Magazin für Kultur

Autor: Jörg Raach (Seite 6 von 7)

Im Schatten meines Großvaters

Dieses sehr per­sön­lich geschriebene, faszinierende Buch macht anschaulich wie famil­iäre Ver­gan­gen­heit gen­er­a­tionsüber­greifende psy­chis­che Auswirkun­gen haben kann, wie unver­ar­beit­ete Gefüh­le weit­ergegeben wer­den, Schuld und Scham aufgear­beit­et wer­den müssen, um sich befreiend auszuwirken. Als die in Eng­land geborene Autorin, Tochter ein­er Deutschen und eines Englän­ders, den Namen ihres Groß­vaters, des Wehrma­chts­gen­er­als Karl von Graf­fen, zum ersten Mal googelte, tauchte ein Foto auf, wie er im Mai 1945 vor den Amerikan­ern kapit­uliert. Angela Find­lay wurde zur Detek­tivin, sprach mit Fam­i­lien­mit­gliedern und mit Frem­den, um sich ein immer detail­liert­eres Bild nicht nur von ihrer deutschen Fam­i­lie, son­dern auch vom Deutsch­land der 1930er- und 1940er-Jahre und darüber hin­aus zu machen. Ein großer Teil ihrer Recherchen umfasste Reisen zu den Stät­ten des Wirkens ihres Groß­vaters in Deutsch­land, Rus­s­land und Ital­ien. Durch die Arbeit an diesem Buch, ihren zahlre­ichen Vorträ­gen zu den Trau­ma­ta nicht ver­ar­beit­eter Ver­gan­gen­heit hat die Autorin sich stufen­weise von ihren wieder kehren­den psy­chis­chen Prob­le­men befre­it und ver­mit­telt ein­dringlich den Lesern in Großbri­tan­nien und jet­zt auch in Deutsch­land Ein­blicke in psy­cho­so­ma­tis­che Prozesse der Ver­ar­beitung von Lei­den.

Es hätte auch anders kommen können

In diesem Begleit­buch zur aktuellen Son­der­ausstel­lung im Deutschen His­torischen Muse­um (bis 24. Novem­ber 2024) wer­den 14 Zäsuren deutsch­er Geschichte von 1848 bis 1989 vor dem Hin­ter­grund möglich­er ander­er Geschichtsver­läufe präsen­tiert, die in entschei­den­den, oft­mals drama­tis­chen Wen­depunk­ten eben­falls angelegt waren. Nach einem Konzept des deutsch-israelis­chen His­torik­ers Dan Din­er wer­fen die Autoren – alle­samt aus­gewiesene Experten für die jew­eili­gen Geschicht­se­pochen – den Blick auf mögliche his­torische Alter­na­tiv­en, ein höchst inter­es­san­ter Ansatz. Auf diese Weise wird Bekan­ntes in ein neues Licht getaucht und die grund­sät­zliche Offen­heit von Geschichte verdeut­licht.

Was wäre gewe­sen, wenn in der Hoch­phase der Entspan­nungspoli­tik Bun­deskan­zler Brandt abgewählt wor­den wäre, die Sicher­heit­skräfte der DDR 1989 mit Gewalt gegen die Demon­stri­eren­den eingeschrit­ten wären? Was wäre gewe­sen, wenn 1933 vor der Machtüber­gabe an Hitler das Mil­itär einge­grif­f­en hätte, die USA 1945 Atom­bomben über Deutsch­land abge­wor­fen hät­ten? Oder was wäre aus Deutsch­land gewor­den, wenn 1848 der Ver­such, eine kon­sti­tu­tionelle Monar­chie zu begrün­den, geglückt wäre?

100 verlassene Orte in Deutschland und Europa

In drit­ter, aktu­al­isiert­er Auflage ist jet­zt eine der besten Überblicks­darstel­lung zu „Lost Places“ in Europa erschienen. Die ein­drucksvollen Fotografien von Thomas Kem­nitz, Robert Con­rad und Michael Täger doku­men­tieren das Schick­sal von Orten und Gebäu­den, die aus unter­schiedlichen Grün­den ver­lassen und dem Ver­fall preis­gegeben wur­den – weil sich poli­tis­che Kon­stel­la­tio­nen verän­dert haben, bes­timmte Indus­triezweige aufgegeben wur­den, Orte ihre Bedeu­tung ver­loren haben. Sie erzählen vom Auf­bruch und Unternehmergeist des aus­ge­hen­den 19. Jahrhun­derts, vom Glauben an Tech­nolo­gie und Fortschritt, von den bei­den Weltkriegen, der Teilung Deutsch­lands und den Verän­derun­gen durch den Fall des Eis­er­nen Vorhangs.
Die 100 Orte wer­den nicht chro­nol­o­gisch, son­dern nach ihrer ursprünglichen Nutzung, auf fünf Kapi­tel verteilt (pro­duzieren, leben, bilden, trans­portieren, schützen) vorgestellt – für den Betra­chter ein Gewinn, kann er doch auch Par­al­le­len zwis­chen ver­wandten Objek­ten aus­machen oder Entwick­lun­gen inner­halb ein­er Bauauf­gabe nachvol­lziehen. Am Ende der Kapi­tel wer­den in kurzen, infor­ma­tiv­en Tex­ten die wichtig­sten Fra­gen zu den Objek­ten beant­wortet: Wann und von wem wur­den sie gebaut? Für welche Nutzung? Wieso wur­den sie ver­lassen? Wie ist der Zus­tand heute? Diese Aufteilung hat­te wohl auch grafis­che Gründe, aber die rel­a­tiv knap­pen Texte hät­ten auch auf den jew­eili­gen Foto­seit­en Platz gehabt und dadurch dem Leser das ständi­ge Hin- und Herblät­tern erspart. Den­noch kann dieser Bild-Text-Band uneingeschränkt emp­fohlen wer­den.

KEMNITZ/CONRAD/TÄGER: Still­gelegt — 100 ver­lassene Orte in Deutsch­land und Europa, 224 Seit­en, zahlre­iche groß­for­matige Farb­fo­tos, gebun­den, € 29,95, Mair­Du­mont Ver­lag, Ost­fildern 2023, ISBN 9783616032269

Die Postkarte

Spannende Recherche der jüdischen Familiengeschichte

Die Autorin Anne Berest erforscht in diesem Buch ihre eigene Fam­i­liengeschichte. Im Mit­telpunkt ste­ht ihre Groß­mut­ter, die sich als einzige ihrer in Frankre­ich inte­gri­erten Fam­i­lie der Ver­schlep­pung franzö­sis­ch­er Behör­den in deutsche Ver­nich­tungslager entziehen kon­nte. Sehr ein­fühlsam, voller per­sön­lich­er Emo­tion, authen­tisch auch durch zahlre­iche Quel­lenangaben schildert Anne Berest die andauernde Diskri­m­inierung und Ver­fol­gung jüdis­ch­er Mit­bürg­er, entsprechend der Aus­sage ihrer Groß­mut­ter zu ihren Eltern und Geschwis­tern „Ich darf sie nicht vergessen, son­st gibt es nie­man­den mehr, der sich daran erin­nert, dass sie gelebt haben“ (S.536). Vor den mehrfachen Vertrei­bun­gen und der Ver­nich­tung wäre die Fam­i­lie in Palästi­na geschützt gewe­sen (der entschei­dende Grund zur Grün­dung Israels). Das Buch ist auch ein span­nend geschriebenes Geschichts­buch: der Leser erfährt bis­lang wenig Bekan­ntes zu den anti­semi­tis­chen Maß­nah­men der franzö­sis­chen Behör­den nach 1940, aber auch zum doch wirk­samen Net­zw­erk der Résis­tance. Es spricht für die franzö­sis­che Gesellschaft, dass dieser aut­ofik­tionale Roman seit seinem Erscheinen im Sep­tem­ber 2021 auf den Best­sellerlis­ten ste­ht. Eine Auseinan­der­set­zung mit der Geschichte, gar ein Ver­ant­wortlich­w­er­den, zumin­d­est die notwendi­ge Erin­nerung zur Mah­nung find­et dem­nach auch in Frankre­ich statt.

Anne Berest: Die Postkarte, 539 Seit­en, Berlin Ver­lag, Berlin/München 2023, ISBN: 9783827014641, 28 €

Der neue Gereon-Rath-Roman

Schon sehr viel weiter als die Babylon Berlin Verfilmung: der 9. Gereon Rath Roman

Die erfol­gre­iche, auf zehn Bände angelegte Berlin Krim­i­nal­ro­man-Rei­he ist inzwis­chen schon im Jahr 1937 angekom­men. Ungewöhn­lich an diesem Band ist zum einen, dass gegenüber dem Vor­läufer „Olympia“ ein Zeit­sprung zurück erfol­gt. Gere­on Rath, der ehe­ma­lige Krim­i­nalkom­mis­sar hält sich noch unter falschem Namen in Wies­baden auf bevor er dann mit dem Luftschiff „Hin­den­burg“ nach New York reist, dort den Absturz über­lebt. Der Großteil des Romans spielt aber in Berlin, Char­lotte Rath klärt Morde auf, taucht in das Nachtleben ein, sorgt sich um ihren Pflege­sohn. Wieder gelin­gen dem Autor tre­f­fende Milieuschilderun­gen des von den Nazis beherrscht­en Berlins, ein­drück­liche, par­al­lel ver­laufende Hand­lungsstränge, sog­ar humor­volle Dialoge. Und es bleibt bis zum Schluss span­nend, schon wird die Spur zur Fort­set­zung gelegt. Gere­on Rath kehrt, nach­dem er seinen alten Wider­sach­er Mar­low aus­geschal­tet, hat mit dem Schiff nach Europa zurück.

Volk­er Kutsch­er: Transat­lantik, 488 Seit­en, Hard­cov­er mit Schutzum­schlag, Piper Ver­lag, München 2022, 978–3‑492–07177‑2, 26,00 € (D)

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