Magazin für Kultur

Kategorie: Sachbuch (Seite 8 von 9)

Zeit- und Exilgeschichte

Das Schick­sal der Geschwis­ter Old­en

Diese faszinierende Biogra­phie der Geschwis­ter Old­en ste­ht für zahlre­iche andere Schick­sale von bedeu­ten­den Intellek­tuellen, die von der NS-Herrschaft in ein immer neu bedro­ht­es Exilleben ver­trieben wur­den. „Die in ihren per­sön­lichen und poli­tis­chen Anschau­un­gen eng, wenn auch wider­sprüch­lich zueinan­der ste­hen­den Geschwis­ter repräsen­tieren auf außeror­dentliche Weise die europäis­che und amerikanis­che Zeit- und Exilgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhun­derts.“ (S. 7) So beschreibt der Autor im Vor­wort sein Buch tre­f­fend. Grund­lage dieses Werks waren umfan­gre­iche Archivrecherchen. Biographis­ches verbindet sich mit oft nur wenig bekan­nten zeit­geschichtlichen Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen. So wer­den die Kolo­nialver­brechen in Afri­ka und Südameri­ka genau­so beschrieben wie die zahlre­ichen Ent­führun­gen und Auf­tragsmorde der Gestapo im Aus­land (u.a. in der Schweiz und Lon­don 1935). Auch eine inter­es­sante zeit­geschichtliche Facette stellt das Ver­hält­nis Mus­soli­n­is zu Stal­in dar, schon 1933 kam es zu einem Fre­und­schaftsabkom­men zwis­chen den bei­den Dik­ta­toren. Die ital­ienis­chen Faschis­ten bom­bardierten Spanien im Bürg­erkrieg schon vor Guer­ni­ca 1937. Auch ver­mit­telt der Autor bish­er wenig Bekan­ntes zum Wirken des US-Amerikan­ers Var­i­an Fry, dem es unter ständi­ger Bedro­hung gelang, 3000 hochge­fährdete Intellek­tuelle vor dem tödlichen Zugriff der Gestapo und der Vichy-Polizei in Frankre­ich zu ret­ten.

Die Old­en Geschwis­ter kom­men aus ein­er gut­si­tu­ierten und weit verzweigten jüdis­chen Fam­i­lie. Bekan­nt waren sie mit zahlre­ichen Promi­nen­ten aus Kul­tur, Poli­tik und Pub­lizis­tik. Als promi­nente Hit­lergeg­n­er waren die drei Geschwis­ter Old­en gezwun­gen, sofort nach dem Mach­tantritt der Nation­al­sozial­is­ten ins Exil zu gehen.
Balder Old­en (1882–1949), vor 1933 viel­ge­le­sen­er Schrift­steller, ist in den Jahren des Exils in der Tsche­choslowakei, Frankre­ich, Argen­tinien und Uruguay mit fast allen bedeu­ten­den Emi­granten in Europa und Ameri­ka ver­bun­den.
Sein jün­ger­er Brud­er Rudolf Old­en (1885–1940), als freisin­niger Jour­nal­ist und Jurist ein entsch­ieden­er Geg­n­er des aufk­om­menden NS, hat 1931 die Vertei­di­gung von Carl von Ossi­et­zky über­nom­men. Im britis­chen Exil ver­fasst er scharf­sin­nige Analy­sen zur inter­na­tionalen Poli­tik und wid­met sich zahllosen Ret­tungsak­tio­nen von poli­tisch Ver­fol­gten. Er kommt ums Leben, als das Schiff, das ihn nach Kana­da brin­gen sollte, von einem deutschen U‑Boot versenkt wird.

Poeschel, Thomas: Boheme, Revolte und Exil — Die Odyssee der Geschwis­ter Old­en, 382 S., 42 z.T. farb. Abb., geb., Wall­stein Ver­lag, Göt­tin­gen 2024, ISBN 978–3‑8353–5624‑5, 25 €

So wenig Buchstaben und so viel Welt

Hugo Loetsch­er

Der in Deutsch­land rel­a­tiv wenig bekan­nte Schweiz­er Autor Hugo Loetsch­er (1929 – 2009) war mit Roma­nen wie ›Abwäss­er‹ und ›Der Immune‹ erfol­gre­ich. Als Jour­nal­ist (er war lange Chefredak­teur der „Welt­woche“) bereiste er regelmäßig Lateinameri­ka, Südostasien und die USA und war als Gast­dozent an inter­na­tionalen Uni­ver­sitäten tätig. Der Titel der vor­liegen­den Reise-Essays und Reporta­gen stammt aus seinem let­zten Buch „War meine Zeit meine Zeit“. Dieses auto­bi­ografis­che Werk war den Her­aus­ge­bern eine wichtige Inspi­ra­tionsquelle. In ihrem infor­ma­tiv­en Nach­wort schreiben sie tre­f­fend: „Wie kaum ein ander­er deutschsprachiger Schrift­steller sein­er Gen­er­a­tion hat­te sich Loetsch­er das Tal­ent erar­beit­et, die Essenz ein­er Stadt oder Region in einem Text zu erfassen, der zugle­ich tief­sin­nig und unter­halt­sam zu lesen war.“ (S. 462) Beste Beispiele dafür sind seine Berichte aus Kolumien/Cartagena, den Azoren und Puer­to Rico.

Hugo Loetsch­er: So wenig Buch­staben und so viel Welt, Reise-Essays und Reporta­gen, Broschur, 479 Seit­en, Dio­genes Ver­lag, Zürich Mai 2024, ISBN 978–3‑257–07276‑1, 29.00 €

Deutschland — Eine romantische Reise

Dieser her­aus­ra­gende Bild­band zeich­net sich vor allem durch seine ein­drucksvollen Farb­fo­tografien aus: ein Bild ist schön­er als das andere, viele haben die Anmu­tung von Gemälden Cas­par David Friedrichs. Obwohl deshalb der Fotograf Yan­nick Scherthan völ­lig zurecht als Erstau­tor im Titel genan­nt wird, sind auch die Textbeiträge Brit­ta Mentzels ein wichtiger Teil des Ban­des, für einen Bild­band umfan­gre­ich zeigen sie auf wie deutsche Geis­tes­größen durch Land­schaften zu ihren Meis­ter­w­erken inspiri­ert wur­den. Ein Lit­er­aturverze­ich­nis belegt dies eben­so wie auch ein sehr per­sön­lich­es Mak­ing-of des Fotografen „Wenn Poe­sie und Real­ität ver­schmelzen“ und gute Karten tra­gen zur hohen Qual­ität dieses sehr empfehlenswerten Band bei.

Scherthan, Yannick/Mentzel, Brit­ta: “Deutsch­land — Eine roman­tis­che Reise durch unsere schön­sten Land­schaften, 192 Seit­en, ca. 200 Farb­fo­tografien, Fred­erk­ing &Thaler/Bruckmann Ver­lag, München 2024, ISBN: 9783954163991, 45 €

Die postkoloniale Stadt — Friedrichshain-Kreuzberg

Dieses noch als Neuer­schei­n­ung zu wer­tende Buch des Berlin­er Ver­lags mit dem orig­inellen Namen und der inter­es­san­ten Ver­lags­geschichte (siehe https://www.verbrecherverlag.de/verlagsgeschichte) ist ein Beitrag zur Berlin­er Stadt­geschichte. Seit 2022 haben sich die Berlin­er Regional­museen dem The­ma Kolo­nial­is­mus zuge­wandt – mit ganz unter­schiedlichen Ergeb­nis­sen: mal wer­den unbe­friedi­gend kur­sorisch kolo­niale Aspek­te der Indus­triegeschichte, mal aktuelle Kun­st schwarz­er Men­schen vorgestellt (Reinick­endorf). In Friedrichshain-Kreuzberg” hat die The­ma­tisierung allerd­ings Sub­stanz und ist mit dem vor­liegen­dem Buch auf umfassender Weise doku­men­tiert. Es geht um Fra­gen wie „Wie hat sich der Impe­ri­al­is­mus des Deutschen Reich­es mit seinem Aus­greifen nach Übersee, aber auch nach Ost- oder Südos­teu­ropa im städtis­chen Leben niedergeschla­gen? Was davon ist geblieben?“
Dem wird infor­ma­tiv nachge­gan­gen anhand der Beschrei­bung von Baut­en, Verkehrsknoten­punk­ten, Organ­i­sa­tio­nen, Fir­men, Kul­turein­rich­tun­gen und der Lebens­geschichte von Akteuren, die mit dem impe­ri­alen Pro­jekt in Verbindung standen, aber auch von schwarzen Men­schen, die in Berlin gelebt haben.

Jeder Stein erzählt von einem Leben

Diese berührend per­sön­liche Recherche ist eine beson­dere Neuer­schei­n­ung. Gle­ichzeit­ig in Großbri­tan­nien und in Deutsch­land erschienen ist es das erste Buch der Autorin, deren Eltern kurz vor dem Weg in die Ver­nich­tung aus Nazi-Deutsch­land auswan­dern kon­nten. Zurück blieben zahlre­iche Ver­wandte und die in Berlin leben­den Großel­tern, die jüdisch-stäm­mig den Weg der stufen­weisen Entrech­tung und Ver­fol­gung gehen mussten, der schließlich im Lager There­sien­stadt endete, wo sie im dor­ti­gen Elend ver­hungerten. Anlass und Zugang zur Fam­i­lien­recherche der Autorin ist eine Stolper­stein-Ver­legung in Berlin („Ich erzäh­le ihm (Gunter Dem­nig, der schon Tausende Stolper­steine ver­legt hat), wie mir sein Pro­jekt geholfen hat, den lange ver­schlosse­nen Schrank mit meinen Ver­lus­ten zu öff­nen“ S. 113). Mit Hil­fe engagiert­er Berlin­er gelingt es der Autorin zum Gedenken ihrer Großel­tern und ein­er weit­eren Ver­wandten auch Stolper­steine zu ver­legen. Die Berlin-Reisen der Autorin, ihre Begeg­nun­gen mit Orten aus der Ver­gan­gen­heit (Geburtshaus ihrer Mut­ter, der Werk­statt ihres Groß­vaters und dem Wohn­haus ihrer Groß­tante, ein soge­nan­ntes Juden­haus, in dem Juden vor ihrer Depor­ta­tion gezwun­gen waren zu leben) machen berührend das Berlin ihrer Großel­tern und ander­er Ver­wandten anschaulich, eine sehr lohnende Lek­türe.

Jack­ie Kohn­stamm: Jed­er Stein erzählt von einem Leben – auf den Spuren mein­er Fam­i­lie. Orig­inalti­tel: The Mem­o­ry Keep­er: A Jour­ney into the Holo­caust to Find My Fam­i­ly“, Lon­don 2023, Limes Ver­lag, München 2023, ISBN: 978–3‑8090–2769‑0, 23 €

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