu wie Musik. Fabi­an Kuss & Band bracht­en Rock- und Punkklänge auf die Bühne, später über­nahm DJ Katjuscha. So wurde aus dem offiziellen Geburt­stag eine lange The­a­ter­nacht – weniger staat­stra­gend, son­dern vielmehr ein Fest für all jene, die dieses Haus über zwei Jahrzehnte begleit­et haben.

Zwanzig Jahre sind für ein The­aterge­bäude noch kein hohes Alter. Für das Hans Otto The­ater sind sie den­noch eine wichtige Weg­marke. Aus dem lange gesucht­en Pro­vi­so­ri­um ist ein selb­stver­ständlich­er Bestandteil Pots­dams gewor­den. Die Schiff­bauer­gasse hat davon eben­so prof­i­tiert wie das The­ater selb­st.

Wir wün­schen dem Hans Otto The­ater für die näch­sten 20 Jahre ein neugieriges Pub­likum, gute Insze­nierun­gen, Mut zu neuen Ideen – und vielle­icht, ganz neben­bei, auch ein wenig frische Farbe für das Haus am See.

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