Magazin für Kultur

Schlagwort: rezension (Seite 1 von 4)

Elbland

Tief bewe­gend: eine deutsch-tschechis­che Fam­i­liengeschichte

Die Autorin wid­met diesen Roman vor deut­lichem auto­bi­ografis­chen Hin­ter­grund ihrer Groß­mut­ter: „Am 14.6.1945 hat­te meine Groß­mut­ter Helene eine Stunde Zeit, um mit drei kleinen Kindern ihr Haus zu ver­lassen. Nach­dem sie in offe­nen Kohlewag­gons tage­lang unter­wegs waren und irgend­wo in Sach­sen ausstiegen, irrten sie hungernd und schut­z­los drei Monate lang durch ein zer­störtes Land voller zer­störter Men­schen.“ (S. 362) Die bru­tale Vertrei­bung von drei Mil­lio­nen Sude­tendeutschen nach dem 2. Weltkrieg ist Ursache von tiefer Trau­ma­ta, die sich über mehrere Gen­er­a­tio­nen hinziehen. Der Autorin dieser emo­tion­al bewe­gen­den Fam­i­liengeschichte gelingt es umfassend, psy­chol­o­gisch sehr ein­fühlsam das Geschehen der Zeit­geschichte im Erleben der Pro­tag­o­nis­ten darzustellen: her­aus­ra­gend!

Clau­dia Rikl: Elb­land, 368 Seit­en, ISBN 9783550204463 , Ull­stein Ver­lag, Berlin 2026, 23,99 €

Monas Augen

Ein anre­gen­der Gang durch die Kun­st­geschichte

Der Unter­ti­tel dieses franzö­sis­chen Best­sellers „ Eine Reise zu den schön­sten Kunst­werken unser­er Zeit“ kann sich­er nur sehr sub­jek­tiv ver­standen wer­den, auch die Gat­tungs­beze­ich­nung Roman. Es han­delt sich um einen sehr anre­gen­den Gang durch die Kun­st­geschichte: 52 Werke aus den Paris­er Museen Lou­vre, Musée d’Or­say und Cen­tre Pom­pi­dou wer­den höchst infor­ma­tiv vorgestellt und mit Lebensweisheit­en ver­bun­den. Die Auswahl begin­nt mit Bot­ti­cel­li und da Vin­ci geht über Courbet, Manet und Mon­et bis zu schw­er ver­ständliche mod­erne „Werke“ von Louise Bour­geois und Mari­na Abramovic. Die Rah­men­hand­lung ist sehr reizvoll gewählt: ein Groß­vater besucht mit sein­er aufgeweck­ten zehn­jähri­gen Enke­lin die genan­nten Museen, „um die gren­zen­lose Lust der Far­ben und For­men (zu) empfind­en, dann erk­lärend, damit sie das Sta­di­um des visuellen Entzück­ens hin­ter sich lassen und ver­ste­hen kon­nte, wie die Kün­stler uns vom Leben erzählen und wie sie es beleucht­en.“ (S. 26) Sämtliche besproch­ene Kunst­werke sind in den Vorder- und Rück­seit­en der Klap­pen­broschur abge­bildet, lei­der oft so klein, dass zum Nachvol­lziehen der sehr überzeu­gen­den Bild­be­tra­ch­tun­gen andere visuelle Vor­la­gen hinzuge­zo­gen wer­den müssen.

Thomas Sch­less­er: Monas Augen – Eine Reise zu den schön­sten Kunst­werken unser­er Zeit, 496 Seit­en, Klap­pen­broschur, 978–3‑492–06800‑0, Piper Ver­lag, München 2026, 18 €

Schöne neue Arbeitswelt

Traum und Trauma der Moderne

Dieses opu­lente Kat­a­log-Buch zur aktuellen Ausstel­lung im LVR-Lan­desmu­se­um Bonn (bis 12.4.2026) geht von einem nahe liegen­den Ansatz aus: „Unsere Arbeitswelt ist im Umbruch. Wir steuern in eine offene Zukun­ft, die erst noch gestal­tet wer­den muss. Vor diesem Hin­ter­grund lohnt es sich, nach dem Wan­del der Arbeitswelt in ver­gan­genen Epochen zu fra­gen. Wie sind Men­schen früher mit den Her­aus­forderun­gen ein­er sich drama­tisch verän­dern­den Welt umge­gan­gen? (S. 7, Thorsten Valk, der Direk­tor des LVR Lan­desmu­se­ums) Doch geben die Kul­turzeug­nis­sen der Ver­gan­gen­heit (auch wenn sie erst 100 Jahre zurück liegt) Anre­gun­gen für die Lösung der aktuellen Prob­leme (Her­aus­forderun­gen durch die Glob­al­isierung und neuester tech­nis­chen Entwick­lung, KI, über­bor­dene Trans­for­ma­tions- und Sozialkosten)? Das ist eher zu bezweifeln. Aber die Ausstel­lung und der her­vor­ra­gende Kat­a­log bietet umfassende his­torische Infor­ma­tio­nen und ästhetis­chen Genuss. Gemälde und Skulp­turen, aber auch auch Büch­er, Plakate und zahlre­iche Fotografien ver­mit­teln ein Bild der Arbeitswelt im ersten Drit­tel des 20.

Schmäl­zle, Christoph/Valk, Thorsten (Hg.): Schöne neue Arbeitswelt — Traum und Trau­ma der Mod­erne, 256 Seit­en, 220 Abbil­dun­gen, gebun­den, Hirmer Ver­lag, München 2025, ISBN: 978–3‑7774–4624‑0, 50 €



Alte Mälzerei

im Licht­en­rad­er Revi­er


Die Alte Mälz­erei Licht­en­rade ist heute das markante Zen­trum eines neuen Stadtquartiers im Berlin­er Süden und ein Beispiel dafür, wie Denkmalschutz, Stad­ten­twick­lung und Nach­barschaft­skul­tur überzeu­gend zusam­men­find­en kön­nen. Sie ist fußläu­fig vom S‑Bahnhof Licht­en­rade zu erre­ichen und liegt direkt an der kür­zlich wieder in Betrieb genomme­nen Fern­bah­n­trasse der “Dres­d­ner Bahn”.

Errichtet wurde der ein­drucksvolle Back­stein­bau zwis­chen 1897 und 1898 für die Schloss­brauerei Schöneberg AG, eine der großen Berlin­er Brauereien der Kaiserzeit. Die Mälz­erei diente der Malzpro­duk­tion für die Brauerei, deren eigentliche Sud­häuser und Braube­triebe in Schöneberg lagen. In Licht­en­rade wur­den also keine Biere gebraut, son­dern das Malz hergestellt, das die Grund­lage für die Bier­her­stel­lung bildete. Der eigentliche Brau­vor­gang der Schloss­brauerei fand weit­er­hin an ihrem Stamm­sitz statt.

Bere­its im Jahr 1920, kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, wurde die Malzpro­duk­tion eingestellt und das Gebäude anschließend als Lager genutzt. Ab den 1960er Jahren stand das Gebäude weit­ge­hend leer und ver­fiel zunehmend, bis es schließlich unter Denkmalschutz gestellt wurde. Im Rah­men des Stad­ten­twick­lung­spro­jek­ts „Licht­en­rad­er Revi­er“ begann 2017 die umfassende Sanierung und Umnutzung. Ziel war es, der his­torischen Mälz­erei eine neue Bedeu­tung als Ort der Begeg­nung, Bil­dung und Kul­tur zu geben.

Heute beherbergt der fün­fgeschos­sige Ziegel­bau auf rund 3.100 Quadrat­metern die Stadt­teil­bib­lio­thek, die Volk­shochschule, die Musikschule Tem­pel­hof-Schöneberg sowie ein Nach­barschafts- und Kul­turzen­trum. Offene Lern­räume, Ver­anstal­tungs­flächen und Werk­stät­ten machen das Gebäude zu einem lebendi­gen Tre­ff­punkt für alle Gen­er­a­tio­nen.

Zum Gesamtensem­ble gehört auch das gegenüber­liegende Land­haus Licht­en­rade, das ursprünglich als Aus­flugs­gast­stätte der Schloss­brauerei ent­stand. Das tra­di­tion­sre­iche Gebäude wurde eben­falls denkmal­gerecht saniert und wird kün­ftig als kul­tureller Ver­anstal­tung­sort genutzt – ein wichtiger Baustein, um den alten Ortskern neu zu beleben. In unmit­tel­bar­er Nähe entste­ht außer­dem ein mod­ernes Schwimm­bad, das die infra­struk­turelle und soziale Entwick­lung des Quartiers abrun­det.

Das Pro­jekt „Alte Mälz­erei Licht­en­rade“ ist ein Beispiel für nach­haltige Stad­ten­twick­lung: Die his­torische Sub­stanz wurde nicht nur kon­serviert, son­dern mit neuen Funk­tio­nen für kom­mende Gen­er­a­tio­nen nutzbar gemacht. Erhal­ten geblieben sind die charak­ter­is­tis­che Fas­sade im Stil der nord­deutschen Neo­re­nais­sance, die hohen Fen­ster­ach­sen und das markante Dar­ren­türm­chen, während die Innen­räume mit mod­ern­er Tech­nik, Bar­ri­ere­frei­heit und ein­er energieef­fizien­ten Ausstat­tung verse­hen wur­den.

Diese Trans­for­ma­tion wurde auch in einem Buch doku­men­tiert: Im L+H Ver­lag erschien 2025 der reich bebilderte Band „Die Alte Mälz­erei Licht­en­rade – Das Herz eines neuen Stadt­teils“, ver­fasst von Mar­ti­na Vet­ter und her­aus­gegeben von Thomas Best­gen. Auf 210 Seit­en erzählt das Werk die Geschichte des Gebäudes, die tech­nis­chen Aspek­te der Malzpro­duk­tion und den Prozess sein­er Wieder­bele­bung. Zahlre­iche Fotografien von Erik-Jan Ouw­erk­erk und Markus Löf­fel­hardt machen die architek­tonis­che Atmo­sphäre des Ortes erfahrbar.

Das Buch ist mehr als eine reine Doku­men­ta­tion – es ist ein Porträt urbaner Erneuerung. Es zeigt, wie ein vergessenes Indus­triedenkmal dank pri­vatem Engage­ment, Kreativ­ität und Bürg­er­beteili­gung zu einem lebendi­gen Mit­telpunkt eines neuen Stadt­teils wer­den kann.

Faz­it:

Die Alte Mälz­erei Licht­en­rade ist ein gelun­ge­nes Beispiel für den behut­samen Umgang mit Baukul­tur. Sie erin­nert an die indus­trielle Ver­gan­gen­heit der Schloss­brauerei Schöneberg und ste­ht zugle­ich für die soziale und kul­turelle Zukun­ft des Stadtvier­tels. Mit Schwimm­bad, saniertem Restau­rant „Land­haus”, Einzel­han­del, Bio-Super­markt, eine Kita, vielfältiger kul­tureller Nutzung und nicht zu let­zt mit 202 Woh­nun­gen ist hier ein neues, offenes Stadtzen­trum ent­standen, das auch wegen des jet­zt dort gebraut­en Bieres einen Besuch wert ist.

Wuffis Reisen

Wie wir zu denen wur­den, die wir heute sind

Geschichte lässt sich leichter ver­ste­hen, wenn sie von einem sym­pa­this­chen Erzäh­ler span­nend präsen­tiert wird. Genau diesen Ansatz nutzt „Wuff­is Reisen” von Arno Sprenger und Ben­jamin Frank – mit einem ungewöhn­lichen Erzäh­ler: dem kleinen Stoffhund Wuf­fi.
Wuf­fi ist jedoch mehr als nur eine nette Fig­ur. Viele ken­nen ähn­liche Stofftiere aus der eige­nen Kind­heit, und genau daran knüpft das Buch an. Der Hund begleit­et die Autoren auf ihren Reisen durch Deutsch­land und darüber hin­aus und wird zum Beobachter his­torisch­er Orte, Men­schen und Ereignisse. So entste­ht ein emo­tionaler Zugang zur Geschichte, der ohne große Erk­lärun­gen auskommt.
Eine zen­trale Idee sind die „Wuf­fi-Self­ies“. Aus­ge­hend von diesen auf den ersten Blick ein­fachen Fotos erzählen die Autoren von his­torischen Zusam­men­hän­gen, Per­sön­lichkeit­en und gesellschaftlichen Entwick­lun­gen.  Geschichte wird anschaulich, leicht ver­ständlich und bleibt im Gedächt­nis. Belehrend wirkt das Buch dabei nie.
Auch die Auswahl der Men­schen, denen Wuf­fi begeg­net, ist überzeu­gend. His­torische Per­sön­lichkeit­en erscheinen nicht als ferne Helden, son­dern als Men­schen mit Stärken, Schwächen und Ein­fluss auf ihre Zeit. Das schafft Nähe und macht Geschichte greif­bar.
Die Sprache ist klar und gut les­bar. Das Buch richtet sich nicht nur an Kinder, son­dern eben­so an Erwach­sene. Ger­ade diese Offen­heit macht es zum gemein­samen Lesen oder zum Schmök­ern allein geeignet. Der Lern­ef­fekt stellt sich dabei fast neben­bei ein.
Ins­ge­samt zeigt „Wuff­is Reisen”, dass Geschichte span­nend, zugänglich und unter­halt­sam sein kann. Der Stoffhund Wuf­fi führt als sym­pa­this­ch­er Begleit­er durch Zeit­en und The­men und weckt die Lust, sich weit­er mit Geschichte zu beschäfti­gen.
Faz­it: Ein leicht zugänglich­es, klug gemacht­es Buch, das Geschichte lebendig erzählt und Leserin­nen und Leser jeden Alters anspricht. 
Es wird eine Fort­set­zung geben, auf die wir ges­pan­nt sein kön­nen. Und wer die Web­site, https://www.wuffisreisen.de/ von Wuf­fi ken­nt, weiß, dass es auch mehr wer­den kön­nen.

Wuff­is Reisen; Wie wir zu denen wur­den, die wir heute sind; Autoren: Arno Sprenger und Ben­jamins Frank; Illus­tra­tion: Ali­na Paulussen-Brem­n­er, Gesamt­gestal­tung: Tan­ja Kar­mann 1. Auflage, ISBN Num­mer: 978–3‑00–08165‑0, Ver­lag: Arno Sprenger; Verkauf: https://www.wuffisreisen.de/das-wuffibuch/

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