Magazin für Kultur

Autor: Jörg Raach (Seite 5 von 7)

Biographie des Chemikers Arthur Eichengrün

Biogra­phie-Recherche Biogra­phie ist Ergeb­nis ein­er aufwändi­gen Recherche. Nachkom­men Eichen­grüns in Deutsch­land, Spanien, Namib­ia, Hol­land und Israel wur­den befragt und die Entwick­lung der Chemie in der Wis­senschafts- und Indus­triegeschichte nachgeze­ich­net (von der Entwick­lung von Far­ben und Film­ma­te­r­i­al aus Teer zur Arzneimit­tel­her­stel­lung bis zur der vielfälti­gen Kun­st­stoff­pro­duk­tion). In drei Jahrzehn­ten Recherche rekon­stru­iert der Autor Chaussy Eichen­grüns Biografie und ent­deckt einen der bedeu­tend­sten Chemik­er und Erfind­er der Kaiserzeit und der Weimar­er Repub­lik wieder: Eichen­grün ist Forsch­er, Erfind­er und Unternehmer in Per­son­alu­nion. Er syn­thetisiert Kokain, erfind­et das weltweit meist­genutzte Antigon­or­rhoicum Pro­tar­gol. Und wir ver­danken ihm die Entwick­lung des erfol­gre­ich­sten Medika­ments der Phar­maziegeschichte, dem Aspirin. Er erfind­et den unbrennbaren Kinofilm, biegsame Schallplat­ten, rev­o­lu­tion­iert mit seinem Cel­lon-Spannlack den Bau der stoff­be­span­nten Flugzeuge und Zep­pe­line.

Ab 1933 gel­ten all seine Ver­di­en­ste nichts mehr.  Er ver­liert seine Fir­ma, allen Besitz und wird aus der Geschichte her­aus­geschrieben. Plöt­zlich ist der assim­i­lierte Patri­ot Eichen­grün für Anti­semiten von Her­mann Göring, mit dem er in Berlin sieben Jahre unter einem Dach lebt, bis zum kle­in­sten Räd­chen des Nazi-Appa­rates nur noch eines: Jude. Er wird im Mai 1944 ins KZ There­sien­stadt deportiert, dort allerd­ings in einen Bere­ich unterge­bracht, in dem 200 von 28.000 Häftlin­gen ein eigenes Zim­mer zugewiesen wurde. Eichen­grün über­lebt das KZ. An sein früheres Leben und seine Erfolge kann er nicht mehr anknüpfen. Chaussy nimmt den Leser mit auf seine Recherchen und ver­wen­det dafür eine reizvolle Form: „…habe ich mir die Frei­heit genom­men, Eichen­grün in von mir imag­inierten Schall­folien­botschaften zu Wort kom­men zu lassen und mir als Autor in die Parade zu fahren – fik­tionales Mit­tel zur Infragestel­lung der Per­spek­tive des Autors.“ (S. 339).

Chaussy, Ulrich: Arthur Eichen­grün – Der Mann, der alles erfind­en kon­nte, nur nicht sich selb­st, 368 Seit­en, gebun­den mit Schutzum­schlag, Herder Ver­lag, Freiburg/Basel/Wien, 2023, 26 €, ISBN: 978–3‑451–39216‑0

Hitler, Stalin, meine Eltern & Ich

Der langjährige TIMES Chefredak­teur Daniel Finkel­stein beschreibt in diesem berühren­den und aufk­lärerischen Buch die Lei­dens­geschichte sein­er Mut­ter und seines Vaters und deren Großel­tern. Dabei deckt er zahlre­iche zeit­geschichtliche, wenig bekan­nte Details auf. Daniels Mut­ter Mir­jam wurde in Berlin geboren. Ihr Vater Alfred Wiener war der Erste, der erkan­nte, welche Gefahr von Hitler für die Juden aus­ging. Ab 1933 kat­a­l­o­gisierte er die Nazi-Ver­brechen minu­tiös. Er floh mit der Fam­i­lie nach Ams­ter­dam und ver­legte sein Doku­men­ta­tion­szen­trum nach Lon­don. Aber noch vor der Über­sied­lung von Frau und Kindern marschierten die Deutschen in Hol­land ein, prak­tizierten auch hier die Entrech­tung und Ver­fol­gung der jüdis­chstäm­mi­gen Bevölkerung, schick­ten sie schließlich in das KZ Bergen-Belsen. 83 Züge fuhren vom hol­ländis­chen Durch­gangslager West­er­bork in die Todeslager, mehr als 100 000 Men­schen aus Hol­land wur­den dort ermordet. Durch eine wenig bekan­nte Ret­tungsak­tion der pol­nis­chen Lados-Gruppe in Bern gelingt für Finkel­steins Groß­mut­ter und deren Kinder 1945 eine der weni­gen Aus­tauschvere­in­barun­gen zur Flucht über die Schweiz in die USA. Durch das Elend im Lager schw­er erkrankt stirbt die Groß­mut­ter kurz nach dem Aus­tausch.

Daniels Finkel­steins Vater Lud­wik kam im pol­nis­chen Lem­berg als einziges Kind ein­er wohlhaben­den jüdis­chen Fam­i­lie zur Welt. Nach der Aufteilung Polens durch Hitler und Stal­in 1939 wurde die Fam­i­lie von den sow­jetis­chen Sol­dat­en zusam­mengetrieben und zur Zwangsar­beit in einen sibirischen Gulag geschickt. 22.000 pol­nis­che Offiziere wer­den im Früh­jahr 1940 vom sow­jetis­chen Geheim­di­enst erschossen. „Hun­dert­tausende wur­den aus ihren Häusern ver­trieben und zur Zwangsar­beit deportiert, weit­ere Hun­dert­tausende unter erbärm­lichen Bedin­gun­gen inhaftiert. Es ist ein sel­ten erzähltes, häu­fig geleugnetes und selb­st heute noch den meis­ten völ­lig unbekan­ntes Vorkomm­nis.“ (S. 139) Finkel­steins Groß­mut­ter und ihr Sohn Lud­wik mussten unter elen­den Bedin­gun­gen in ein­er Kol­chose arbeit­en und über­lebte die eisi­gen Win­ter in ein­er Hütte aus Kuh­dung. Nach dem Über­fall Hitlers auf die Sow­je­tu­nion 1941 wer­den Finkel­steins Großel­tern und sein Vater aus dem Gulag-Todeslager (in diesen Gulag-Straflagern sind zwis­chen 1929 und 1953 18 Mil­lio­nen Men­schen umgekom­men) und der Zwangsar­beit frei gestellt und erre­ichen über zahlre­iche Umwege nach Palästi­na.
Finkel­stein schließt mit der denkwürdi­gen Zusam­men­fas­sung: „Das Schweigen, das über den sow­jetis­chen Ver­brechen lag, hat­te Fol­gen. Nie fand eine Abrech­nung statt, nie musste jemand Rechen­schaft able­gen. Nie wur­den die Vertreter des Regimes gezwun­gen zu beken­nen, dass ihr Tun schändlich war. Das gab Wladimir Putin die Möglichkeit, seine pri­vate Ver­sion von rus­sis­ch­er und ukrainis­ch­er Geschichte zu ver­fassen, und das wiederum wurde Bestandteil sein­er Recht­fer­ti­gung… für seinen jüng­sten Krieg gegen die Men­schen in der Stadt, aus der mein Vater stammte.“ (S. 455)

Finkel­stein, Daniel: Hitler, Stal­in, meine Eltern & Ich, Hoff­mann und Campe Ver­lag, Ham­burg 2024, 28,00 €, ISBN 978–3‑455–01666‑6

Jeder Stein erzählt von einem Leben

Diese berührend per­sön­liche Recherche ist eine beson­dere Neuer­schei­n­ung. Gle­ichzeit­ig in Großbri­tan­nien und in Deutsch­land erschienen ist es das erste Buch der Autorin, deren Eltern kurz vor dem Weg in die Ver­nich­tung aus Nazi-Deutsch­land auswan­dern kon­nten. Zurück blieben zahlre­iche Ver­wandte und die in Berlin leben­den Großel­tern, die jüdisch-stäm­mig den Weg der stufen­weisen Entrech­tung und Ver­fol­gung gehen mussten, der schließlich im Lager There­sien­stadt endete, wo sie im dor­ti­gen Elend ver­hungerten. Anlass und Zugang zur Fam­i­lien­recherche der Autorin ist eine Stolper­stein-Ver­legung in Berlin („Ich erzäh­le ihm (Gunter Dem­nig, der schon Tausende Stolper­steine ver­legt hat), wie mir sein Pro­jekt geholfen hat, den lange ver­schlosse­nen Schrank mit meinen Ver­lus­ten zu öff­nen“ S. 113). Mit Hil­fe engagiert­er Berlin­er gelingt es der Autorin zum Gedenken ihrer Großel­tern und ein­er weit­eren Ver­wandten auch Stolper­steine zu ver­legen. Die Berlin-Reisen der Autorin, ihre Begeg­nun­gen mit Orten aus der Ver­gan­gen­heit (Geburtshaus ihrer Mut­ter, der Werk­statt ihres Groß­vaters und dem Wohn­haus ihrer Groß­tante, ein soge­nan­ntes Juden­haus, in dem Juden vor ihrer Depor­ta­tion gezwun­gen waren zu leben) machen berührend das Berlin ihrer Großel­tern und ander­er Ver­wandten anschaulich, eine sehr lohnende Lek­türe.

Jack­ie Kohn­stamm: Jed­er Stein erzählt von einem Leben – auf den Spuren mein­er Fam­i­lie. Orig­inalti­tel: The Mem­o­ry Keep­er: A Jour­ney into the Holo­caust to Find My Fam­i­ly“, Lon­don 2023, Limes Ver­lag, München 2023, ISBN: 978–3‑8090–2769‑0, 23 €

Verborgenes Potsdam

In der inter­na­tion­al ori­en­tierten Ver­bor­genes-Reise­führer-Rei­he (von Bangkok über Berlin bis Wien liegen schon 26 Titel vor) ist jet­zt der empfehlenswerte Pots­dam-Band erschienen. Ein pro­fund kun­sthis­torisch informiertes Autorenteam erläutert Details von Denkmalen und Gebäu­den, gibt Hin­weise auf über­wiegend unbekan­nte Sehenswürdigkeit­en und Geschichtlich­es. Z. B. Ist weniger bekan­nt, dass der „Haupt­mann von Köpenick“ seine beson­ders aus­gewählte Uni­form in Pots­dam kaufte und quer durch Berlin fuhr, um nach Köpenick für seinen Coup im Rathaus zu gelan­gen.

Gute Fotografien und Detailka­rten der Innen­stadt, von Sanssouci, der Nauen­er Vorstadt, von Babels­berg und außer­halb des Zen­trums machen Lust, diese ver­bor­ge­nen Geschicht­szeug­nisse selb­st zu ent­deck­en. Hinzu kom­men weit­er­führende Erläuterun­gen zu den zahlre­ichen alchemistis­chen Zeichen an Gebäu­den in Pots­dam und der Sym­bo­l­ik auf Pots­damer Fried­höfen.

Manuel Roy: Ver­bor­genes Pots­dam, 320 Seit­en, Jon­glez Ver­lag, Ost­fildern 2023, ISBN 978–2‑36195–597‑7 , 19,95 €

Fassadendämmerung — Berliner Jugendstil

Vie­len ist nicht bewusst, dass es in Berlin zahlre­iche, sehenswerte Jugend­stil-Baut­en gibt. Auch der Autorin Johen­ning, die vor diesem Buch Reise- und Architek­tur­führer über St. Peters­burg, Moskau, Kiew, Tbilis­si und Baku ver­fasst hat­te, immer mit Jugend­stil-Baut­en im beson­deren Fokus. Erst die Coro­na-Pan­demie brachte sie dazu, in Berlin nach Häusern in Jugend­stil-Architek­tur zu suchen. Sie ist fündig gewor­den und hat jet­zt einen sehr überzeu­gen­den Führer dazu vorgelegt und zeich­net wohl auch für die ein­drucksvollen Fotografien ver­ant­wortlich (in ihrem Vor­wort gibt es dazu lediglich eine Andeu­tung). 70 Baut­en, sowohl im Orig­i­nalzu­s­tand aus der rel­a­tiv kurzen Zeit der Jugend­stil-Architek­tur von 1900 bis 1906 als auch in rekon­stru­iert­er Form, stellt sie vor. Die schon in den 1920er Jahren ein­set­zende, dann in den 1950er Jahren umfassende Mode, gar Pflicht zur „Entstuck­ung“ ist danach zum Teil wieder rück­gängig gemacht wor­den. So kön­nen jet­zt die großar­ti­gen Fas­sadengestal­tun­gen von der Autorin abwech­slungsre­ich und gründlich recher­chiert beschrieben wer­den. Die Baubeschrei­bun­gen wech­seln mit zahlre­ichen Motiv-Erläuterun­gen ab, auch wer­den Infor­ma­tio­nen zu den Bauher­ren und Architek­ten gegeben. Selb­st ein Inter­view mit einem für zahlre­iche beispiel­hafte Fas­saden­ren­ovierun­gen in Berlin ver­ant­wortlichen Restau­ra­teur im Stuck­a­teur-Handw­erk enthält dieses sehr infor­ma­tive Buch, das zu reizvollen Spaziergän­gen mit geschärften Blick auf Gebäude­fas­saden anregt.

Johen­ning, Heike Maria: Fas­sadendäm­merung – Berlin­er Jugend­stil, 292 Seit­en, zahlre­iche Farb­fo­tografien, Ammi­an Ver­lag, Berlin 2023, ISBN: 978–3‑948052–56‑0, 28 €

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