Magazin für Kultur

Autor: Sophia Höff (Seite 2 von 4)

Michael Ende und der Ursprung aller Möglichkeiten

Um zu lieben, braucht es die Vorstel­lungskraft, dass das, was einem im All­t­ag begeg­net nicht alles sein kann. Das ist vielle­icht nichts, worin sich die Liebe von anderen Werten unter­schei­det. Auch Schön­heit, Stärke, Mut und Weisheit sind Werte, die den Sta­tus quo über­steigen. Ger­ade in der Gebrochen­heit unser­er Exis­tenz erleben wir die Sehn­sucht nach diesen Werten. Doch nur die Liebe ver­langt, dass wir unser Ich radikal preis­geben. Diese Erfahrung macht Bas­t­ian Balthasar Bux in Michael Endes Roman „Die unendliche Geschichte“.

In gewiss­er Weise ist „Die unendliche Geschichte“ ein Entwick­lungsro­man. Der Pro­tag­o­nist lernt näm­lich an einem Punkt tief­ster Verzwei­flung, sich selb­st neu zu denken und sich so eine Iden­tität zu schaf­fen. Anders als im klas­sis­chen Entwick­lungsro­man zieht Bas­t­ian jedoch nicht hin­aus in die Welt, son­dern hinein in sein Inner­stes. Denn der Ausweg aus sein­er Mis­ere liegt in seinem eige­nen Selb­stver­ständ­nis. Ist er daran gebun­den, feige zu sein? Oder birgt seine Vorstel­lungskraft nicht eben­so die Möglichkeit, ein mutiger Held zu sein? Man kön­nte annehmen, dass es nicht viel bedeutet, sich nur als mutig vorzustellen. Tat­säch­lich ist aber ger­ade diese Bere­itschaft, die Sehn­sucht und das Wün­schen zuzu­lassen, die Grund­lage aller Möglichkeit­en und die Voraus­set­zung des Han­delns über­haupt: Nur wer sich als mutig vorstellt, hat die Möglichkeit mutig zu sein. Wer es sich in sein­er Feigheit bequem macht, erfind­et wom­öglich tausend Ausre­den, weshalb das nicht anders gin­ge; doch er wird niemals über sich hin­auswach­sen. In dem Maß wie jemand auf seine fak­tis­che Exis­tenz beschränkt bleibt, wird er niemals eine Iden­tität entwick­eln. Die Iden­tität, die sich Bas­t­ian in Endes Roman zu eigen macht, ist das, was er sein möchte. Doch er lernt, dass er nicht er selb­st sein kann, wenn er nicht auch seine Ver­gan­gen­heit annimmt – wenn auch nur, um in der Zukun­ft ein ander­er zu sein.

Für Michael Ende ist jedoch an diesem Punkt die Iden­titätssuche des Pro­tag­o­nis­ten nicht abgeschlossen. Bas­t­ian stellt sich am Ende des Romans der fak­tis­chen Wirk­lichkeit, als jemand, der bere­it ist, sein Ich preiszugeben – nicht in der Kapit­u­la­tion gegenüber der Welt des Fak­tis­chen, son­dern in der Sehn­sucht auf den höch­sten Wert: die Liebe. Damit hat er seinen Mut real ein­gelöst. Zugle­ich war seine Iden­titätssuche notwendig, denn nur wer ein Ich hat, das er preis­geben kann, ist zur Liebe fähig.

Zur Zeit sein­er Pub­lika­tion wurde Endes Roman als unpoli­tisch und eskapis­tisch kri­tisiert. Im Gegen­satz dazu denke ich, dass „Die unendliche Geschichte“ äußerst poli­tisch ist. Ende zeigt, dass die Voraus­set­zung allen (poli­tis­chen) Han­delns die Fähigkeit und der Mut zur Fan­tasie ist.

Michael Ende: Die unendliche Geschichte, Thiene­mann Ver­lag 2019, ISBN: 978–3‑522–20260‑2; 20 Euro.

Wie der Riesling nach New South Wales kam

Was soll man tun, wenn es einen in eine Gegend ver­schla­gen hat, wo kein Wein wächst? Ganz klar, man importiert welchen und am besten stellt man auch gle­ich ein paar Arbeit­er an, die etwas vom Weinan­bau ver­ste­hen.

Ob das die Über­legun­gen waren, die den Unternehmer und Poli­tik­er John Macarthur motivierten, ist nicht ein­wand­frei zu rekon­stru­ieren. Es ste­ht aber fest, dass es zu sein­er Zeit, als die Kolonie New South Wales noch in ihren Anfän­gen steck­te, dort keinen Wein gab und dass die Macarthurs die ersten und die erfol­gre­ich­sten waren, die Weine in der Region kul­tivierten.

Eine gute Idee

John Macarthur war zwar nicht vom Fach, aber er hat­te seinen Geschmacks­gau­men trainiert. Zusam­men mit seinen Söh­nen William und Edward unter­nahm er zwis­chen 1815 und 1816 eine Expe­di­tion nach Europa, um ver­schiedene Wein­sorten zu inspizieren und neben­bei noch etwas über deren Anbau zu erler­nen. Allerd­ings reichte seine prak­tis­che Erfahrung dann doch nicht aus, um ein paar der Wein­reben in brauch­barem Zus­tand nach Aus­tralien zu trans­portieren.

Zuhause der Macarthurs um 1834, Cam­den Muse­um © Sophia Höff

Immer­hin besaß er schon das passende Land: Als John Macarthur 1805 fün­f­tausend Mor­gen Land zuge­sprochen bekam, hieß die Region noch Cow­pas­ture Plains. Macarthur hat­te den britis­chen Kolo­nialsekretär Lord Cam­den davon überzeugt, dass sich das Land prächtig für Viehzucht und Land­wirtschaft eignen würde. 1830 hat­ten die Macarthurs dort einen ersten Wein­berg angelegt.

Die nächste Generation übernimmt

Schein­bar nahm die geistige Gesund­heit John Macarthurs allmäh­lich ab. Daher über­nah­men 1832 seine Söhne das Rud­er. Die Schafzucht flo­ri­erte bere­its und der Weinan­bau wurde eifrig vor­angetrieben. Dazu soll­ten deutsche und englis­che Winz­er angestellt wer­den.

Im Okto­ber 1835 gab Gou­verneur Bourke ein Sys­tem von Belo­bi­gun­gen bekan­nt, wodurch bes­timmte Immi­granten sub­ven­tion­iert wer­den soll­ten. Das Schema favorisierte Lan­dar­beit­er mit Fam­i­lie. Arbeit­ge­ber kon­nten so gün­stig Arbeit­er in die Kolonie holen.

Das kam für die Macarthurs wie gerufen. Edward hat­te ger­ade seinen Posten im House of Lords ver­loren und suchte ohne­hin nach ein­er sin­nvollen Betä­ti­gungsmöglichkeit. Deshalb ging er nach Deutsch­land, um Winz­er aus dem Rheinthal zu rekru­tieren. Das Sys­tem von Belo­bi­gun­gen zielte nicht nur auf das fach­liche Kön­nen, son­dern auch auf den Charak­ter ab. Es gab schein­bar Schwierigkeit­en, die erforder­lichen Papiere zu bekom­men. Deshalb ließ Edward seine Beziehung spie­len und reichte am 15. März 1837 eine Eingabe bei Lord Glenelg in Lon­don ein. Der sollte bestäti­gen, dass die Auswan­derung der sechs aus­ge­sucht­en Fam­i­lien durch die Regierung ihrer Majestät sank­tion­iert war. Die Zeit dränge, heißt es in der Eingabe, denn die Fam­i­lien soll­ten einige Monate vor der Wein­ernte ankom­men, die im Jan­u­ar und Feb­ru­ar stat­tfind­en würde.1

Die ersten Deutschen in New South Wales

Nach diesem Schema bracht­en die Macarthurs zwis­chen 1837 und 1838 sechs Fam­i­lien aus dem Rhein­tal in der Nähe von Frank­furt nach New South Wales. Das Schiff mit den deutschen Fam­i­lien an Bord legte am 10. Dezem­ber 1837 in Lon­don ab. Wie aus den Pas­sagierlis­ten zu erse­hen ist, stammten sie aus Nas­sau. Sie waren als Diener gelis­tet.

Trauben­presse der Winz­er­fam­i­lie Thurn, Cam­den Muse­um © Sophia Höff

Die Reise ver­lief nicht rei­bungs­los: Kurz nach­dem sie Lon­don ver­lassen hat­ten, wur­den viele der Frauen und Kinder seekrank. Außer­dem mussten sie mit anse­hen, wie ein Matrose, der zu tief ins Glas geguckt hat­te und zur Strafe ans Steuer­rad gebun­den wurde, durch die stür­mis­che See über Bord ging. Ins­beson­dere Johann Stein erwies sich als echter Karneval­ist, als er bei ein­er mak­aberen See­mannsz­er­e­monie an Fasching dachte. In einem Brief vom 27. Mai 1838 erzählte er, dass sich fünf der Matrosen verklei­de­ten, Schiff­s­teer auf das Gesicht der Fahrgäste träufel­ten und sie anschließend mit einem Ring absch­abten. Ein offen­bar wider­lich schmeck­endes Getränk musste auch kon­sum­iert wer­den.2

Über kurz oder lang war die Seefahrt über­standen. Die Wein­ernte des Jahres 1838 hat­ten sie jedoch ver­passt, als sie am 22. April in Syd­ney ein­liefen. Die sechs nas­sauis­chen Fam­i­lien waren die erste sig­nifikante Gruppe Deutsch­er, die nach New South Wales kam. Mit ihnen kam der erste Ries­ling in die Kolonie. Die Cot­tages in Cam­den Park, wie Macarthur sein Land in Anerken­nung seines Gön­ners nan­nte, standen für die Deutschen bere­it. Sie waren mit allem Notwendi­gen aus­ges­tat­tet.

Der Wein wächst und gedeiht…

Der Ries­ling, der im Rhein­tal ange­baut wird, ist sicher­lich nicht zu ver­acht­en. Doch die Macarthurs hat­ten wahrschein­lich nicht die kul­turellen Unter­schiede bedacht. Ins­beson­dere William hat­te Prob­leme die nas­sauis­che Leben­sart nachzu­vol­lziehen. In einem Brief vom 20. August 1847 schrieb er an Edward: „Sie waren eine sehr unan­genehme Gesellschaft, unun­ter­brochen am Stre­it­en und in heißem Wass­er“.3

… persönliche Differenzen ebenso

Den gele­gentlich aus­ge­tauscht­en Ansicht­en zu poli­tis­ch­er Frei­heit kon­nte er sich über­haupt nicht anschließen. Es stand das Rev­o­lu­tion­s­jahr 1848 vor der Tür. Sobald ihr Fünf-Jahresver­trag erfüllt war, entließ William deshalb alle Nas­sauer bis auf Johann Stein, den er als einen exzel­len­ten und treuen Angestell­ten beze­ich­nete.

Ein­trag über Johann Stein in der Buch­hal­tung der Macarthurs, State Library of NSW © Sophia Höff

Doch die Dif­feren­zen, die William mit den Nas­sauern gehabt zu haben schien, waren wohl nicht grund­sät­zlich. Denn als 1843 die Verträge der sechs Arbeit­er aus­liefen, wollte er neue aus Deutsch­land kom­men lassen. Die Kolo­nial­regierung in Lon­don lehnte das mit der Begrün­dung ab, dass keine größere Anzahl nicht-britis­ch­er Winz­er als Arbeit­er in der Kolonie zuge­lassen wer­den kön­nten. In einem Vor­wort zu seinen gesam­melten Zeitungs­beiträ­gen „Let­ters on the Cul­ture of the Vine, Fer­men­ta­tion and the Man­age­ment of the Wine in the Cel­lar“ kon­terte William Macarthur ärg­er­lich: „Es mag natür­licher­weise gefragt wer­den, wie es kommt, dass, wenn Boden und Kli­ma so vorteil­haft für Weinan­bau sind, wir unsere Hügel nicht von Wein eingek­lei­det sehen […]? [E]s ist der beina­he vol­lkomme­nen Abwe­sen­heit von prak­tis­ch­er Erfahrung mit den Einzel­heit­en geschuldet. Hätte unsere Heima­tregierung ihre Pflicht erfüllt, hätte sie […] zwei- oder drei­hun­dert deutsche, schweiz­erische oder franzö­sis­che Winz­er an unsere Küsten über­sandt“.4

Natür­lich kon­nte auch dieses Hin­der­nis aus dem Weg geräumt wer­den und weit­ere deutsche Fam­i­lien kamen nach Cam­den Park. Darunter war auch Joseph Stein, der nach Johann und Jakob als drit­ter aus der Fam­i­lie Stein nach Syd­ney kam. Sein Brud­er Johann Stein hat­te für ihn eine Anstel­lung bei den Macarthurs arrang­iert. In einem Brief an Bern­hard Jung vom 26. Sep­tem­ber 1849 berichtete Joseph Stein, dass er eben­falls bei den Macarthurs als Auf­se­her über den Wein­berg und den Keller arbeit­en und in das­selbe Cot­tage einziehen werde wie Johann zwölf Jahre zuvor. Zu diesem Zeit­punkt hat­te Johann bere­its 100 Mor­gen eigenes Land in der Umge­bung erwor­ben. 1852 kam Mar­tin Thurn aus Frauen­stein am Rhein, um bei den Macarthurs zu arbeit­en. Seine Wein­presse ist heute im Muse­um Cam­den aus­gestellt.

Wein­presse der Winz­er­fam­i­lie Thurn, Cam­den Muse­um © Sophia Höff

Die Weinindustrie in Camden heute

Es ist kein Wun­der, dass sich William so für sein Konzept, inter­na­tionale Winz­er her­anzu­holen, ein­set­zte. Es war erfol­gre­ich. Cam­den Park war sein­erzeit der größte Wein­pro­duzent Aus­traliens. Sie schafften es auf 16.000 Gal­lo­nen pro Jahr und ver­fügten über bis zu 30.000 Gal­lo­nen in ihrem Weinkeller. Der Ries­ling aus Cam­den Park gewann inter­na­tionale Preise, bis eine Reblaus-Epi­demie in den 1880ern dem ein abruptes Ende set­zte. Nach und nach wird die Region aber wieder als Weinan­bauge­bi­et genützt. Heute gibt es mehrere Weingüter in Cam­den und die Macarthur Fam­i­lie wohnt noch immer in Cam­den Park. Der Ries­ling hat sich mit­tler­weile in ganz Aus­tralien etabliert, wobei er sich geschmack­lich vom rhein­hes­sis­chen Ries­ling unter­schei­det.

Der Macarthur-Park in Cam­den © Sophia Höff

FUßNOTEN

  1. Cloos und Tamp­ke: Greet­ings from…, S. 11. ↩︎
  2. Cloos und Tamp­ke: Greet­ings from…, S. 88. ↩︎
  3. Cloos und Tamp­ke: Greet­ing from…, S. 22. ↩︎
  4. Macarthur: Let­ters on…, S. iv. ↩︎

LITERATUR

  • Atkin­son, Alan: Cam­den. Farm and vil­lage life in ear­ly New South Wales, Mel­bourne 1988.
  • Cloos, Patri­cia und Tamp­ke, Jür­gen (Hrsg.): Greet­ings from the land where milk and hon­ey flows. The Ger­man emi­gra­tion to NSW 1838–1858, Can­ber­ra 1993.
  • King, Hazel: Eliz­a­beth Macarthur and her world, Syd­ney 1980.
  • Macarthur, William: Let­ters on the cul­ture of the vine, fer­men­ta­tion, and the man­age­ment of the wine in the cel­lar, Syd­ney 1844.
  • Macarthur, William: Let­ters on the cul­ture of the vine, fer­men­ta­tion, and the man­age­ment of the wine in the cel­lar, Syd­ney 1844.

„Es ist tatsächlich ein gefährliches Spiel“

Ein Interview mit dem Schriftsteller Volker Kaminski über seinen Roman “Der Gestrandete”

KUM: Ein Grund­mo­tiv des Romans “Der Ges­tran­dete” kön­nte man mit dem Slo­gan “life imi­tates art” para­phrasieren. Die Kun­st — ob in Form eines The­ater­stücks oder in Form ein­er Zeich­nung — greift im Roman auf das Leben der Pro­tag­o­nis­ten über. So ver­sucht der Ich-Erzäh­ler Sascha Fehrmann über den Roman von E. T. A. Hoff­mann (“Die Elix­iere des Teufels”), den Geheimnis­sen seines früheren Schulka­m­er­aden Frank Kali­na auf die Spur zu kom­men. Hast Du damit eine falsche Fährte gelegt?

Volk­er Kamin­s­ki: Kun­st kann das Leben immer bee­in­flussen, manch­mal auf fördernde, begeis­ternde Weise, sie kann ganze Biografien verän­dern, Erweck­ungser­leb­nisse ver­schaf­fen, sie kann aber auch neg­a­tive Fol­gen zeit­i­gen (das berühmteste Beispiel aus der Lit­er­aturgeschichte ist wohl Goethes „Werther“, der zu sein­er Zeit nicht nur eine Klei­der­mode aus­löste, son­dern sog­ar einige unglück­lich Ver­liebte zur Nachah­mung des Suizids ver­leit­ete). An eine falsche Fährte habe ich nicht gedacht, im Gegen­teil, Sascha benutzt Hoff­manns Roman eher zur Spuren­suche und befragt Frank mit Hil­fe des Roman­hin­ter­grunds, als er merkt, wie wichtig das Buch für diesen ist. Es ist ein Spiel mit Motiv­en und Möglichkeit­en, die der düstere Hoff­mann-Roman vorgibt, da habe ich auch mein­er alten Liebe zu Hoff­mann und der Roman­tik Raum gegeben.

Willkommen bei den Fehrmanns: Die Lebenswelt der Protagonisten

KUM: Sascha reflek­tiert ein ums andere Mal seine Lage. Nach­dem er zuerst sein­er Frau spon­tan von Franks Ver­gan­gen­heit erzählt, entschließt er sich dann, über das, was er von und über Frank erfährt, Stillschweigen zu bewahren. Das erscheint recht fahrläs­sig, wenn man bedenkt, welch schw­er­er Ver­dacht auf Frank liegt. Was sagt das über Sascha aus? Liegt darin das Unberechen­bare und Faszinierende des Pro­tag­o­nis­ten?

Kamin­s­ki: Es ist tat­säch­lich ein gefährlich­es Spiel, das Sascha treibt, er ringt ja auch andauernd mit sich, ob es richtig ist und ob er weit­er schweigen und Franks Nähe zu sein­er Frau und der The­ater­gruppe zulassen darf. Ander­er­seits ver­lockt ihn die „böse“ Energie des alten Fre­unds, er ist fasziniert von dessen ver­meintlich authen­tis­cheren, exis­ten­zielleren Lebensweise. Sascha muss sich ständig an ihm abar­beit­en, seine „Ruh ist hin“, kön­nte man mit Goethe sagen, sein gewohntes Leben gerät in gefährlich­es Fahrwass­er. Aber das ist für ihn und seine Frau natür­lich ander­er­seits auch span­nend und her­aus­fordernd.

KUM: Auf der anderen Seite ver­rät Saschas Wahrnehmung viel über seine Gefühlslage. Das kommt beson­ders gut in den Schilderun­gen von seinem Garten zum Aus­druck. Auf Seite 223 heißt es zum Beispiel: „Der Garten zeigte wieder sein Som­mer­gesicht, das fortschre­i­t­end fre­undlich­er zu mir herüber­sah.“ Dieser Ein­druck ste­ht in schar­fem Kon­trast zu anderen Pas­sagen, wo die Urwüch­sigkeit des Gartens im Vorder­grund ste­ht und als Bedro­hung emp­fun­den wird. Geben die Wahrnehmungs­beschrei­bun­gen ein authen­tis­cheres Bild von Saschas Innen­leben wieder als seine Gedanken?

Kamin­s­ki: Sascha der Garten­fre­und, der ewig sich auf der Liege Aus­ruhende. Warum ist er eigentlich so erhol­ungs­bedürftig? Seine merk­würdi­ge Ver­bun­den­heit mit der (Garten-)Natur war für mich von Anfang an ein Motiv im Roman. Die Lebenswelt der Fehrmanns, ihr Wohl­stand, das geerbte Haus und der „ver­wun­sch­ene“ Garten dahin­ter, das ist für Sascha nicht unprob­lema­tisch, er ist nicht eins mit dieser Rolle als behüteter Bürg­er. Da rebel­liert etwas in ihm, das nimmt er dann manch­mal als Bedro­hung von außen wahr. Das Gesicht des Gartens wan­delt sich, je nach­dem wie sich seine innere Entwick­lung fort­be­wegt. Diese irra­tionalen Gefüh­le sagen tat­säch­lich viel, vielle­icht mehr über seinen Zus­tand aus als seine ratio­nalen Gedanken.

KUM: Auch die Dialoge charak­ter­isieren die Pro­tag­o­nis­ten natür­lich in ganz bes­timmter Weise. Im Roman ist der Dia­log zudem ein wichtiges Mit­tel zur Wahrheits­find­ung. Frank räumt ja expliz­it ein, gegenüber Sascha einen Drang zur Beichte zu ver­spüren. Was er geste­ht, ste­ht für Sascha allerd­ings immer unter dem Vor­be­halt der Lüge. Kann man wörtlich­er Rede im Roman trauen? Inwiefern hil­ft sie dabei, die Charak­tere zu skizzieren?

Kamin­s­ki: Ich bin ein großer Fan von Roman­di­alo­gen, sie sind für mich ein ide­ales verklein­ertes Spielfeld zur Aus­tra­gung der im Roman behan­del­ten Kon­flik­te. Indem die Protagonist*innen reden, stre­it­en, sich gegen­seit­ig belü­gen, sich her­aus­fordern, unter Druck set­zen etc., treiben sie die Hand­lung voran und lassen den Span­nungs­bo­gen sich weit­er biegen. Lügen gehören naturgemäß zum Dia­log, und die Beichte ist nahezu die älteste Form des Wech­selge­sprächs. Auch in Hoff­manns Roman wird des Öfteren gebe­ichtet (es ist ja auch ein Mönchs-Roman) und sich in Lügen geflüchtet. Doch es gibt auch immer den Drang nach Wahrheit und den unbändi­gen Wun­sch sie ans Licht zu brin­gen.

Dichtung und Wahrheit

KUM: Du bist in Karl­sruhe geboren und hast Philoso­phie studiert. Neben detail­lierten Stadtschilderun­gen ent­deckt man im Text inter­es­sante philosophis­che Gedanken. Der Dia­log set­zt einen Gesprächspart­ner voraus. Der Blick des anderen ist, wenn man Sartre fol­gen möchte, ein Spiegel der eige­nen Seele. An promi­nen­ter Stelle wird das Motiv des Spiegels im Roman aufge­grif­f­en, näm­lich auf der Bühne während der Pre­miere des The­ater­stücks. Die Beziehung zwis­chen Sascha und Frank kann man im Sinne Sartres ver­ste­hen: Am Ende des Romans artikuliert Frank beispiel­sweise, worin die geistige Ver­wandtschaft zwis­chen ihm und Sascha beste­ht. Etwas, das sich Sascha zuvor nicht einge­s­tanden hat. Hast Du bewusst philosophis­che Gedanken im Text ver­ar­beit­et?

Kamin­s­ki: Ich wün­sche mir immer, dass die philosophis­chen Ken­nt­nisse aus meinem Studi­um ihren (unauf­dringlichen) Platz beim Schreiben find­en. Philoso­phie – wenn man sie ernst nimmt – lässt sich ja nie aufgeben oder als erledigt betra­cht­en, sie stellt die Fra­gen, die jed­er Men­sch hat. Und der Spiegel – etwas über­spitzt gesagt – ist Träger der Wahrheit, und wer etwas Schlimmes getan hat und wen das Gewis­sen peinigt, der schaut bekan­ntlich nicht gern hinein. Das Spiegelver­hält­nis zwis­chen Sascha und Frank ist im Roman so eine Art These, die hin­ter­fragt und zunehmend ver­schärft geprüft wird. Wie nahe lässt Sascha den gefährlichen Fre­und an sich her­an, wo zieht er die Not­bremse? Span­nende Fra­gen, die die Leser*innen, wie ich hoffe, auch ans Buch fes­seln.

Nur eine Illusion von Freiheit?

KUM: Auch der Gedanke der Frei­heit, der für den Exis­ten­tial­is­mus entschei­dend ist, wird enthu­si­astisch von Frank auf ein­er Par­ty gepriesen. Tat­säch­lich sind jedoch für Frank weniger seine autonomen Hand­lun­gen, son­dern eher seine affek­tiv­en charak­ter­is­tisch. Eben­so kann man von Sascha sagen, dass er einen merk­würdi­gen Umgang mit sein­er Entschei­dungs­frei­heit hat. Auf Seite 206 heißt es: „Es war meine Entschei­dung, ob und wann ich ein­greifen würde. Das war naiv.“ Das ist ein inter­es­san­ter Satz, weil er dop­peldeutig ist: War es naiv zu glauben, eine Entschei­dungs­frei­heit zu haben, oder war es naiv, seine Ver­ant­wor­tung, eine Entschei­dung zu tre­f­fen, hin­auszuzögern? Magst Du dazu etwas sagen?

Kamin­s­ki: Sascha glaubt lange, das Heft in der Hand zu hal­ten, er redet sich ein, jed­erzeit ein­greifen zu kön­nen, wenn es zu gefährlich wird, und alles zu stop­pen, wenn er es nicht mehr ver­ant­worten kann. So ist es ja oft im Leben, oder? Wir unternehmen etwas, beschließen, pla­nen, gehen einen nicht unge­fährlichen Weg in eine bes­timmte Rich­tung – wenn es zu heikel wird, kön­nen wir ja umkehren, denken wir. Und ganz ohne Risiko geht es im Leben eben sel­ten (was wir ja auch ger­ade „live“ erleben bezüglich der Abwä­gung zwis­chen Leben‑, Arbeiten‑, Reisen-Wollen und gesund­heitlichen Risiken und Gefahren). Sind wir naiv, wenn wir glauben, dass wir in unserem Han­deln frei sind? Manch­mal, wenn etwas Schlimmes ein­tritt, dann kommt es uns vielle­icht so vor. Dann müssen wir ein­se­hen, dass wir ver­let­zlich sind, schwach, angreif­bar und unfähig immer alle Risiken zu ken­nen. Ein Satz wie der von dir zitierte ist aber neben­bei auch ein willkommen­er „Cliffhang­er“, bestens geeignet, um am Kapite­lende den Felsvor­sprung zu zeigen, an dem der Pro­tag­o­nist „baumelt“.

Verschiedene Lebenswege

KUM: Das unbe­d­ingte Ver­trauen, mit dem sich Sascha und Frank von Anfang an im Roman begeg­nen, erin­nert an die Beziehung zwis­chen Brüdern. Selb­st der Ver­dacht, der auf Frank lastet, bringt Sascha nicht von der Zuver­sicht ab, dass dieser seine Angele­gen­heit­en ins Reine brin­gen wird. Im Roman wird auf ein gemein­sames ursprünglich­es Ver­ständ­nis für das Unheim­liche rekur­ri­ert. Die späteren Lebensen­twürfe der bei­den gehen ja auseinan­der und Sascha hat sich ein ruhiges Leben geschaf­fen. Welche Rolle spielt die gemein­same Schulzeit?

Kamin­s­ki: Die gemein­same Schulzeit wird im Roman kaum the­ma­tisiert – dazu ist wahrschein­lich die Gegen­wart durch das Ein­drin­gen Franks ins beschauliche Leben zu sehr aufgewühlt und beein­trächtigt. Es ist eher so, dass die sehr ver­schiede­nen Lebensen­twürfe der bei­den es – zumin­d­est für Sascha – schw­er vorstell­bar machen, dass sie sich über­haupt jemals nahe ges­tanden haben. Wie ver­schieden haben sie doch gelebt! Und es war nicht anzunehmen, dass sie sich je wieder begeg­nen, geschweige denn annäh­ern wür­den. Aber das Leben kann voller Über­raschun­gen sein.

Schreiben zwischen Theorie und Praxis

KUM: Inter­es­sant für alle, die Deine Schreib­sem­inare an der Alice-Salomon-Hochschule nicht besuchen, sind auf jeden Fall auch die im Roman ver­streuten poe­t­ol­o­gis­chen Reflex­io­nen – zum Beispiel zum The­ma des Bösen und der Span­nung. Reflek­tierst Du bere­its während des Schreibens über poe­t­ol­o­gis­che Aspek­te?

Kamin­s­ki: Es ist m. E. ein immenser Unter­schied zwis­chen dem bel­letris­tis­chen Schreiben und der the­o­retis­chen Reflex­ion darüber. So habe ich z. B. im Lauf meines Ger­man­is­tik­studi­ums, als ich bere­its regelmäßig Geschicht­en schrieb oder es zumin­d­est ver­suchte, immer dann große Schreib­schwierigkeit­en bekom­men, wenn das The­o­retis­che zu schw­er, kom­plex und sozusagen „über­grif­fig“ wurde. Schreiben set­zt eine große Unbe­fan­gen­heit und Zuver­sicht voraus, das poe­t­ol­o­gis­che Wis­sen kann da wirk­lich zum Hin­der­nis wer­den und schlimm­sten­falls eine Block­ade aus­lösen. Trotz­dem gehören die Bere­iche zusam­men, und während ich eine Geschichte ent­falte, stellen sich mir auch Form­fra­gen oder ich reflek­tiere über das The­ma und seine Imp­lika­tio­nen und möglichen Verknüp­fun­gen zu anderen The­men etc. Mich beschäftigt am stärk­sten der Bau, die Kon­struk­tion des Ganzen, weil ich den nicht vor dem Schreiben fes­tlege. Eigentlich weiß ich zunächst nur, was der Aus­gangskon­flikt, das berühmte aus­lösende Ereig­nis ist. Darauf baue ich peu à peu auf. Wenn ich dann selb­st beim Schreiben das Gefühl habe, jet­zt ist es aber über­haupt nicht mehr span­nend oder das ver­ste­he ich jet­zt selb­st nicht, das ist schreck­lich weit herge­holt, dann muss ich ein­greifen und über­legen: Wo ist der Fehler? Wenn mir dann die Musen­göt­tin einen guten Ein­fall schenkt, bin ich ganz das glück­liche Schreibkind und spiele unbeein­trächtigt von jed­er Poe­t­olo­gie stun­den­lang weit­er…

KUM: Ich danke Dir für das Inter­view.

Volk­er Kamin­s­ki, geboren 1958 in Karl­sruhe, hat Ger­man­is­tik und Philoso­phie studiert, lebt in Berlin. Neben Kurzgeschicht­en, Rezen­sio­nen und Glossen (Berlin­er Zeitung) hat er bish­er sieben Romane veröf­fentlicht, zulet­zt „Gesicht eines Mörders“ (2014), „Rot wie Schnee“ (2016) und „Auf Probe“ (2018). Seit 2014 ist er Lehrbeauf­tragter an der Alice Salomon Hochschule Berlin für das Mod­ul Cre­ative Writ­ing — Roman­werk­statt. Zur Home­page des Autors

Bild­nach­weise: Cover­bild © Info Ver­lag; Porträt © Volk­er Kamin­s­ki

Wenn das Fahrwasser unruhiger wird

Als freier Jour­nal­ist hat man es nicht leicht: Die Ein­sendun­gen für eine Lit­er­aturzeitschrift müssen redigiert wer­den, erweisen sich jedoch als nicht ger­ade gehaltvoll. Und einen sorgsam recher­chierten Artikel in ein­er renom­mierten Tageszeitung unterzubrin­gen, ist auch nicht ein­fach.

Aber der Autor und Jour­nal­ist Sascha Fehrmann hat es ganz gut getrof­fen. Er wohnt mit sein­er Frau und sein­er Tochter in einem großbürg­er­lichen Haus in Karl­sruhe, das ihnen die Schwiegerel­tern abge­treten haben. Der großflächige Garten hin­ter­lässt regelmäßig Ein­druck bei seinen Besuch­ern.

Doch die Fehrmanns kom­men in unruhigeres Fahrwass­er, als sich ein alter Schul­fre­und Saschas namens Frank Kali­na in ihr Leben ein­nis­tet. Der zunächst unwillkommene Gast, den man zu Beginn des Romans noch für einen Ein­brech­er hält, hat das Tal­ent in jed­er Sit­u­a­tion tonangebend zu sein. So zieht er die Aufmerk­samkeit auf sich, als er Frem­den von sein­er Ver­gan­gen­heit als „Men­schen­fress­er“ erzählt, und ver­prellt die bürg­er­lichen Par­tygäste der Fehrmanns durch sein emphatis­ches Plä­doy­er für die Frei­heit. Der pro­fes­sionelle Schaus­piel­er tritt frühzeit­ig der Laienthe­ater­gruppe von Saschas Ehe­frau bei und überzeugt mit seinem unberechen­baren Charis­ma. Sein Hang zum Abgründi­gen zeigt sich nicht nur in sein­er Vor­liebe für Schauer­ro­mane E. T. A. Hoff­manns, son­dern auch in seinem eige­nen Lebensen­twurf.

Das Mys­teri­um, das den selb­ster­nan­nten „Men­schen­fress­er“ umgibt, schlägt Sascha in Bann. Während immer neue Details aus Franks Ver­gan­gen­heit ans Licht kom­men, rückt die Gefahr für Sascha und seine Fam­i­lie immer näher. Den­noch hadert Sascha lange mit der Entschei­dung, wie er sich gegenüber Frank posi­tion­ieren soll, in dem er mehr und mehr das Spiegel­bild eines alter­na­tiv­en Lebensen­twur­fes erken­nt.

Volk­er Kamin­skis Roman „Der Ges­tran­dete“ überzeugt als Kri­mi mit exis­ten­zial­is­tis­chem Touch. Das Motiv des Dop­pel­gängers zieht sich auf mehreren Ebe­nen durch den Roman und erzeugt eine faszinierende Atmo­sphäre der Ambivalenz. Auch Sprache und Stil machen es dem Leser leicht, sich in die Lebenswelt der Pro­tag­o­nis­ten zu begeben.

Volk­er Kamin­s­ki: Der Ges­tran­dete, Lin­de­manns Bib­lio­thek, Band 327, Info Ver­lag 2019, ISBN: 9783963080289.

Auch heute ist Heine noch um den Schlaf gebracht

Der Todestag eines Men­schen ist ein geeigneter Tag, sich zu fra­gen, was die jew­eilige Per­son ger­ade macht. Heute ist der Todestag Hein­rich Heines. Und wenn man wis­sen wollte, wie es Heine geht, kon­nte man ihn ein­fach hin­ter dem Kas­tanien­wäld­chen an der Hum­boldt-Uni­ver­sität in Berlin besuchen.

Das war ein pit­toreskes Fleckchen. Abgeson­dert von den Touris­ten­strö­men, die Unter den Lin­den hin­aufziehen. Im schweigsamen Schat­ten eines Neben­por­tals der Uni­ver­sität gele­gen. Von den Wipfeln des Kas­tanien­wäld­chens beschirmt.Das war ein Ort ganz nach Heines Geschmack. Denn Heine suchte schon zu seinen Lebzeit­en nach einem Ruhe­p­ol, beson­ders nach­dem seine schwere Krankheit ihn ans Bett fes­selte. Diese Suche führte ihn durch ganz Paris, wo er ins­ge­samt fün­fzehn Mal umge­zo­gen ist. Let­ztlich war seine Suche von vie­len Mis­ser­fol­gen geprägt.

Heine am Kas­tanien­wäld­chen

Lei­der ist auch sein Ruhe­p­ol hin­ter dem Kas­tanien­wäld­chen nicht von langer Dauer gewe­sen. Zwar verir­ren sich auch heute eher wenige Touris­ten zu Heine, das liegt aber an dem mon­strösen Bunker, den das Max­im Gor­ki The­ater neben seinem Stammhaus errichtet hat. Eine schmale asphaltierte Gasse wurde pro­vi­sorisch über den Platz ver­legt, wobei der ehe­ma­lige Bürg­er­steig dem Gor­ki The­ater als Park­platz für Last­wa­gen dient. Bauuten­silien, Flutschein­wer­fer und Absper­run­gen tra­gen das Übrige zur ver­rot­teten Atmo­sphäre bei. Die Park­bänke, die Heine für Gäste freige­hal­ten hat, müssen als Ablage für zusam­mengekehrtes Herb­st­laub und son­sti­gen Abfall her­hal­ten.

Kein Wun­der, dass Heine dort kaum noch anzutr­e­f­fen ist. Zu seinem Glück ist er an keine irdis­chen Beschränkun­gen mehr gebun­den. So lässt er seine gus­seis­erne Hülle ein­fach an Ort und Stelle zurück, während er sich ander­swo herumtreibt. Schade ist das trotz­dem für alle, die Heine an seinem Todestag besuchen woll­ten.

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