Magazin für Kultur

Kategorie: Sachbuch (Seite 3 von 9)

Art

365 Geburt­stage großer Kün­st­lerin­nen und Kün­stler

Kun­st­geschichte im Rhyth­mus des Kalen­ders

Dieses bib­lio­phile Neuer­schei­n­ung mit Lese­bänd­chen, Schmuck­ban­de­role und 365 far­bigen Abbil­dun­gen – ist ein immer­währen­den Kalen­der: mit „ART – 365 Geburt­stage großer Kün­st­lerin­nen und Kün­stler“ legt der Kun­sthis­torik­er Michael Semff ein Werk vor, das Kun­stlieb­haberin­nen und ‑lieb­haber durch das Jahr begleit­et – Tag für Tag, Bild für Bild, Biografie für Biografie.

Der Band vere­int 365 Kün­st­lerge­burt­stage aus allen Epochen und Regio­nen der Welt. Jed­er Tag ist einem Namen gewid­met – von ikonis­chen Fig­uren wie Leonar­do da Vin­ci und Fri­da Kahlo bis hin zu weniger bekan­nten, aber nicht min­der faszinieren­den Stim­men der Kun­st­geschichte. Eine große Vielfalt führt durch alle Epochen der Kun­st­geschichte. Die Auswahl ist bewusst weit gefasst: Malerei, Skulp­tur, Fotografie und Medi­enkun­st ste­hen gle­ich­berechtigt nebeneinan­der und spiegeln die Vielfalt kün­st­lerisch­er Aus­drucks­for­men. Eine wün­schenswerte Ein­beziehung von Architek­tur wäre wohl zu viel gewor­den. So sei eine beson­dere Aus­gabe eines Buch­es dieser Art zu den bedeu­ten­den Architek­ten und Architek­tin­nen angeregt.

Jed­er Ein­trag präsen­tiert ein Werk, ergänzt durch einen präg­nan­ten Text und biografis­che Angaben. Dabei gelingt es Semff in knap­per Form, kun­sthis­torische Tiefe mit feuil­leton­is­tis­ch­er Leichtigkeit zu verbinden. Der Kalen­der ist kein bloßes Nach­schlagew­erk, er regt dazu an, das Wis­sen über bekan­nte Kün­stler zu ver­tiefen und weniger bekan­nte Kün­stler und Kün­st­lerin­nen zu ent­deck­en.

Michael Semff: Art – 365 Geburt­stage großer Kün­st­lerin­nen und Kün­stler – Ein immer­währen­der Kalen­der, Fes­tein­band, 384 Seit­en, 365 Abbil­dun­gen, ISBN 978–3‑95415–157‑8, Pres­tel Ver­lag, München 2025, 28 €

Warten auf Susy

Mein afrikanis­ches Leben

Die Autorin, eine Schweiz­er TV-Jour­nal­istin gibt mit ihrem Lebens­bericht einen sehr per­sön­lichen, scho­nungslosen, gar erschüt­tern­den Ein­blick in die südafrikanis­che Leben­sre­al­ität. Heftige Schick­salss­chläge, erlebter Über­fälle, Dro­gen­sucht, falsch­er Män­ner­wahl und Fam­i­lien­dra­men aus den Town­ships treiben die Autorin fast in den Ruin. Der Leser ist fasziniert von ihren span­nen­den Schilderun­gen, erlebt haut­nah mit, wie sich ihre fast immer höchst prob­lema­tis­chen Beziehun­gen zur schwarzen Bevölkerungsmehrheit entwick­eln. Sehr anschaulich wer­den die prekären Lebensver­hält­nisse beschrieben, erleb­bar gemacht. Im Mit­telpunkt ste­ht das neben Kap­stadt beson­ders durch Krim­i­nal­ität belastete Johan­nes­burg, aber Reisen führen die Autorin auch nach Mozam­bique und Sim­bab­we, aus Län­dern aus denen zahlre­iche ille­gale Ein­wan­der­er stam­men. Ein sehr lesenswertes Buch, das man durch den unmit­tel­baren, gar span­nen­den Schreib­stil schnell durch­li­est. Fotografien hät­ten es noch anschaulich­er gemacht.

Cristi­na Kar­rer: Warten auf Susy – Mein afrikanis­ches Leben, 296 Seit­en, Mair­Du­mont Ver­lag, Ost­fildern 2025, ISBN: 9783616035161, 18,95 €

Der Tag an dem sie freikamen

Bewe­gende Geschichte von Frauen, die nach Zwangsar­beit und Todes­marsch ihre Befreiung erlebten

Die Autorin Teréz Rud­noy schildert sehr ein­drucksvoll die Ver­schlep­pung jüdis­ch­er Bevölkerung aus Ungarn 1944, das Lei­den in Auschwitz, die Ver­bringung zur Zwangsar­beit in ein­er Muni­tions­fab­rik, den Todes­marsch nach Bergen-Belsen und schließlich die Befreiung durch amerikanis­che Trup­pen. All dies hat die Autorin selb­st erlebt. 1944 wurde Rud­nóy mit ihren Eltern, ihrem Ehe­mann, ihren bei­den Söh­nen und ihrer Schwest­er nach Auschwitz deportiert. Nur sie und ihre Schwest­er über­lebten. Teréz Rud­nóy war eine der 800 Zwangsar­bei­t­erin­nen im
KZ-Außen­lager Lipp­stadt I. Da sie ihre Lei­dens­geschichte als Roman veröf­fentlichte, auch nicht in Ich-Form berichtet, ist ger­ade dann, wenn es um eine unwahrschein­liche geplante Ver­schwörung im Gefan­genen­lager für SS-Ange­hörige geht, sind Zweifel an der Authen­tiz­ität berechtigt. Das ist schade. Den­noch: dieses Buch ist höchst lesenswert, ger­ade auch was die sprach­liche Präg­nanz anbe­langt.

Teréz Rud­noy: Der Tag an dem sie freika­men, Roman, aus dem Ungarischen und mit einem Nach­wort des Über­set­zers Laca Kor­nitzer, 229 S., geb., Wei­dle im Wall­stein Ver­lag, Göt­tin­gen 2025
ISBN 978–3‑8353–7597‑0, € 24,00

Die Villen des Leipziger Bürgertums

Eine wirk­liche Augen­wei­de

Dieser überzeu­gende Führer zu den prächti­gen Villen in Leipzig macht deut­lich, dass Leipzig neben ein­er Vielzahl ander­er Bau­denkmale einen erstaunlich großen Bestand an im Krieg unz­er­störter und bestens sanierten großbürg­er­lich­er Wohn­baut­en aufweist, mehr als andere deutsche Großstädte. Die bei­den Autoren zählen ca. 500 dieser Bau­typen, über­wiegend in Stil des His­toris­mus und unter Denkmalschutz ste­hend. Die pro­funde architek­turhis­torische Ein­führung zu diesem Buch ver­weist auf den Bedeu­tungswan­del der Villen vom prächti­gen Land­sitz (Pal­la­dios Villen sind das Parade­beispiel) zum großbürg­er­lichen repräsen­ta­tiv­en Wohn­haus erfol­gre­ich­er Geschäft­sleute in und an stadt­na­hen Parkan­la­gen (in Leipzig im Wald­straßen- und Musikvier­tel) und zeigen die Leipziger Beson­der­heit­en hin: „Diese Orte waren zugle­ich Lebens­mit­telpunk­te bedeu­ten­der Leipziger Per­sön­lichkeit­en aus Poli­tik, Wirtschaft, Kul­tur und Wis­senschaft. Leipzig als die führende Stadt der Muster­messe, des Pelzhan­dels, des Buch­han­dels, der poly­graphis­chen Indus­trie und…des Maschi­nen­baus beherbergte eine große Zahl von Män­nern und Frauen, die teils einen europaweit­en Ruf genossen.“ (S. 18) 58 Villen wer­den mit her­vor­ra­gen­den Farb­fo­tos vorgestellt, mit ihre Bau- und Nutzungs­geschichte beschrieben und z. T. mit Plan­ab­bil­dun­gen und Grun­dris­sen ergänzt. Da die beschriebe­nen Baut­en mit Num­mern in einem Stadt­plan auf Seite 157 gekennze­ich­net sind, kann das Buch gut als Führer zu ein­drucksvollen Rundgän­gen genutzt wer­den.

Wolf­gang Hoc­quél / Richard Hüt­tel: Die Villen des Leipziger Bürg­er­tums, Fes­tein­band, 160 Seit­en, 309 Abbil­dun­gen, ISBN 978–3‑95415–157‑8, Pas­sage-Ver­lag, Leipzig 2024, 29 €

Gründerzeit 1200

Wie das Mit­te­lal­ter unsere Städte erfand

Das Buch „Grün­derzeit 1200” von Gisela Graichen und Matthias Wemhoff richtet sich an geschichtsin­ter­essierte Leserin­nen und Leser, die mehr über die „urbane Rev­o­lu­tion” im Hochmit­te­lal­ter erfahren möcht­en. Zwis­chen 1150 und 1250 erlebte das Heilige Römis­che Reich einen regel­recht­en Städte­boom: Aus weniger als 200 städtis­chen Sied­lun­gen wur­den über 1.200.

Die Autoren zeigen, wie tech­nis­che Neuerun­gen, Han­del, Recht sowie Kli­ma- und Umwelt­fak­toren diese Entwick­lung prägten und bis heute nachwirken.Es wird der Ein­fluss kirch­lich­er und religiös­er Entwick­lun­gen hin­ter­fragt, tech­nis­che und kom­merzielle Neuerun­gen bew­ertet und die Entwick­lung des Rechts am Beispiel des Sach­sen­spiegels und des Magde­burg­er Stadtrechts beschrieben.

Beson­ders ein­drucksvoll ist dabei der Blick auf die Wech­sel­wirkung zwis­chen Kli­mawan­del und Stad­ten­twick­lung. Das soge­nan­nte „Mit­te­lal­ter­liche Kli­maop­ti­mum“ brachte wärmere Tem­per­a­turen, bessere Ern­ten und eine wach­sende Bevölkerung mit sich – ide­ale Bedin­gun­gen für Städte­grün­dun­gen. Gle­ichzeit­ig ver­schärften sich jedoch die Umwelt­prob­leme: Holz wurde zur Man­gel­ware und Böden sowie Wälder lit­ten unter Raub­bau. Die Städte führten Regelun­gen wie Ban­n­forste oder Pflanzpflicht­en ein. Die Strafen für Holzdieb­stahl waren drakonisch: „Wer Bäume mit ver­w­ert­baren Frücht­en wie Bucheck­ern fällte, dem dro­hte das Hand­ab­schla­gen“. Oder: “Das Erzbis­tum Freiburg bes­timmte Anfang des 13. Jahrhun­derts, wer eine Eiche köpfte, sollte selb­st den Kopf ver­lieren, wer bei ihrer Entrindung zur Gewin­nung von Gerb­säure erwis­cht wurde, bekam die Gedärme aus dem Leib gezo­gen.”. Somit wird deut­lich, dass ver­füg­bare Ressourcen und Nach­haltigkeit bere­its im Mit­te­lal­ter zen­trale Fra­gen waren.

Neben großen Lin­ien – etwa der Hanse als „heim­liche Groß­macht“ – beleuchtet das Buch auch soziale Aspek­te. So kon­nten Frauen im 13. Jahrhun­dert in bes­timmten Berufen eine Lehre machen, Zün­fte grün­den oder die Geschäfte ihrer Män­ner fort­führen. Anschauliche Exkurse – von Grön­land-Sagen bis zu den gescheit­erten Stadt­plä­nen Karls des Großen – machen die Lek­türe lebendig und unterhaltsam.Gründerzeit 1200” ist ein span­nen­des und ver­ständlich geschriebenes Sach­buch für ein bre­ites Pub­likum – ide­al für Geschichtsin­ter­essierte, Lehrende oder alle, die ver­ste­hen wollen, wie unsere Städte ent­standen sind. Die erfahrene Wis­senschaft­sjour­nal­istin Graichen und der Archäologe und Muse­ums­di­rek­tor Wemhoff verbinden fundiertes Wis­sen mit erzäh­lerischem Gespür. So entste­ht eine pop­ulär­wis­senschaftliche Darstel­lung, die weit über trock­ene Sozialgeschichte hin­aus­ge­ht und Geschichte lebendig und all­ge­mein ver­ständlich macht.

Gisela Graichen, Matthias Wemhoff: Grün­derzeit 1200. Wie das Mit­te­lal­ter unsere Städte erfand. Propy­läen Ver­lag 2024, 464 Seit­en, 29 €, ISBN 978–3‑549–10065‑3

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