im Lichtenrader Revier
Die Alte Mälzerei Lichtenrade ist heute das markante Zentrum eines neuen Stadtquartiers im Berliner Süden und ein Beispiel dafür, wie Denkmalschutz, Stadtentwicklung und Nachbarschaftskultur überzeugend zusammenfinden können. Sie ist fußläufig vom S‑Bahnhof Lichtenrade zu erreichen und liegt direkt an der kürzlich wieder in Betrieb genommenen Fernbahntrasse der “Dresdner Bahn”.
Errichtet wurde der eindrucksvolle Backsteinbau zwischen 1897 und 1898 für die Schlossbrauerei Schöneberg AG, eine der großen Berliner Brauereien der Kaiserzeit. Die Mälzerei diente der Malzproduktion für die Brauerei, deren eigentliche Sudhäuser und Braubetriebe in Schöneberg lagen. In Lichtenrade wurden also keine Biere gebraut, sondern das Malz hergestellt, das die Grundlage für die Bierherstellung bildete. Der eigentliche Brauvorgang der Schlossbrauerei fand weiterhin an ihrem Stammsitz statt.
Bereits im Jahr 1920, kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, wurde die Malzproduktion eingestellt und das Gebäude anschließend als Lager genutzt. Ab den 1960er Jahren stand das Gebäude weitgehend leer und verfiel zunehmend, bis es schließlich unter Denkmalschutz gestellt wurde. Im Rahmen des Stadtentwicklungsprojekts „Lichtenrader Revier“ begann 2017 die umfassende Sanierung und Umnutzung. Ziel war es, der historischen Mälzerei eine neue Bedeutung als Ort der Begegnung, Bildung und Kultur zu geben.
Heute beherbergt der fünfgeschossige Ziegelbau auf rund 3.100 Quadratmetern die Stadtteilbibliothek, die Volkshochschule, die Musikschule Tempelhof-Schöneberg sowie ein Nachbarschafts- und Kulturzentrum. Offene Lernräume, Veranstaltungsflächen und Werkstätten machen das Gebäude zu einem lebendigen Treffpunkt für alle Generationen.
Zum Gesamtensemble gehört auch das gegenüberliegende Landhaus Lichtenrade, das ursprünglich als Ausflugsgaststätte der Schlossbrauerei entstand. Das traditionsreiche Gebäude wurde ebenfalls denkmalgerecht saniert und wird künftig als kultureller Veranstaltungsort genutzt – ein wichtiger Baustein, um den alten Ortskern neu zu beleben. In unmittelbarer Nähe entsteht außerdem ein modernes Schwimmbad, das die infrastrukturelle und soziale Entwicklung des Quartiers abrundet.
Das Projekt „Alte Mälzerei Lichtenrade“ ist ein Beispiel für nachhaltige Stadtentwicklung: Die historische Substanz wurde nicht nur konserviert, sondern mit neuen Funktionen für kommende Generationen nutzbar gemacht. Erhalten geblieben sind die charakteristische Fassade im Stil der norddeutschen Neorenaissance, die hohen Fensterachsen und das markante Darrentürmchen, während die Innenräume mit moderner Technik, Barrierefreiheit und einer energieeffizienten Ausstattung versehen wurden.
Diese Transformation wurde auch in einem Buch dokumentiert: Im L+H Verlag erschien 2025 der reich bebilderte Band „Die Alte Mälzerei Lichtenrade – Das Herz eines neuen Stadtteils“, verfasst von Martina Vetter und herausgegeben von Thomas Bestgen. Auf 210 Seiten erzählt das Werk die Geschichte des Gebäudes, die technischen Aspekte der Malzproduktion und den Prozess seiner Wiederbelebung. Zahlreiche Fotografien von Erik-Jan Ouwerkerk und Markus Löffelhardt machen die architektonische Atmosphäre des Ortes erfahrbar.
Das Buch ist mehr als eine reine Dokumentation – es ist ein Porträt urbaner Erneuerung. Es zeigt, wie ein vergessenes Industriedenkmal dank privatem Engagement, Kreativität und Bürgerbeteiligung zu einem lebendigen Mittelpunkt eines neuen Stadtteils werden kann.
Fazit:
Die Alte Mälzerei Lichtenrade ist ein gelungenes Beispiel für den behutsamen Umgang mit Baukultur. Sie erinnert an die industrielle Vergangenheit der Schlossbrauerei Schöneberg und steht zugleich für die soziale und kulturelle Zukunft des Stadtviertels. Mit Schwimmbad, saniertem Restaurant „Landhaus”, Einzelhandel, Bio-Supermarkt, eine Kita, vielfältiger kultureller Nutzung und nicht zu letzt mit 202 Wohnungen ist hier ein neues, offenes Stadtzentrum entstanden, das auch wegen des jetzt dort gebrauten Bieres einen Besuch wert ist.