Magazin für Kultur

Kategorie: Sachbuch (Seite 2 von 9)

Wuffis Reisen

Wie wir zu denen wur­den, die wir heute sind

Geschichte lässt sich leichter ver­ste­hen, wenn sie von einem sym­pa­this­chen Erzäh­ler span­nend präsen­tiert wird. Genau diesen Ansatz nutzt „Wuff­is Reisen” von Arno Sprenger und Ben­jamin Frank – mit einem ungewöhn­lichen Erzäh­ler: dem kleinen Stoffhund Wuf­fi.
Wuf­fi ist jedoch mehr als nur eine nette Fig­ur. Viele ken­nen ähn­liche Stofftiere aus der eige­nen Kind­heit, und genau daran knüpft das Buch an. Der Hund begleit­et die Autoren auf ihren Reisen durch Deutsch­land und darüber hin­aus und wird zum Beobachter his­torisch­er Orte, Men­schen und Ereignisse. So entste­ht ein emo­tionaler Zugang zur Geschichte, der ohne große Erk­lärun­gen auskommt.
Eine zen­trale Idee sind die „Wuf­fi-Self­ies“. Aus­ge­hend von diesen auf den ersten Blick ein­fachen Fotos erzählen die Autoren von his­torischen Zusam­men­hän­gen, Per­sön­lichkeit­en und gesellschaftlichen Entwick­lun­gen.  Geschichte wird anschaulich, leicht ver­ständlich und bleibt im Gedächt­nis. Belehrend wirkt das Buch dabei nie.
Auch die Auswahl der Men­schen, denen Wuf­fi begeg­net, ist überzeu­gend. His­torische Per­sön­lichkeit­en erscheinen nicht als ferne Helden, son­dern als Men­schen mit Stärken, Schwächen und Ein­fluss auf ihre Zeit. Das schafft Nähe und macht Geschichte greif­bar.
Die Sprache ist klar und gut les­bar. Das Buch richtet sich nicht nur an Kinder, son­dern eben­so an Erwach­sene. Ger­ade diese Offen­heit macht es zum gemein­samen Lesen oder zum Schmök­ern allein geeignet. Der Lern­ef­fekt stellt sich dabei fast neben­bei ein.
Ins­ge­samt zeigt „Wuff­is Reisen”, dass Geschichte span­nend, zugänglich und unter­halt­sam sein kann. Der Stoffhund Wuf­fi führt als sym­pa­this­ch­er Begleit­er durch Zeit­en und The­men und weckt die Lust, sich weit­er mit Geschichte zu beschäfti­gen.
Faz­it: Ein leicht zugänglich­es, klug gemacht­es Buch, das Geschichte lebendig erzählt und Leserin­nen und Leser jeden Alters anspricht. 
Es wird eine Fort­set­zung geben, auf die wir ges­pan­nt sein kön­nen. Und wer die Web­site, https://www.wuffisreisen.de/ von Wuf­fi ken­nt, weiß, dass es auch mehr wer­den kön­nen.

Wuff­is Reisen; Wie wir zu denen wur­den, die wir heute sind; Autoren: Arno Sprenger und Ben­jamins Frank; Illus­tra­tion: Ali­na Paulussen-Brem­n­er, Gesamt­gestal­tung: Tan­ja Kar­mann 1. Auflage, ISBN Num­mer: 978–3‑00–08165‑0, Ver­lag: Arno Sprenger; Verkauf: https://www.wuffisreisen.de/das-wuffibuch/

Die Malerei der Romantik

Kom­pendi­um der roman­tis­ch­er Malerei von Friedrich bis Turn­er

Dieses Buch ist her­aus­ra­gend, eine ver­legerisches Glanzstück, ein Füll­horn großar­tiger Gemälde, über 1000 Farbab­bil­dun­gen in bester Qual­ität, häu­fig über zwei Seit­en des groß­for­mati­gen Buch­es, kün­ftig das Kom­pendi­um roman­tis­ch­er Malerei. Es stellt die Malerei der Roman­tik als gesam­teu­ropäis­ches Phänomen dar mit deut­lichem Schw­er­punkt im deutschsprachi­gen Raum. Diese Malerei, häu­fig schon lange vor dem Impres­sion­is­mus als Pleinair­malerei, begann im 18. Jahrhun­dert, ihren Höhep­unkt hat­te sie in der 1. Hälfte des 19. Jahrhun­derts. „In Anbe­tra­cht des Fehlens … ein­er spez­i­fisch roman­tis­chen Architek­tur kann sie nicht als eigen­ständi­ge Epoche ange­se­hen werden…Je nach Blick­winkel und Ein­gren­zung ist die Malerei der Roman­tik eine Ran­der­schei­n­ung inner­halb der Malereigeschichte dieser Zeit, die dem Klas­sizis­mus ange­hört.“ (S.9/10) Der Autor schreibt zur Auswahl: „Die Auswahl der Maler, die in diesem Buch mono­grafisch behan­delt wer­den, erfol­gte nach ihrer Qual­ität und Bedeu­tung. Es han­delt sich fast auss­chließlich um Kün­stler, deren Anliegen die emo­tionale Wieder­gabe ein­er Sit­u­a­tion oder Land­schaft war.“ (S. 8).
Das Buch begin­nt mit den Werken der Vor­ro­man­tik, ins­beson­dere von Claude Joseph Ver­net, der malerische Hafe­nan­sicht­en, Son­nenun­tergänge und drama­tis­che Schiff­bruch­szenen malte. Weit­er­hin gilt den Malern der Vulka­n­malerei um Wright of Der­by und Michael Wutky sowie den Land­schafts­malern Cas­par Wolf und Adri­an Zingg ein beson­deres Augen­merk.

Im Haupt­teils des Buch­es wer­den nach ein­er Ein­leitung zur his­torischen Einord­nung und den Motivschw­er­punk­ten vierzig Maler der Roman­tik aus Deutsch­land, Öster­re­ich, der Schweiz und Skan­di­navien mono­grafisch vorgestellt. Ein­drucksvoll ist die Vielfalt, viele der an Kun­st inter­essierten Öffentlichkeit gän­zlich unbekan­nte Kün­stler sind zu ent­deck­en: Carl Wil­helm Götzhoff (ein­drucksvolle ital­ienis­che Land­schafts­bilder), Julius von Ley­pold (deut­lich als Schüler C.D. Friedrich zu erken­nen), Alexan­dre Calame (aus der franzö­sis­chsprachi­gen Schweiz stam­mend, ein­er der beliebtesten Alpen­maler sein­er Zeit) und Johann Jakob Frey (ein Schweiz­er Maler, der mit seinen ital­ienis­chen Land­schafts- und Him­mel­san­sicht­en begeis­terte) seien als her­aus­ra­gende Beispiele genan­nt. Schw­er­punkt liegt natür­lich auf den berühmten Malern der Roman­tik von Friedrich, Dahl, Carus, Blechen bis zur Düs­sel­dor­fer Maler­schule unter Schirmer. Her­vorzuheben ist dabei, dass auch bei diesen Kün­stlern weniger bekan­nte, doch nicht weniger ein­drucksvolle Werke abge­bildet wer­den. Auch bei den Werken franzö­sis­ch­er, englis­ch­er und rus­sis­ch­er Kün­stler wer­den die bekan­nte Maler wie William Turn­er und John Con­sta­ble bzw. Thèodore Géri­cault und Eugène Delacroix vorgestellt und es sind Ent­deck­un­gen zu machen wie beispiel­sweise Thèodore Gudin mit seinen See- und Him­mel­san­sicht­en. Schließlich wer­den auch bedeu­tende roman­tis­che Maler aus den USA vorgestellt, deren ein­drucksvolle Land­schafts­darstel­lun­gen auch in Europa bekan­nt gewor­den sind: Thomas Cole, Fred­er­ic Edwin Church und Albert Bier­stadt. Kün­stler aus Ital­ien und Spanien fehlen. Wohl hat­te dort die Roman­tik nicht diesen prä­gen­den Ein­fluss. Oder waren es Platz­gründe, denn dieses so empfehlenswerte Kom­pendi­um roman­tis­ch­er Malerei ist jet­zt schon schw­ergewichtig genug.

Michael Imhof: Die Malerei der Roman­tik, Von Friedrich bis Turn­er, 832 Seit­en, 1.116 Farb-Abbil­dun­gen, ISBN 978–3‑7319–1385‑6, Michael Imhof Ver­lag, Peters­berg 2025, Sub­skrip­tion­spreis bis 31.1.2026: 69,00 Euro Euro (D), danach: 99,00 Euro Euro (D)

Alte Wut

Warum ich an den Ort reiste, von dem mein Vater einst fliehen musste

Als Zehn­jähriger wurde der Vater der Autorin aus Ost­preußen ver­trieben. Er ver­lor seine Heimat, seine Kind­heit und erlebte die schreck­liche Gewalt der Vertrei­bun­gen. Achtzig Jahre später macht sich seine Tochter auf die 300 Kilo­me­ter lange Reise von München nach Osterode in Masuren ent­lang der Fluchtroute ihres Vaters. Sie will ver­ste­hen, warum sich die seel­is­chen Ver­let­zun­gen ihres Vaters in ihrem eige­nen Leben fortpflanzen kon­nten („…hin­ter­her­reist. Und damit auch dir selb­st – denn wenn du ehrlich bist, weißt du, dass es dieses Kind ist, das in deinem Herzen haust. Sein Schmerz ist dein Schmerz.“ S. 32). Wo liegt der Ursprung ihrer durch­lebten Mager­sucht, ihrer Kämpfe gegen Depres­sion und Burn-out? Wie vererben sich Trau­ma­ta von ein­er Gen­er­a­tion auf die näch­ste? Matzkos Vater trug zeitlebens diese „alte Wut“ über die Vertrei­bungser­fahrung mit sich. Sie äußerte sich in hefti­gen Wutaus­brüchen und beson­ders rigi­dem Kon­trolbedürf­nis. Vieles übertrug sich auf die Tochter. Mit scho­nungslos­er Offen­heit erzählt Caro Matzko in sehr direkt-per­sön­lich­er Erzählweise von ihrem Leben und der Reise in die Ver­gan­gen­heit.

Caro Matzko: Alte Wut — Warum ich an den Ort reiste, von dem mein Vater einst fliehen musste, 220 Seit­en, Fotos und Karte in den Buchin­nen­seit­en, ISBN 978–3‑492–07372‑1, Piper Ver­lag, München 2025, 24 €

Trio mit Tiger

Span­nend erzählte Kun­st­geschichte: Max Beck­mann und der Kun­straub in den Nieder­lan­den

Dieser sehr lesenswerte, span­nend erzählte und gründlich recher­chierte Roman basiert auf his­torischen Geschehnis­sen: auf das Leben Max Beck­manns im Ams­ter­damer Exil (1937- 1947) und das Wirken seines Gön­ners Erhard Göpel, der ab 1942 bis zum Kriegsende als NS-Beauf­tragter Kunst­werke für das geplante „Führermu­se­um Linz“ ankaufte und dabei im Gegen­satz zum Wirken ander­er NS Stellen direk­ten Kun­straub ver­mei­den und jüdis­che Leben ret­ten kon­nte. Die Autorin Mar­i­anne Ludes hat­te exk­lu­siv­en Zugriff auf die bis­lang unveröf­fentlicht­en Tage­büch­er Mathilde Beck­manns. Sie ver­wen­det sie für ihren Roman, die Tage­büch­er wer­den aber nicht zitiert (siehe die in den „Tage­buch“ Abschnit­ten erwäh­n­ten fik­tiv­en Per­so­n­en, vgl. das sehr infor­ma­tive Nach­wort). Das ist prob­lema­tisch, der Leser fragt sich immer wieder, was ist authen­tisch? Auch lenken manche pri­vate Belan­glosigkeit­en von den so span­nend erzählten Details der zeit­geschichtlichen Hin­ter­gründe ab. Aber der Leser lernt Max Beck­mann ganz intim ken­nen, sein Werk erschließt sich neu.

Mar­i­anne Ludes: Trio mit Tiger, 446 Seit­en, ISBN 978–3‑570–10554‑2, Ber­tels­mann Ver­lag, München 2025, 25 €

Das Reichstagspräsidentenpalais

Ein Haus und seine Geschichte

Das Palais des Reich­stagspräsi­den­ten in Berlin spiegelt mit seinen vielfachen Umnutzun­gen deutsche Zeit­geschichte. Wie der Reich­stag ist dieses Gebäude erst nach lan­gen Debat­ten um den Ort und nach langer Bauzeit eingewei­ht wor­den (der Reich­stag im Jahr 1894, das Palais 1904, Architekt bei­der Gebäude: Paul Wal­lot). Auch die Veröf­fentlichung dieser her­aus­ra­gende Mono­grafie zum Reich­stagspräsi­den­ten­palais hat lange gedauert. Die Sanierung nach der Über­gabe an den Bund begann ab Okto­ber 1991, war 1999 abgeschlossen, wurde aber schon 2015 umfassend ergänzt. Seit­dem ist das Gebäude ein Glanzstück mod­ern­er Funk­tion­al­ität im his­torischen Gewand: „Das Haus zeigt sich nun gut durch­lüftet, die ein­stige Düster­n­is ist kräftig aufge­hellt wor­den. Nuss­baum- und Ahorn­vertäfelun­gen ver­lei­hen den Speis­eräu­men und Salons gle­ich­wohl Intim­ität und Wärme, die dem eisi­gen Flughafen­in­terieur des gegenüber­liegen­den Reich­stags ganz fremd ist.“ (so wird auf S. 180 ein FAZ Artikel zitiert)

Das Buch überzeugt durch Ein­blicke in die Architek­tur und Innenein­rich­tung anhand auf­schlussre­ich­er Fotografien und von Bau­plä­nen. Die so unter­schiedlichen Nutzun­gen (von der Präsi­dentschaft eines Par­la­ments mit sehr eingeschränk­ter Macht, dem par­la­men­tarischen Leben bis zum Ende der ersten deutschen Demokratie 1933 und der wech­selvollen Nutzung des Haus­es während der NS- und DDR-Zeit) wer­den anschaulich. Auf ein wohl absichtlich ver­schwiege­nen, entschei­den­den poli­tis­chen Ter­min macht der Autor aufmerk­sam: am 20. 2.1933 traf sich die NS-Parteiführung mit den Spitzen der deutschen Wirtschaft, um im großen Aus­maß finanzielle Mit­tel für den Wahlkampf einzu­fordern. Alle führen­den Wirtschaftsvertreter spende­ten, obwohl Göring von der „let­zten Wahl in 100 Jahren“ sprach.

Nach­dem die Berlin­er Mauer jahrzehn­te­lang das Palais vom Reich­stags­ge­bäude getren­nt hat­te, es lange Zeit dem erfol­gre­ichen VEB Deutsche Schallplat­ten (mit den Labels Ami­ga und Eter­na) als Auf­nahmes­tu­dio und Leitungssitz diente, ist es heute als Sitz der Deutschen Par­la­men­tarischen Gesellschaft wieder ein Teil des poli­tis­chen Lebens in der Haupt­stadt.

Matthias C. Schütte: Das Reich­stagspräsi­den­ten­palais — Ein Haus und seine Geschichte, gebun­den, 240 Seit­en, 137 teils far­bige Abb., BeBra Ver­lag, Berlin 2025, ISBN 978–3‑8148–0316‑6, 38 €

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