Bewegende Familiengeschichte aus Lodz
Dieses sehr persönliche Buch des Osteuropa-Historikers Andreas Kossert schildert das Schicksal seiner Großmutter Elsa und vermittelt ergreifend die tragischen Ereignisse, die die polnische Industriestadt Lodz im 20. Jahrhundert prägten. Wenig bekannt ist, dass es in Lodz eine bedeutende, gut im polnischen Staat integrierte deutsche Minderheit gab (ca. 10% der Gesamtbevölkerung, vgl. S. 203). Sie sprach einen eigenen Dialekt, der „sich seinerseits aus verschiedenen deutschen Mundarten speiste, vor allem Schlesisch, gespickt mit polnischen und jiddischen Wörtern: ‘Lodzerdeutsch’“ (S. 15) In Lodz lebte auch die einst zweitgrößte jüdische Gemeinschaft Europas, ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Lodz galt vielen Polen als „unpolnisch“. Lodzermensch verbindet als Lehnwort im Polnischen für die Bewohner dieser Stadt das Bild eines raffgierigen Kapitalisten mit antisemitischen Unterton. In der Zeit der deutschen Annexion von 1939 bis Anfang 1945 (Umbenennung in „Litzmannstadt“) war Lodz Zentrum des NS-Terrors. Mitten im Stadtzentrum wurde ab Februar 1940 ein erstes Großgetto errichtet. 160.000 Lodzer Juden wurden aus ihren Häusern vertrieben, 40.000 von ihnen starben im Getto, fast alle Gettobewohner wurden, nachdem sie als Sklavenarbeiter nicht mehr gebraucht wurden, in Kulmhof und Auschwitz ermordet. Die Deutschen in Lodz mussten sich in die „Deutsche Volksliste“ eintragen. Dies war „fast immer alternativlos“ (S. 232), bei einer Weigerung drohte die Deportation. Ab Januar 1945, nach der Befreiung durch sowjetische Truppen waren die Deutschen in Lodz Opfer von Lynchjustiz und Vergewaltigungen, mussten hungernd Zwangsarbeit leisten. So auch Kosserts Großmutter, der dann nach einem Jahr die lange Flucht über Schlesien und Sachsen in die niedersächsische Provinz gelang.
Dieses Buch fasziniert durch die tiefgehenden Analysen und Beschreibungen, durch die ganz persönliche Perspektive, vermittelt wenig bekanntes zeitgeschichtliches Wissen: höchst lesenswert.
Andreas Kossert: Elsas Welt – Auf den Spuren meiner Großmutter, eine Familiengeschichte aus Lodz, 414 S., Karten auf den Umschlaginnenseiten, s/w Abb.en, Hardcover, Siedler Verlag, München 2026, ISBN 978–3‑88680–973‑8, 26 €