Magazin für Kultur

Kategorie: Sachbuch (Seite 4 von 9)

Die Villen des Leipziger Bürgertums

Eine wirk­liche Augen­wei­de

Dieser überzeu­gende Führer zu den prächti­gen Villen in Leipzig macht deut­lich, dass Leipzig neben ein­er Vielzahl ander­er Bau­denkmale einen erstaunlich großen Bestand an im Krieg unz­er­störter und bestens sanierten großbürg­er­lich­er Wohn­baut­en aufweist, mehr als andere deutsche Großstädte. Die bei­den Autoren zählen ca. 500 dieser Bau­typen, über­wiegend in Stil des His­toris­mus und unter Denkmalschutz ste­hend. Die pro­funde architek­turhis­torische Ein­führung zu diesem Buch ver­weist auf den Bedeu­tungswan­del der Villen vom prächti­gen Land­sitz (Pal­la­dios Villen sind das Parade­beispiel) zum großbürg­er­lichen repräsen­ta­tiv­en Wohn­haus erfol­gre­ich­er Geschäft­sleute in und an stadt­na­hen Parkan­la­gen (in Leipzig im Wald­straßen- und Musikvier­tel) und zeigen die Leipziger Beson­der­heit­en hin: „Diese Orte waren zugle­ich Lebens­mit­telpunk­te bedeu­ten­der Leipziger Per­sön­lichkeit­en aus Poli­tik, Wirtschaft, Kul­tur und Wis­senschaft. Leipzig als die führende Stadt der Muster­messe, des Pelzhan­dels, des Buch­han­dels, der poly­graphis­chen Indus­trie und…des Maschi­nen­baus beherbergte eine große Zahl von Män­nern und Frauen, die teils einen europaweit­en Ruf genossen.“ (S. 18) 58 Villen wer­den mit her­vor­ra­gen­den Farb­fo­tos vorgestellt, mit ihre Bau- und Nutzungs­geschichte beschrieben und z. T. mit Plan­ab­bil­dun­gen und Grun­dris­sen ergänzt. Da die beschriebe­nen Baut­en mit Num­mern in einem Stadt­plan auf Seite 157 gekennze­ich­net sind, kann das Buch gut als Führer zu ein­drucksvollen Rundgän­gen genutzt wer­den.

Wolf­gang Hoc­quél / Richard Hüt­tel: Die Villen des Leipziger Bürg­er­tums, Fes­tein­band, 160 Seit­en, 309 Abbil­dun­gen, ISBN 978–3‑95415–157‑8, Pas­sage-Ver­lag, Leipzig 2024, 29 €

Gründerzeit 1200

Wie das Mit­te­lal­ter unsere Städte erfand

Das Buch „Grün­derzeit 1200” von Gisela Graichen und Matthias Wemhoff richtet sich an geschichtsin­ter­essierte Leserin­nen und Leser, die mehr über die „urbane Rev­o­lu­tion” im Hochmit­te­lal­ter erfahren möcht­en. Zwis­chen 1150 und 1250 erlebte das Heilige Römis­che Reich einen regel­recht­en Städte­boom: Aus weniger als 200 städtis­chen Sied­lun­gen wur­den über 1.200.

Die Autoren zeigen, wie tech­nis­che Neuerun­gen, Han­del, Recht sowie Kli­ma- und Umwelt­fak­toren diese Entwick­lung prägten und bis heute nachwirken.Es wird der Ein­fluss kirch­lich­er und religiös­er Entwick­lun­gen hin­ter­fragt, tech­nis­che und kom­merzielle Neuerun­gen bew­ertet und die Entwick­lung des Rechts am Beispiel des Sach­sen­spiegels und des Magde­burg­er Stadtrechts beschrieben.

Beson­ders ein­drucksvoll ist dabei der Blick auf die Wech­sel­wirkung zwis­chen Kli­mawan­del und Stad­ten­twick­lung. Das soge­nan­nte „Mit­te­lal­ter­liche Kli­maop­ti­mum“ brachte wärmere Tem­per­a­turen, bessere Ern­ten und eine wach­sende Bevölkerung mit sich – ide­ale Bedin­gun­gen für Städte­grün­dun­gen. Gle­ichzeit­ig ver­schärften sich jedoch die Umwelt­prob­leme: Holz wurde zur Man­gel­ware und Böden sowie Wälder lit­ten unter Raub­bau. Die Städte führten Regelun­gen wie Ban­n­forste oder Pflanzpflicht­en ein. Die Strafen für Holzdieb­stahl waren drakonisch: „Wer Bäume mit ver­w­ert­baren Frücht­en wie Bucheck­ern fällte, dem dro­hte das Hand­ab­schla­gen“. Oder: “Das Erzbis­tum Freiburg bes­timmte Anfang des 13. Jahrhun­derts, wer eine Eiche köpfte, sollte selb­st den Kopf ver­lieren, wer bei ihrer Entrindung zur Gewin­nung von Gerb­säure erwis­cht wurde, bekam die Gedärme aus dem Leib gezo­gen.”. Somit wird deut­lich, dass ver­füg­bare Ressourcen und Nach­haltigkeit bere­its im Mit­te­lal­ter zen­trale Fra­gen waren.

Neben großen Lin­ien – etwa der Hanse als „heim­liche Groß­macht“ – beleuchtet das Buch auch soziale Aspek­te. So kon­nten Frauen im 13. Jahrhun­dert in bes­timmten Berufen eine Lehre machen, Zün­fte grün­den oder die Geschäfte ihrer Män­ner fort­führen. Anschauliche Exkurse – von Grön­land-Sagen bis zu den gescheit­erten Stadt­plä­nen Karls des Großen – machen die Lek­türe lebendig und unterhaltsam.Gründerzeit 1200” ist ein span­nen­des und ver­ständlich geschriebenes Sach­buch für ein bre­ites Pub­likum – ide­al für Geschichtsin­ter­essierte, Lehrende oder alle, die ver­ste­hen wollen, wie unsere Städte ent­standen sind. Die erfahrene Wis­senschaft­sjour­nal­istin Graichen und der Archäologe und Muse­ums­di­rek­tor Wemhoff verbinden fundiertes Wis­sen mit erzäh­lerischem Gespür. So entste­ht eine pop­ulär­wis­senschaftliche Darstel­lung, die weit über trock­ene Sozialgeschichte hin­aus­ge­ht und Geschichte lebendig und all­ge­mein ver­ständlich macht.

Gisela Graichen, Matthias Wemhoff: Grün­derzeit 1200. Wie das Mit­te­lal­ter unsere Städte erfand. Propy­läen Ver­lag 2024, 464 Seit­en, 29 €, ISBN 978–3‑549–10065‑3

Wohin geht die Reise?

Der Mar­co Polo Trendguide 2026


Dieses Buch ist wieder eine äußerst reizvolle Inspi­ra­tion für die Reise­pla­nung 2026: Ein Team aus Trend­forsch­ern und Touris­mu­s­ex­perten hat 40 Reiseziele aus­gewählt, die im näch­sten Jahr beson­ders empfehlenswert sind. Unter den Kri­te­rien „Noch unent­deckt“, „Nach­haltigkeit“, „Neuer Glanz“ und „2026 erleben“ wur­den 15 Ziele im deutschsprachi­gen Raum, 15 Ziele in Europa und 10 weit­ere Ziele weltweit ermit­telt. Dabei sind Klas­sik­er wie Ham­burg oder Salzburg, das Mozarts 270. Geburt­stag feiert, zu find­en, aber auch Ziele, die bish­er eher nicht zu den Hotspot-Reisezie­len gehörten, wie Ulm, Cot­tbus und Regens­burg. In Europa wer­den Städte emp­fohlen, die zurzeit beson­ders reizvoll sind, da sie einen neuen Auf­schwung erfahren. Dazu gehören Birm­ing­ham, Guimarães, die erste por­tugiesis­che Haupt­stadt nördlich von Por­to, Tours und Aarhus sowie Brünn und Trenčín, eine der Europäis­chen Kul­turhaupt­städte 2026.
Weltweit wer­den Ziele wie Malaysia und Sam­bia sowie Städte wie Mon­te­v­ideo und Bris­bane emp­fohlen. Auch gän­zlich unbekan­nte Ziele wie die auf­strebende 32-Mil­lio­nen-Ein­wohn­er-Stadt Chongqing in Chi­na oder das Tauch­paradies Raja Ampat in Indone­sien wer­den als mögliche attrak­tive Reiseziele emp­fohlen.

Wohin geht die Reise? — Der Mar­co Polo Trendguide 2026 192 Seit­en, zahlre­iche Farb­fo­tos, 15 €, Mair­Du­mont Ver­lag, Ost­fildern 2025, ISBN 9783575022356

Die Einstein-Vendetta

Die mitreißende Recherche am Mord der Fam­i­lie von Robert Ein­stein.

Thomas Hard­ing hat wieder ein fes­sel­nde Sach­buch veröf­fentlicht. Wie im „Som­mer­haus am See“, wo das Ferien­haus von Hard­ings jüdis­chen Urgroßel­tern am Groß Glienick­er See bei Berlin Aus­gangspunkt eines Geschichtspanora­ma ist, ist hier der sein­er Fam­i­lie bekan­nte Albert Ein­stein Bezugspunkt. Kurz vor Kriegsende im noch immer unter faschis­tis­ch­er Herrschaft ste­hen­den und von der Wehrma­cht beset­zten Nor­den Ital­iens wurde auf der Suche nach Albert Ein­steins Vet­ter Robert dessen Frau und Töchter von Wehrma­cht­sange­höri­gen ermordet. Robert Ein­stein, der sich ver­steck­en kon­nte, trieb dies in den Selb­st­mord. Vieles deutet darauf hin, dass dieser Mord aus Rache für die Nazigeg­n­er­schaft Albert Ein­steins auf Anweisung der NS-Herrsch­er geschah. Die geschichtlichen Hin­ter­gründe des Anti­semitismus in Ital­ien (schon 1567 gab es die ersten anti­jüdis­chen Geset­ze und Zwangs­ghet­tos) und der Ver­fol­gung der jüdis­chen Bevölkerung im Ital­ien Mus­soli­n­is, der zahlre­ichen Kriegsver­brechen der Wehrma­cht mit Unter­stützung ital­ienis­ch­er Faschis­ten wer­den im Buch gut belegt. Schließlich erzählt Hard­ing mitreißend von der schließlich erfol­glosen Suche nach den Ver­ant­wortlichen der Morde. Zahlre­iche Farb­fo­tos und Karten, auch umfan­gre­iche Anmerkun­gen, schließlich ein Nach­wort zum Ver­lauf der Recherche und poli­tis­chen Einord­nung machen Thomas Hard­ings Buch für den Leser zu einem sehr empfehlenswerten Sach­buch.

Thomas Hard­ing: Die Ein­stein-Vendet­ta — Hitler, Mus­soli­ni und die wahre Geschichte eines Mordes, geb., Hard­cov­er mit Farbab­bil­dun­gen, Jaco­by & Stu­art Ver­lag, Berlin 2025, ISBN 978–3‑96428–293‑4, € [D] 26,00 | € [A] 26,80

The impossible Journey

Reise zu allen Staat­en der Erde

Eine Reise zu allen Staat­en der Erde und das ohne ein Flugzeug zu benutzen. Das unmöglich geglaubte gelang dem Dänen Thor Ped­er­sen als ersten Men­schen nach ein­er zehn­jähri­gen Odyssee über Land und mit Hil­fe zahlre­ich­er Schiff­s­reisen. Was vier Jahre dauern sollte, hat sich wegen unzäh­liger Vis­aprob­le­men und vor allem durch die Covid-Pan­demie über zehn Jahre hin gezo­gen. Das an sich unsin­nige Reko­rd­denken führte zu vie­len Kurza­ufen­thal­ten nur um Län­der abzuhak­en, aber auch zu höchst inten­siv­en Reiseer­leb­nis­sen, zu Ein­sicht­en über schlimm­ste Lebens­be­din­gun­gen wie beispiel­sweise im von despo­tis­chen, kor­rupten Herrsch­ern geprägte Zen­tralafri­ka, vom Kli­mawan­del bedro­hte Insel­staat­en wie Tuvalu und auch vom effek­tiv organ­isierten Hongkong, in dem Ped­er­sen wegen der Pan­demie zwei Jahre aushar­ren musste. Ped­er­sen berichtet von zahlre­ichem Erleben tiefer Men­schlichkeit: „Wenn wir diese uns alle verbindende Men­schlichkeit nicht erken­nen, laufen wir Gefahr, andere Men­schen auf sim­ple Zahlen zu reduzieren oder sie lediglich als Opfer zu sehen, und dann ver­lieren wir aus dem Blick, was wir gemein­sam haben.“ (S. 109) Er resümiert: „Was als Län­der­pro­jekt begann, wurde zu einem Men­schen­pro­jekt.“ (S. 333) „Meine Fähigkeit zur Empathie ist größer gewor­den, umfassender. (S. 331)

Zahlre­iche Farb­fo­tos im Innen­teil des Buch­es und Karten auf den Umschlags­seit­en machen Ped­er­sens „unmögliche Reise“ für den Leser zudem nachvol­lziehbar.

Thor Ped­er­sen: The impos­si­ble Jour­ney, Karten in den Umschlags­seit­en, Malik Ver­lag, München 2025, ISBN: 9783890296159, Paper­back, 18€

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