Politische Theorie nach Machiavelli
Philipp Hölzing
Über Jahrhunderte war Machiavellis Lehre, dass der Zweck die Mittel heilige unter dem Begriff »Machiavellismus« weltweit vorherrschend. Machtpolitischer Realismus und ein Primat der Staatsräson wurden als weitere wichtige Elemente seiner Lehren betrachtet.
In der aktuellen Diskussion wird hingegen entweder der Republikaner Machiavelli in das Zentrum der Betrachtung gerückt oder der Demokrat und Klassentheoretiker.
Hölzing entwickelt in seinem Werk eine Ideengeschichte, die einen neuen Blick auf Machiavelli eröffnen soll. Mit dem Buch sollen die neuen Wege der Machiavelli-Forschung rekonstruiert werden. Es wurde nach Bekunden des Verfassers nach rund zwanzig Jahren der Beschäftigung mit den Ideen Machiavellis verfasst. Er greife darum teilweise bereits veröffentlichte Überlegungen auf, die überarbeitet beziehungsweise neu geschrieben worden seien.
Das Werk ist in fünf Kapitel gegliedert.
Im ersten Kapitel legt der Verfasser eine umfassende Rezeptionsgeschichte dar, die Machiavelli als Republikaner würdigt. Dabei geht es insbesondere um den Zusammenhang der beiden großen Werke Machiavellis, nämlich von Principe (Der Fürst), dem wohl bekanntesten Buch auf der einen und Discorsi (Das Wesen einer starken Republik) auf der anderen Seite.
Die beiden Bücher zeigen gegensätzliche, sich scheinbar widersprechende Seiten Machiavellis, nämlich einerseits den skrupellosen Berater eines Alleinherrschers und andererseits den Theoretiker einer freiheitlichen Republik. Der Verfasser unterbreitet hierzu einen republikanischen Vermittlungsvorschlag, der für seine weiteren Gedanken zu Machiavellis Republikanismus die Basis bildet.
Die Grundthese des Verfassers lautet, dass sich das Gesamtwerk Machiavellis optimal erschließen lasse, wenn man ihn als Republikaner begreife ohne die anderen Aspekte von dessen Werken auszublenden. Er erscheine dann als Republikaner, der Probleme des Liberalismus antizipiere, indem er „die wechselseitige Verwiesenheit von republikanischer Ordnung und einer republikanischen Kultur der Freiheit thematisiert“. Principe und Discorsi stünden so in einem Ergänzungsverhältnis, wobei ersteres als Anleitung zur Bewältigung der Krise zu sehen sei und zweitgenanntes Werk der Perfektionierung in der Republik dienen solle. Es handele sich damit um Entwicklungsstufen zu einem vollkommenen republikanischen Staatswesen.
Die Republik müsse dabei nach Machiavelli nicht nur institutionell so beschaffen sein, dass sie von ihren Bürgern getragen werde, sondern so, dass diese sich deren Bedeutung und ihres Wertes stets bewusst sein müssten, so dass sie, ggf. auch mit Gewalt, bereit sein müssten, im Falle von deren Gefährdung etwa durch Korruption, ihren Ursprungszustand wiederherzustellen. Der Verfasser unterstreicht dies mit dem treffenden, zeitlos aktuellen Zitat:„Wie nämlich zur Erhaltung guter Sitten Gesetze nötig sind, so sind auch zur Beachtung der Gesetze gute Sitten erforderlich“.
Im zweiten Kapitel behandelt Hölzing Probleme sozialer Verteilungsungerechtigkeit und ihrer Folgen für die Republik. Machiavellis Ausführungen insbesondere zum Klassenkampf zwischen den Herrschenden und dem gemeinen Volk werden untersucht und dessen Theorien zu übergroßem Reichtum und seinen Folgen sowie den Risiken, die ein übermächtiger Kapitalbereich für die Republik mit sich bringt, dargelegt.
Machiavelli lege demnach eine Theorie dar, die „radikal egalitaristisch ausgerichtet ist und die Freiheit der Republik und ihrer Bürger zum Ziel hat“.
Anthropologisch sei dabei die ungleiche Verteilung eine Folge der egoistischen menschlichen Natur sowie der ungleichen Segnung mit Fähigkeit und Glück. Moralisch führe übermäßiger Reichtum zu Faulheit und Lasterhaftigkeit. Sozioökonomisch sei die Ungleichheit ein Kennzeichen aller Gesellschaften. Politisch sei der Klassenkonflikt jedoch, sofern er institutionell abgesichert sei, ein produktiver freiheitsfördernder Faktor des republikanischen Gemeinwesens.
Könne die Gier der Reichen allerdings nicht im Rahmen der vorgesehenen institutionellen Wege eingeschränkt werden, drohe Bürgerkrieg und der Griff zu illegalen Methoden der Interessendurchsetzung. Die Folge seien entweder ein Ende der demokratischen Republik und Tyrannei oder das Volk entledige sich mit Gewalt der Reichen mit dem Ziel der Wiederherstellung der Republik in ihrem ursprünglichen Sinne.
Im dritten Kapitel beschäftigt sich der Autor mit dem Thema Gewalt, das er zu Recht als einen der neuralgischen Punkte der Thesen Machiavellis bezeichnet, da dieser nach allgemeiner Meinung die Lehre, dass der Zweck jedes Mittel heilige, befürworte. Hölzing kommt hingegen zu dem Ergebnis, Machiavelli sei ein früher Repräsentant einer ethisch-philosophischen Lehre, die insbesondere die Folgen der jeweiligen Handlungen im Blick habe. Der tugendhafte Herrscher müsse sowohl das Recht als auch Gewalt in der Politik einsetzen, wobei das Recht das menschliche und Gewalt das tierische Mittel sei. Da das erste Instrumentarium aufgrund der schlechten menschlichen Natur und der Rolle der Fortuna nicht immer erfolgreich sei, müsse er mitunter zum zweiten greifen. Dabei müsse er so schlau und verschlagen wie ein Fuchs und so furchterregend wie ein Löwe vorgehen. Moralisch schlechte Mittel könnten so gute und moralisch gute schlechte Folgen haben.
Wenn sich ein Staat formell konstituiert habe, werde es nach Machiavelli in seinem Werk „Der Fürst“ stets zu Unterdrückung und politischer Gewalt kommen, die schließlich zu einer Revolution führe. Der neue Herrscher solle dann Gewalt klug einsetzen. Er solle notwendige Gewalttaten vorher bedenken und auf einen Schlag ausführen, so dass er sich nach erfolgter Beruhigung des Volkes Wohltaten zuwenden könne. Er dürfe den Ruf der Grausamkeit nicht fürchten, denn einige verhängte Strafen seien menschlicher als übertriebene Nachsicht, die zu Unordnung und schließlich zu Raub und Mord führten. In einer Republik oder einem Gemeinwesen, in dem das Volk an der Machtausübung beteiligt sei, sei der Zwang zur Gewalt jedoch gering. Auch in der Republik könne es allerdings Zwang zu Gewalt und hohen Strafen geben, um zu ihrem Ursprung zurückzukehren, wenn es Fehlentwicklungen gegeben habe. Herrscher sollten darum Gewalt klug und instrumentell einsetzen. Das Gleiche gelte zudem auch für die Religion, die zu fördern sei, auch wenn die Herrscher deren Grundlagen für falsch hielten.
Der Verfasser kommt zu dem Resultat, Machiavelli bevorzuge eine Reihe von Werten wie Stabilität, Sicherheit, Freiheit und Ruhm, die seine republikanische Ausrichtung fundierten. Alles politische Handeln müsse daraufhin beurteilt werden, inwieweit es der Verwirklichung dieser Werte diene. Das Handeln werde aber in Bezug auf diese Parameter auch kontrolliert und damit begrenzt. Hölzing räumt allerdings ein, dass diese Theorie aufgrund ihrer Aufgeschlossenheit für Gewalt einen erheblichen Anteil an Radikalität enthalte.
Das vierte Kapitel beschäftigt sich vertieft mit dem Löwen und dem Fuchs, zwei der bekanntesten Tierfiguren in Machiavellis Werken. Der Verfasser hat diesen von ihm als „spielerisches Kapitel“ bezeichneten Teil in sein Buch aufgenommen, da dies nach seiner Auffassung eine vielfach vernachlässigte bildliche Ebene der politischen Theorie und der politischen Denkweise Machiavellis sei.
Der ideale Machthaber solle nach Machiavelli stark, furchterregend, klug und verschlagen sein, also eben wie eine Mischung aus Löwe und Fuchs. Hölzing arbeitet im Einzelnen heraus, dass es vor allem bei bei Cicero ein Gegenmodell zu Machiavellis Löwe und Fuchs in der Antike gebe, während die europäische Fabelwelt wie u.a. das Beispiel von Lessing zeigen soll, verschiedene Charakterisierungen der Tiere kenne.
Das Fazit des Autors lautet, Machiavellis „politische Zoologie“ sei von einem radikalen Bruch mit der christlich-humanistischen Tradition geprägt, sie enthalte jedoch gleichzeitig eine republikanische Stoßrichtung.
Im fünften Kapitel wendet sich Hölzing schließlich dem »radikalen Machiavellismus« zu und unternimmt den Versuch, dessen zentrale Theorieentwicklung nachzuverfolgen. Ausgehend von Gramscis „Philosophie der Praxis“ über „Althussers „aleatorischen Materialismus“ bis hin zu der »rebellierenden Demokratie« Abensours und weiteren Autoren stellt er die Entwicklung und das Zusammenlaufen der Themen Republikanismus und Radikalismus dar. Er kommt zu dem Schluss, dieser„radikale Machiavellismus“ sei heutzutage ein „zentraler Rezeptionsstrang“ neben der angelsächsischen Republikanismuskonzeption. Beide zusammen bildeten die Basis für die aktuelle Diskussion über eine „radikalen Machiavelli“.
In einem Abschlusskapitel fasst der Autor schließlich seine Ergebnisse in fünf zentralen Thesen zusammen. Sein Gesamtfazit lautet, dass ein in der Nachfolge Machiavellis stehender radikaler Republikanismus die Aufgabe habe, „dem Volk institutionelle Mechanismen an die Hand zu geben, um es vor der Herrschaft und Ausbeutung der Reichen zu schützen“. Dieser unterscheide sich damit grundlegend von dem modernen Liberalismus, dem es im Gegensatz dazu darum gehe, „wie er die Reichen vor dem Volk schützen“ könne.
Das Werk liefert einen interessanten, anspruchsvollen Lesestoff über die Theorien Machiavellis und ihre unterschiedlichen publizistischen Einordnungen im Lauf der Zeit. Man muss die Schlussfolgerungen des Verfassers allerdings nicht allen Punkten teilen. Dies gilt zum Beispiel für seine etwas eindimensionale Charakterisierung des Liberalismus und seiner Ziele, für den, anders als der Verfasser es darstellt, Freiheit, Gleichheit und Eigenverantwortung des einzelnen im Mittelpunkt stehen und die Einhegung staatlicher Macht durch Verfassungen, Gewaltenteilung und Individualgrundrechte prägende Elemente sind. Gerade das macht aber auch den Reiz der Lektüre von Hölzings Buch aus.
Philipp Hölzing, Republikanismus und Radikalismus, Politische Theorie nach Machiavelli, 220 Seiten, Klappenbroschur, Erste Auflage 2025, Verlag Matthes & Seitz Berlin, Preis: 16,00 €