Magazin für Kultur

Monat: Dezember 2025

Alte Wut

Warum ich an den Ort reiste, von dem mein Vater einst fliehen musste

Als Zehn­jähriger wurde der Vater der Autorin aus Ost­preußen ver­trieben. Er ver­lor seine Heimat, seine Kind­heit und erlebte die schreck­liche Gewalt der Vertrei­bun­gen. Achtzig Jahre später macht sich seine Tochter auf die 300 Kilo­me­ter lange Reise von München nach Osterode in Masuren ent­lang der Fluchtroute ihres Vaters. Sie will ver­ste­hen, warum sich die seel­is­chen Ver­let­zun­gen ihres Vaters in ihrem eige­nen Leben fortpflanzen kon­nten („…hin­ter­her­reist. Und damit auch dir selb­st – denn wenn du ehrlich bist, weißt du, dass es dieses Kind ist, das in deinem Herzen haust. Sein Schmerz ist dein Schmerz.“ S. 32). Wo liegt der Ursprung ihrer durch­lebten Mager­sucht, ihrer Kämpfe gegen Depres­sion und Burn-out? Wie vererben sich Trau­ma­ta von ein­er Gen­er­a­tion auf die näch­ste? Matzkos Vater trug zeitlebens diese „alte Wut“ über die Vertrei­bungser­fahrung mit sich. Sie äußerte sich in hefti­gen Wutaus­brüchen und beson­ders rigi­dem Kon­trolbedürf­nis. Vieles übertrug sich auf die Tochter. Mit scho­nungslos­er Offen­heit erzählt Caro Matzko in sehr direkt-per­sön­lich­er Erzählweise von ihrem Leben und der Reise in die Ver­gan­gen­heit.

Caro Matzko: Alte Wut — Warum ich an den Ort reiste, von dem mein Vater einst fliehen musste, 220 Seit­en, Fotos und Karte in den Buchin­nen­seit­en, ISBN 978–3‑492–07372‑1, Piper Ver­lag, München 2025, 24 €

Trio mit Tiger

Span­nend erzählte Kun­st­geschichte: Max Beck­mann und der Kun­straub in den Nieder­lan­den

Dieser sehr lesenswerte, span­nend erzählte und gründlich recher­chierte Roman basiert auf his­torischen Geschehnis­sen: auf das Leben Max Beck­manns im Ams­ter­damer Exil (1937- 1947) und das Wirken seines Gön­ners Erhard Göpel, der ab 1942 bis zum Kriegsende als NS-Beauf­tragter Kunst­werke für das geplante „Führermu­se­um Linz“ ankaufte und dabei im Gegen­satz zum Wirken ander­er NS Stellen direk­ten Kun­straub ver­mei­den und jüdis­che Leben ret­ten kon­nte. Die Autorin Mar­i­anne Ludes hat­te exk­lu­siv­en Zugriff auf die bis­lang unveröf­fentlicht­en Tage­büch­er Mathilde Beck­manns. Sie ver­wen­det sie für ihren Roman, die Tage­büch­er wer­den aber nicht zitiert (siehe die in den „Tage­buch“ Abschnit­ten erwäh­n­ten fik­tiv­en Per­so­n­en, vgl. das sehr infor­ma­tive Nach­wort). Das ist prob­lema­tisch, der Leser fragt sich immer wieder, was ist authen­tisch? Auch lenken manche pri­vate Belan­glosigkeit­en von den so span­nend erzählten Details der zeit­geschichtlichen Hin­ter­gründe ab. Aber der Leser lernt Max Beck­mann ganz intim ken­nen, sein Werk erschließt sich neu.

Mar­i­anne Ludes: Trio mit Tiger, 446 Seit­en, ISBN 978–3‑570–10554‑2, Ber­tels­mann Ver­lag, München 2025, 25 €

Das Reichstagspräsidentenpalais

Ein Haus und seine Geschichte

Das Palais des Reich­stagspräsi­den­ten in Berlin spiegelt mit seinen vielfachen Umnutzun­gen deutsche Zeit­geschichte. Wie der Reich­stag ist dieses Gebäude erst nach lan­gen Debat­ten um den Ort und nach langer Bauzeit eingewei­ht wor­den (der Reich­stag im Jahr 1894, das Palais 1904, Architekt bei­der Gebäude: Paul Wal­lot). Auch die Veröf­fentlichung dieser her­aus­ra­gende Mono­grafie zum Reich­stagspräsi­den­ten­palais hat lange gedauert. Die Sanierung nach der Über­gabe an den Bund begann ab Okto­ber 1991, war 1999 abgeschlossen, wurde aber schon 2015 umfassend ergänzt. Seit­dem ist das Gebäude ein Glanzstück mod­ern­er Funk­tion­al­ität im his­torischen Gewand: „Das Haus zeigt sich nun gut durch­lüftet, die ein­stige Düster­n­is ist kräftig aufge­hellt wor­den. Nuss­baum- und Ahorn­vertäfelun­gen ver­lei­hen den Speis­eräu­men und Salons gle­ich­wohl Intim­ität und Wärme, die dem eisi­gen Flughafen­in­terieur des gegenüber­liegen­den Reich­stags ganz fremd ist.“ (so wird auf S. 180 ein FAZ Artikel zitiert)

Das Buch überzeugt durch Ein­blicke in die Architek­tur und Innenein­rich­tung anhand auf­schlussre­ich­er Fotografien und von Bau­plä­nen. Die so unter­schiedlichen Nutzun­gen (von der Präsi­dentschaft eines Par­la­ments mit sehr eingeschränk­ter Macht, dem par­la­men­tarischen Leben bis zum Ende der ersten deutschen Demokratie 1933 und der wech­selvollen Nutzung des Haus­es während der NS- und DDR-Zeit) wer­den anschaulich. Auf ein wohl absichtlich ver­schwiege­nen, entschei­den­den poli­tis­chen Ter­min macht der Autor aufmerk­sam: am 20. 2.1933 traf sich die NS-Parteiführung mit den Spitzen der deutschen Wirtschaft, um im großen Aus­maß finanzielle Mit­tel für den Wahlkampf einzu­fordern. Alle führen­den Wirtschaftsvertreter spende­ten, obwohl Göring von der „let­zten Wahl in 100 Jahren“ sprach.

Nach­dem die Berlin­er Mauer jahrzehn­te­lang das Palais vom Reich­stags­ge­bäude getren­nt hat­te, es lange Zeit dem erfol­gre­ichen VEB Deutsche Schallplat­ten (mit den Labels Ami­ga und Eter­na) als Auf­nahmes­tu­dio und Leitungssitz diente, ist es heute als Sitz der Deutschen Par­la­men­tarischen Gesellschaft wieder ein Teil des poli­tis­chen Lebens in der Haupt­stadt.

Matthias C. Schütte: Das Reich­stagspräsi­den­ten­palais — Ein Haus und seine Geschichte, gebun­den, 240 Seit­en, 137 teils far­bige Abb., BeBra Ver­lag, Berlin 2025, ISBN 978–3‑8148–0316‑6, 38 €

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