In diesem Begleitbuch zur aktuellen Sonderausstellung im Deutschen Historischen Museum (bis 24. November 2024) werden 14 Zäsuren deutscher Geschichte von 1848 bis 1989 vor dem Hintergrund möglicher anderer Geschichtsverläufe präsentiert, die in entscheidenden, oftmals dramatischen Wendepunkten ebenfalls angelegt waren. Nach einem Konzept des deutsch-israelischen Historikers Dan Diner werfen die Autoren – allesamt ausgewiesene Experten für die jeweiligen Geschichtsepochen – den Blick auf mögliche historische Alternativen, ein höchst interessanter Ansatz. Auf diese Weise wird Bekanntes in ein neues Licht getaucht und die grundsätzliche Offenheit von Geschichte verdeutlicht.
Was wäre gewesen, wenn in der Hochphase der Entspannungspolitik Bundeskanzler Brandt abgewählt worden wäre, die Sicherheitskräfte der DDR 1989 mit Gewalt gegen die Demonstrierenden eingeschritten wären? Was wäre gewesen, wenn 1933 vor der Machtübergabe an Hitler das Militär eingegriffen hätte, die USA 1945 Atombomben über Deutschland abgeworfen hätten? Oder was wäre aus Deutschland geworden, wenn 1848 der Versuch, eine konstitutionelle Monarchie zu begründen, geglückt wäre?
Kategorie: Sachbuch (Seite 9 von 9)
In dritter, aktualisierter Auflage ist jetzt eine der besten Überblicksdarstellung zu „Lost Places“ in Europa erschienen. Die eindrucksvollen Fotografien von Thomas Kemnitz, Robert Conrad und Michael Täger dokumentieren das Schicksal von Orten und Gebäuden, die aus unterschiedlichen Gründen verlassen und dem Verfall preisgegeben wurden – weil sich politische Konstellationen verändert haben, bestimmte Industriezweige aufgegeben wurden, Orte ihre Bedeutung verloren haben. Sie erzählen vom Aufbruch und Unternehmergeist des ausgehenden 19. Jahrhunderts, vom Glauben an Technologie und Fortschritt, von den beiden Weltkriegen, der Teilung Deutschlands und den Veränderungen durch den Fall des Eisernen Vorhangs.
Die 100 Orte werden nicht chronologisch, sondern nach ihrer ursprünglichen Nutzung, auf fünf Kapitel verteilt (produzieren, leben, bilden, transportieren, schützen) vorgestellt – für den Betrachter ein Gewinn, kann er doch auch Parallelen zwischen verwandten Objekten ausmachen oder Entwicklungen innerhalb einer Bauaufgabe nachvollziehen. Am Ende der Kapitel werden in kurzen, informativen Texten die wichtigsten Fragen zu den Objekten beantwortet: Wann und von wem wurden sie gebaut? Für welche Nutzung? Wieso wurden sie verlassen? Wie ist der Zustand heute? Diese Aufteilung hatte wohl auch grafische Gründe, aber die relativ knappen Texte hätten auch auf den jeweiligen Fotoseiten Platz gehabt und dadurch dem Leser das ständige Hin- und Herblättern erspart. Dennoch kann dieser Bild-Text-Band uneingeschränkt empfohlen werden.
KEMNITZ/CONRAD/TÄGER: Stillgelegt — 100 verlassene Orte in Deutschland und Europa, 224 Seiten, zahlreiche großformatige Farbfotos, gebunden, € 29,95, MairDumont Verlag, Ostfildern 2023, ISBN 9783616032269
Ein englischer Historiker leistet mit diesem Buch etwas was deutsche Autoren bislang nicht gelang: sehr anschaulich mit vielen bisher wenig beachteten Details angereichert ein für Deutschland sehr prägendes Jahr zu dokumentieren und dabei die Lehren aus dieser für die Demokratie so bedrohlichen Zeit zu ziehen.
Jones verbindet die Mikroebene, das Leiden der Menschen, mit der Makroebene, dem Wirken von Regierungen. Er benennt die Ereignisse im Vorjahr 1922 (vor allem den Mord an Außenminister Rathenau durch Rechtsextremisten) und führt uns mitten hinein ins Krisenjahr 1923: in jene Monate, als französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet besetzten, dort eine Gewaltherrschaft ausübten und durch die Reaktion der deutschen Regierung darauf eine galoppierende Inflation auslösten. Er leistet eine differenzierte, relativierende Darstellung des Putschversuchs Hitlers in München im November 1923, stellt die Gefährdungen der Demokratie durch Regierungsbeteiligungen der DKP in Sachsen und Thüringen und das Wirken schon rechtsextrem handelnden Regierungen in Bayern dar, berichtet aber auch von den zahlreichen antisemitischen Übergriffen, deren Ausmaß wenig bekannt ist („Zeitgenossen schätzten, dass sich bis zu 10000 Menschen an den Ausschreitungen beteiligt hatten“ S. 300). Am Ende des Jahres überwand das Land die Dauerkrise (Kanzler Stresemann, auch die veränderte Haltung Großbritanniens waren wesentlich) und erreichte stabilere Verhältnisse, die Demokraten standen schließlich als Sieger da.
Jones resümiert mit Ausblick auf 2023: „Während des Jubiläums des Weimarer Krisenjahres und darüber hinaus wäre es ein politischer Fehler, wenn die entscheidende Lehre der Geschichte nicht gehört würde: Hetzpolitik kann nur dann funktionieren, wenn Gewalt und diskriminierende Reden ungestraft bleiben“ (S. 344)
Jones, Mark: 1923 – Ein deutsches Trauma, Hardcover mit Schutzumschlag, 384 Seiten, ISBN: 9783549100301 Propyläen Verlag, Berlin 2022, 26 €