Willy-Brandt-Preis für Zeitgeschichte 2025 an Joey Rauschenberger verliehen
Träger des Preises des Jahres 2025 ist Joey Rauschenberger, der für seine Dissertation mit dem Thema „Wiedergutmachung für Sinti und Roma. Eine Praxisgeschichte der Entschädigung von NS-Unrecht in Baden-Württemberg 1945–1980,“ ausgezeichnet wurde. Rauschenberger ist Historiker und seit 2024 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Seminar der Universität Heidelberg.
Am 20. Januar 2026 fand im Forum Willy Brandt Berlin die Verleihungszeremonie für die Vergabe des Preises statt. Der Kuratoriumsvorsitzende der Stiftung, Bundestagspräsident a. D. Wolfgang Thierse, überreichte die Preisurkunde.Die Laudatio hielt Constantin Goschler, Professor für Zeitgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Die Kommission schreibt zur Begründung für die Auszeichnung: „Die Arbeit beleuchtet die soziale Praxis der Entschädigung, die Erfahrungswelt von Sinti und Roma im Prozess der Wiedergutmachung und richtet den Blick auf einen Bereich, der vielfach besonders undurchsichtig erscheint: die Amtsstuben und Verwaltungsbehörden sowie die Interaktion zwischen Antragstellenden und Verwaltungsbeamten. Rauschenberger begreift diese Geschichte sozialer Praktiken und Emotionen als eine besondere Form der ‚Kontaktzone‘. Die Studie weist weit über den regionalen Bezug hinaus und verbindet exemplarisch die Geschichte des Antiziganismus mit der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte.“
In seiner Dissertation geht der Preisträger der Frage nach, ob und in welcher Weise Sinti und Roma als Überlebende Opfer des NS-Regimes durch die Bundesrepublik für erlittenes Unrecht entschädigt wurden. Dafür wertete er systematisch Einzelfallakten von 311 individuellen Entschädigungsverfahren der Wiedergutmachungsämter des Landes Baden-Württemberg sowie seiner drei Vorgängerländer aus. Wesentliches Ergebnis der Arbeit ist, dass diese Verfolgtengruppe des Nazi-Regimes von den Behörden hinsichtlich der Entschädigungszahlungen weniger diskriminiert wurde, als dies bislang Stand der einschlägigen Forschung war. 86,6% aller Antragsteller haben danach bis 1979 Entschädigung erhalten. Unter den Opfern von Deportationen in Konzentrations- und Vernichtungslager lag die Anerkennungsquote bei 98,9%.
Erklärungen für die gleichwohl vorhandene Unzufriedenheit der Betroffenen sieht der Autor in der Verwaltungspraxis der Entschädigungsverfahren. Das betreffe den häufig späten Zeitpunkt der Bewilligung der Zahlungen, die Folge der juristisch-administrativen Anforderungen der Verfahrensabläufe gewesen seien, denen die Entschädigungsbehörden und ‑gerichte unterlegen hätten. Diese seien nur schwerlich mit den individuellen subjektiven Erwartungen der Betroffenen auf schnelle Entschädigung zu vereinbaren gewesen. Ein wesentlicher Faktor waren nach Auffassung des Verfassers darüber hinaus aber auch die teilweise intensiven und schwierigen zwischenmenschlichen Kontakte, die es im Verlauf der Entschädigungsverfahren gegeben habe und die beidseitiges Unverständnis und Frustrationen zur Folge gehabt hätten. Negative Projektionen auf beiden Seiten hätten dabei eine Spirale der wechselseitigen Befremdung in Gang gesetzt.
Joey Rauschenberger, Wiedergutmachung für Sinti und Roma. Eine Praxisgeschichte der Entschädigung von NS-Unrecht in Baden-Württemberg 1945–1980, erscheint im Sommer 2026 in der Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte im DeGruyter Oldenbourg Verlag.