Magazin für Kultur

Schlagwort: rezension (Seite 1 von 5)

Die Liste der Lebenden

Gegen das Vergessen

Es gibt Katas­tro­phen, die sich tief in das kollek­tive Gedächt­nis einge­bran­nt haben. Der Unter­gang der RMS Titan­ic gehört dazu. Andere Unglücke, die ihre Zeitgenossen nicht min­der erschüt­terten, sind dage­gen nahezu ver­schwun­den. Zu ihnen zählt der Unter­gang der Aus­tria am 13. Sep­tem­ber 1858 – eine der schw­er­sten Schiff­skatas­tro­phen des 19. Jahrhun­derts. Mehr als 500 Men­schen befan­den sich an Bord des Auswan­der­erschiffes, nur rund 90 über­lebten. Ste­fan Kutzen­berg­er macht aus diesem fast vergesse­nen Ereig­nis den Aus­gangspunkt seines Romans Die Liste der Leben­den und zeigt ein­drucksvoll, dass Lit­er­atur Erin­nerung bewahren kann, wo Geschichte zu verblassen dro­ht.

Die his­torische Katas­tro­phe ist dabei nicht Selb­stzweck. Kutzen­berg­er inter­essiert weniger das spek­takuläre Unglück als die Men­schen, deren Leben dadurch unwider­ru­flich verän­dert wur­den. Im Mit­telpunkt ste­hen zwei reale Per­sön­lichkeit­en: die dänis­che Frauen­recht­lerin Hen­ri­ette Wulff, die auf der Aus­tria ums Leben kam, und Hans Chris­t­ian Ander­sen, der in Däne­mark verzweifelt auf Nachricht­en wartete. Tage­lang suchte er ihren Namen in den veröf­fentlicht­en Lis­ten der Geretteten und Ver­mis­sten – ein Bild von erschüt­tern­der Ein­fach­heit, das dem Roman seinen Titel gibt und zugle­ich sein zen­trales Motiv for­muliert: das Hof­fen gegen jede Ver­nun­ft.

Kutzen­berg­er gelingt dabei, den welt­berühmten Märchen­dichter ein wenig von seinem Denkmal her­abzu­holen. Sein Ander­sen ist kein lit­er­arisches Genie aus Schul­büch­ern, son­dern ein empfind­samer, von Selb­stzweifeln geprägter Men­sch, dessen Sehn­sucht nach Nähe und Anerken­nung ihn eben­so bes­timmt wie seine schrift­stel­lerische Begabung.

Eben­so sorgfältig zeich­net der Autor das Panora­ma ein­er Epoche im Umbruch. Die Mitte des 19. Jahrhun­derts ist geprägt von Indus­tri­al­isierung, tech­nis­chem Fortschritt und ein­er bis dahin ungekan­nten Auswan­derungs­be­we­gung nach Ameri­ka. Dampf­schiffe verkör­pern den Glauben an eine mod­erne Zukun­ft – und zugle­ich deren Ver­let­zlichkeit. Dass aus­gerech­net eines der mod­ern­sten Schiffe sein­er Zeit durch einen ver­mei­d­baren Brand unterge­ht, erhält beina­he sym­bol­is­che Kraft. Fortschritt erscheint nicht als Tri­umph, son­dern als Ver­sprechen mit tödlichen Gren­zen.

Auch Hen­ri­ette Wulff gewin­nt weit über ihre Rolle als Unglück­sopfer hin­aus Pro­fil. Als engagierte Frauen­recht­lerin ste­ht sie für die gesellschaftlichen Verän­derun­gen ihrer Zeit und verkör­pert einen Auf­bruch, der durch die Katas­tro­phe jäh been­det wird. Indem Kutzen­berg­er ihr eben­so viel Aufmerk­samkeit schenkt wie Ander­sen, erweit­ert er den his­torischen Blick und erin­nert daran, dass Geschichte nicht nur von berühmten Män­nern geschrieben wurde.

Die Stärke des Romans liegt jedoch weniger in der Rekon­struk­tion his­torisch­er Abläufe als in sein­er lit­er­arischen Hal­tung. Kutzen­berg­er verzichtet auf drama­tis­che Effek­te und sen­sa­tion­sheis­chende Katas­tro­phen­szenen. Stattdessen entwick­elt er eine ruhige, konzen­tri­erte Erzählweise, die den Fig­uren und ihren inneren Kon­flik­ten Raum gibt. Seine Sprache ist präzise, atmo­sphärisch und unauf­dringlich. Ger­ade diese Zurück­hal­tung ver­lei­ht dem Roman seine emo­tionale Kraft.

Bemerkenswert ist auch, wie der Autor die his­torische Dimen­sion des Stoffes sicht­bar macht. Der Unter­gang der Aus­tria ereignete sich mehr als ein halbes Jahrhun­dert vor der Titan­ic. Während sich let­ztere tief in das kul­turelle Gedächt­nis eingeschrieben hat, ver­schwand die Aus­tria fast voll­ständig aus dem öffentlichen Bewusst­sein. Kutzen­berg­er macht aus diesem Vergessen sein eigentlich­es The­ma. Er erzählt nicht nur von ein­er Schiff­skatas­tro­phe, son­dern von der Selek­tiv­ität his­torisch­er Erin­nerung. Warum bleiben manche Ereignisse lebendig, während andere trotz ver­gle­ich­bar­er Trag­weite nahezu aus­gelöscht wer­den?

Ger­ade darin ent­fal­tet Die Liste der Leben­den seine größte Qual­ität. Der Roman verbindet his­torische Präzi­sion mit lit­er­arisch­er Empathie und macht deut­lich, dass Geschichte immer auch aus indi­vidu­ellen Schick­salen beste­ht. Die Lis­ten der Geretteten und Ver­mis­sten wer­den zum Sinnbild ein­er Gesellschaft zwis­chen Hoff­nung und Gewis­sheit, zwis­chen Leben und Ver­lust.

Ste­fan Kutzen­berg­er hat keinen klas­sis­chen his­torischen Aben­teuer­ro­man geschrieben. Ihm ist vielmehr ein leis­es, klug kom­poniertes Werk über Erin­nerung, Ver­lust und die Zer­brech­lichkeit men­schlich­er Hoff­nun­gen gelun­gen. Dass er dabei eine beina­he vergessene Tragödie wieder in das kul­turelle Gedächt­nis zurück­holt, macht Die Liste der Leben­den zu einem der bemerkenswertesten his­torischen Romane der ver­gan­genen Jahre.

Ste­fan Kutzen­berg­er: Die Liste der Leben­den, 208 Seit­en, Picus Ver­lag, ISBN 978–3‑7117–2167‑9,‎ Hard­cov­er 24 €

Elbland

Tief bewe­gend: eine deutsch-tschechis­che Fam­i­liengeschichte

Die Autorin wid­met diesen Roman vor deut­lichem auto­bi­ografis­chen Hin­ter­grund ihrer Groß­mut­ter: „Am 14.6.1945 hat­te meine Groß­mut­ter Helene eine Stunde Zeit, um mit drei kleinen Kindern ihr Haus zu ver­lassen. Nach­dem sie in offe­nen Kohlewag­gons tage­lang unter­wegs waren und irgend­wo in Sach­sen ausstiegen, irrten sie hungernd und schut­z­los drei Monate lang durch ein zer­störtes Land voller zer­störter Men­schen.“ (S. 362) Die bru­tale Vertrei­bung von drei Mil­lio­nen Sude­tendeutschen nach dem 2. Weltkrieg ist Ursache von tiefer Trau­ma­ta, die sich über mehrere Gen­er­a­tio­nen hinziehen. Der Autorin dieser emo­tion­al bewe­gen­den Fam­i­liengeschichte gelingt es umfassend, psy­chol­o­gisch sehr ein­fühlsam das Geschehen der Zeit­geschichte im Erleben der Pro­tag­o­nis­ten darzustellen: her­aus­ra­gend!

Clau­dia Rikl: Elb­land, 368 Seit­en, ISBN 9783550204463 , Ull­stein Ver­lag, Berlin 2026, 23,99 €

Monas Augen

Ein anre­gen­der Gang durch die Kun­st­geschichte

Der Unter­ti­tel dieses franzö­sis­chen Best­sellers „ Eine Reise zu den schön­sten Kunst­werken unser­er Zeit“ kann sich­er nur sehr sub­jek­tiv ver­standen wer­den, auch die Gat­tungs­beze­ich­nung Roman. Es han­delt sich um einen sehr anre­gen­den Gang durch die Kun­st­geschichte: 52 Werke aus den Paris­er Museen Lou­vre, Musée d’Or­say und Cen­tre Pom­pi­dou wer­den höchst infor­ma­tiv vorgestellt und mit Lebensweisheit­en ver­bun­den. Die Auswahl begin­nt mit Bot­ti­cel­li und da Vin­ci geht über Courbet, Manet und Mon­et bis zu schw­er ver­ständliche mod­erne „Werke“ von Louise Bour­geois und Mari­na Abramovic. Die Rah­men­hand­lung ist sehr reizvoll gewählt: ein Groß­vater besucht mit sein­er aufgeweck­ten zehn­jähri­gen Enke­lin die genan­nten Museen, „um die gren­zen­lose Lust der Far­ben und For­men (zu) empfind­en, dann erk­lärend, damit sie das Sta­di­um des visuellen Entzück­ens hin­ter sich lassen und ver­ste­hen kon­nte, wie die Kün­stler uns vom Leben erzählen und wie sie es beleucht­en.“ (S. 26) Sämtliche besproch­ene Kunst­werke sind in den Vorder- und Rück­seit­en der Klap­pen­broschur abge­bildet, lei­der oft so klein, dass zum Nachvol­lziehen der sehr überzeu­gen­den Bild­be­tra­ch­tun­gen andere visuelle Vor­la­gen hinzuge­zo­gen wer­den müssen.

Thomas Sch­less­er: Monas Augen – Eine Reise zu den schön­sten Kunst­werken unser­er Zeit, 496 Seit­en, Klap­pen­broschur, 978–3‑492–06800‑0, Piper Ver­lag, München 2026, 18 €

Schöne neue Arbeitswelt

Traum und Trauma der Moderne

Dieses opu­lente Kat­a­log-Buch zur aktuellen Ausstel­lung im LVR-Lan­desmu­se­um Bonn (bis 12.4.2026) geht von einem nahe liegen­den Ansatz aus: „Unsere Arbeitswelt ist im Umbruch. Wir steuern in eine offene Zukun­ft, die erst noch gestal­tet wer­den muss. Vor diesem Hin­ter­grund lohnt es sich, nach dem Wan­del der Arbeitswelt in ver­gan­genen Epochen zu fra­gen. Wie sind Men­schen früher mit den Her­aus­forderun­gen ein­er sich drama­tisch verän­dern­den Welt umge­gan­gen? (S. 7, Thorsten Valk, der Direk­tor des LVR Lan­desmu­se­ums) Doch geben die Kul­turzeug­nis­sen der Ver­gan­gen­heit (auch wenn sie erst 100 Jahre zurück liegt) Anre­gun­gen für die Lösung der aktuellen Prob­leme (Her­aus­forderun­gen durch die Glob­al­isierung und neuester tech­nis­chen Entwick­lung, KI, über­bor­dene Trans­for­ma­tions- und Sozialkosten)? Das ist eher zu bezweifeln. Aber die Ausstel­lung und der her­vor­ra­gende Kat­a­log bietet umfassende his­torische Infor­ma­tio­nen und ästhetis­chen Genuss. Gemälde und Skulp­turen, aber auch auch Büch­er, Plakate und zahlre­iche Fotografien ver­mit­teln ein Bild der Arbeitswelt im ersten Drit­tel des 20.

Schmäl­zle, Christoph/Valk, Thorsten (Hg.): Schöne neue Arbeitswelt — Traum und Trau­ma der Mod­erne, 256 Seit­en, 220 Abbil­dun­gen, gebun­den, Hirmer Ver­lag, München 2025, ISBN: 978–3‑7774–4624‑0, 50 €



Alte Mälzerei

im Licht­en­rad­er Revi­er


Die Alte Mälz­erei Licht­en­rade ist heute das markante Zen­trum eines neuen Stadtquartiers im Berlin­er Süden und ein Beispiel dafür, wie Denkmalschutz, Stad­ten­twick­lung und Nach­barschaft­skul­tur überzeu­gend zusam­men­find­en kön­nen. Sie ist fußläu­fig vom S‑Bahnhof Licht­en­rade zu erre­ichen und liegt direkt an der kür­zlich wieder in Betrieb genomme­nen Fern­bah­n­trasse der “Dres­d­ner Bahn”.

Errichtet wurde der ein­drucksvolle Back­stein­bau zwis­chen 1897 und 1898 für die Schloss­brauerei Schöneberg AG, eine der großen Berlin­er Brauereien der Kaiserzeit. Die Mälz­erei diente der Malzpro­duk­tion für die Brauerei, deren eigentliche Sud­häuser und Braube­triebe in Schöneberg lagen. In Licht­en­rade wur­den also keine Biere gebraut, son­dern das Malz hergestellt, das die Grund­lage für die Bier­her­stel­lung bildete. Der eigentliche Brau­vor­gang der Schloss­brauerei fand weit­er­hin an ihrem Stamm­sitz statt.

Bere­its im Jahr 1920, kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, wurde die Malzpro­duk­tion eingestellt und das Gebäude anschließend als Lager genutzt. Ab den 1960er Jahren stand das Gebäude weit­ge­hend leer und ver­fiel zunehmend, bis es schließlich unter Denkmalschutz gestellt wurde. Im Rah­men des Stad­ten­twick­lung­spro­jek­ts „Licht­en­rad­er Revi­er“ begann 2017 die umfassende Sanierung und Umnutzung. Ziel war es, der his­torischen Mälz­erei eine neue Bedeu­tung als Ort der Begeg­nung, Bil­dung und Kul­tur zu geben.

Heute beherbergt der fün­fgeschos­sige Ziegel­bau auf rund 3.100 Quadrat­metern die Stadt­teil­bib­lio­thek, die Volk­shochschule, die Musikschule Tem­pel­hof-Schöneberg sowie ein Nach­barschafts- und Kul­turzen­trum. Offene Lern­räume, Ver­anstal­tungs­flächen und Werk­stät­ten machen das Gebäude zu einem lebendi­gen Tre­ff­punkt für alle Gen­er­a­tio­nen.

Zum Gesamtensem­ble gehört auch das gegenüber­liegende Land­haus Licht­en­rade, das ursprünglich als Aus­flugs­gast­stätte der Schloss­brauerei ent­stand. Das tra­di­tion­sre­iche Gebäude wurde eben­falls denkmal­gerecht saniert und wird kün­ftig als kul­tureller Ver­anstal­tung­sort genutzt – ein wichtiger Baustein, um den alten Ortskern neu zu beleben. In unmit­tel­bar­er Nähe entste­ht außer­dem ein mod­ernes Schwimm­bad, das die infra­struk­turelle und soziale Entwick­lung des Quartiers abrun­det.

Das Pro­jekt „Alte Mälz­erei Licht­en­rade“ ist ein Beispiel für nach­haltige Stad­ten­twick­lung: Die his­torische Sub­stanz wurde nicht nur kon­serviert, son­dern mit neuen Funk­tio­nen für kom­mende Gen­er­a­tio­nen nutzbar gemacht. Erhal­ten geblieben sind die charak­ter­is­tis­che Fas­sade im Stil der nord­deutschen Neo­re­nais­sance, die hohen Fen­ster­ach­sen und das markante Dar­ren­türm­chen, während die Innen­räume mit mod­ern­er Tech­nik, Bar­ri­ere­frei­heit und ein­er energieef­fizien­ten Ausstat­tung verse­hen wur­den.

Diese Trans­for­ma­tion wurde auch in einem Buch doku­men­tiert: Im L+H Ver­lag erschien 2025 der reich bebilderte Band „Die Alte Mälz­erei Licht­en­rade – Das Herz eines neuen Stadt­teils“, ver­fasst von Mar­ti­na Vet­ter und her­aus­gegeben von Thomas Best­gen. Auf 210 Seit­en erzählt das Werk die Geschichte des Gebäudes, die tech­nis­chen Aspek­te der Malzpro­duk­tion und den Prozess sein­er Wieder­bele­bung. Zahlre­iche Fotografien von Erik-Jan Ouw­erk­erk und Markus Löf­fel­hardt machen die architek­tonis­che Atmo­sphäre des Ortes erfahrbar.

Das Buch ist mehr als eine reine Doku­men­ta­tion – es ist ein Porträt urbaner Erneuerung. Es zeigt, wie ein vergessenes Indus­triedenkmal dank pri­vatem Engage­ment, Kreativ­ität und Bürg­er­beteili­gung zu einem lebendi­gen Mit­telpunkt eines neuen Stadt­teils wer­den kann.

Faz­it:

Die Alte Mälz­erei Licht­en­rade ist ein gelun­ge­nes Beispiel für den behut­samen Umgang mit Baukul­tur. Sie erin­nert an die indus­trielle Ver­gan­gen­heit der Schloss­brauerei Schöneberg und ste­ht zugle­ich für die soziale und kul­turelle Zukun­ft des Stadtvier­tels. Mit Schwimm­bad, saniertem Restau­rant „Land­haus”, Einzel­han­del, Bio-Super­markt, eine Kita, vielfältiger kul­tureller Nutzung und nicht zu let­zt mit 202 Woh­nun­gen ist hier ein neues, offenes Stadtzen­trum ent­standen, das auch wegen des jet­zt dort gebraut­en Bieres einen Besuch wert ist.

« Ältere Beiträge

© 2026 kunstundmedien

Theme von Anders NorénHoch ↑