Ein Haus und seine Geschichte

Das Palais des Reich­stagspräsi­den­ten in Berlin spiegelt mit seinen vielfachen Umnutzun­gen deutsche Zeit­geschichte. Wie der Reich­stag ist dieses Gebäude erst nach lan­gen Debat­ten um den Ort und nach langer Bauzeit eingewei­ht wor­den (der Reich­stag im Jahr 1894, das Palais 1904, Architekt bei­der Gebäude: Paul Wal­lot). Auch die Veröf­fentlichung dieser her­aus­ra­gende Mono­grafie zum Reich­stagspräsi­den­ten­palais hat lange gedauert. Die Sanierung nach der Über­gabe an den Bund begann ab Okto­ber 1991, war 1999 abgeschlossen, wurde aber schon 2015 umfassend ergänzt. Seit­dem ist das Gebäude ein Glanzstück mod­ern­er Funk­tion­al­ität im his­torischen Gewand: „Das Haus zeigt sich nun gut durch­lüftet, die ein­stige Düster­n­is ist kräftig aufge­hellt wor­den. Nuss­baum- und Ahorn­vertäfelun­gen ver­lei­hen den Speis­eräu­men und Salons gle­ich­wohl Intim­ität und Wärme, die dem eisi­gen Flughafen­in­terieur des gegenüber­liegen­den Reich­stags ganz fremd ist.“ (so wird auf S. 180 ein FAZ Artikel zitiert)

Das Buch überzeugt durch Ein­blicke in die Architek­tur und Innenein­rich­tung anhand auf­schlussre­ich­er Fotografien und von Bau­plä­nen. Die so unter­schiedlichen Nutzun­gen (von der Präsi­dentschaft eines Par­la­ments mit sehr eingeschränk­ter Macht, dem par­la­men­tarischen Leben bis zum Ende der ersten deutschen Demokratie 1933 und der wech­selvollen Nutzung des Haus­es während der NS- und DDR-Zeit) wer­den anschaulich. Auf ein wohl absichtlich ver­schwiege­nen, entschei­den­den poli­tis­chen Ter­min macht der Autor aufmerk­sam: am 20. 2.1933 traf sich die NS-Parteiführung mit den Spitzen der deutschen Wirtschaft, um im großen Aus­maß finanzielle Mit­tel für den Wahlkampf einzu­fordern. Alle führen­den Wirtschaftsvertreter spende­ten, obwohl Göring von der „let­zten Wahl in 100 Jahren“ sprach.

Nach­dem die Berlin­er Mauer jahrzehn­te­lang das Palais vom Reich­stags­ge­bäude getren­nt hat­te, es lange Zeit dem erfol­gre­ichen VEB Deutsche Schallplat­ten (mit den Labels Ami­ga und Eter­na) als Auf­nahmes­tu­dio und Leitungssitz diente, ist es heute als Sitz der Deutschen Par­la­men­tarischen Gesellschaft wieder ein Teil des poli­tis­chen Lebens in der Haupt­stadt.

Matthias C. Schütte: Das Reich­stagspräsi­den­ten­palais — Ein Haus und seine Geschichte, gebun­den, 240 Seit­en, 137 teils far­bige Abb., BeBra Ver­lag, Berlin 2025, ISBN 978–3‑8148–0316‑6, 38 €