Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters

Dies ist ein sehr per­sön­lich­es Buch. Es leis­tet das, was lange tabuisiert wurde, was das erst 2021 in Berlin eröffnete, zu stark im inter­na­tionalen Zusam­men­hang rel­a­tivierende Doku­men­ta­tion­szen­trum „Flucht, Vertrei­bung, Ver­söh­nung“ nicht ermöglicht: das über Gen­er­a­tio­nen wirk­ende Ver­brechen der Vertrei­bung emo­tion­al zu ver­mit­teln: Was bleibt heute vom Fluchtschick­sal? Wie gehen Fam­i­lien, wie gehen Gesellschaften, Deutsche, Polen und Tschechen mit der Ver­gan­gen­heit um? Wie geben sie ihre Ver­let­zun­gen und Alp­träume weit­er an die näch­ste Gen­er­a­tion.

Nach dem Tod des Vaters kehrt die Autorin in das schle­sis­che Dorf mit dem malerischen Namen zurück, nach Rosen­thal, das jet­zt Rózy­na heißt. Am 22. Jan­u­ar 2020 bricht sie auf und geht noch ein­mal den Weg sein­er Flucht 550 Kilo­me­ter nach West­en. Chris­tiane Hoff­manns Buch holt die Erin­nerung an Flucht und Vertrei­bung ins 21. Jahrhun­dert, es ver­schränkt ihre Fam­i­liengeschichte mit der His­to­rie. Beispiel­sweise besucht sie Reichenbach/Rychbach, wo die einzige in Schle­sien erhal­ten gebliebene Syn­a­goge ste­ht. Dort siedel­ten sich nach dem 2. Weltkrieg 18.000 Juden an. Nach den Pogromen in Kielce 1946 und weit­eren anti­semi­tis­chen Auss­chre­itun­gen ver­ließen fast alle Juden Polen.

Chris­tiane Hoff­mann: Alles, was wir nicht erin­nern — Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters, 279 S., Hard­cov­er mit 12 Abbil­dun­gen und 1 Karte, C.H. Beck Ver­lag, München 2022, ISBN 978–3‑406–78493‑4, 22 €