Magazin für Kultur

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Aus dem Schönen leben

Kaum das Abitur in der Tasche, weiß Vik­tor, was er beru­flich wer­den möchte: freier Kün­stler. Seine Zeich­nun­gen und Ölgemälde lassen Poten­zial erken­nen und einige sein­er Werke wur­den sog­ar schon in ein­er lokalen Galerie aus­gestellt.

Der Roman “Schönes Leben” von Volk­er Kamin­s­ki beschreibt die Stu­dien­zeit des jun­gen Kün­stlers Vik­tor Diebig in den 1980er Jahren in Karl­sruhe. Vik­tor ist ziel­stre­big, aber er ist sich auch bewusst, noch am Anfang zu ste­hen. Das nötige Handw­erk­szeug möchte er an der Karl­sruher Kun­stakademie erler­nen. Vik­tor wird angenom­men und die eigentliche Lehrzeit begin­nt. Anders als im klas­sis­chen Entwick­lungsro­man führen ihn seine Lehr­jahre nicht auf Wan­der­schaft in die weite Welt hin­aus. Doch die Auseinan­der­set­zung mit der Kun­st ermöglicht ihm eine beständig reifer wer­dende Beziehung zur Welt.

Zu Beginn sein­er Stu­dien­zeit dient Vik­tor die Kun­st eher als Flucht vor der Wirk­lichkeit: ‘Ich füh­le mich fast wieder wie mit sechzehn, als alles anf­ing und ich das Schöne suchte als Gegen­mit­tel zu unserem Fam­i­lien­leben und allem Hässlichen in der Welt.’ (179) Tat­säch­lich scheint ein Gegen­mit­tel nötig zu sein, um das ver­bit­terte Fam­i­lien­leben zu ertra­gen. In Vik­tors Eltern­haus hängt der Haussegen oft schief. Das geht sog­ar so weit, dass sich die Eltern andro­hen, einan­der zu ermor­den. Die Eltern ver­legen sich dann doch auf zivilere Tren­nungsmeth­o­d­en, doch die schwieri­gen Fam­i­lien­ver­hält­nisse belas­ten Vik­tor und die übri­gen Fam­i­lien­mit­glieder schw­er. Für die Hand­lung des Romans wird die kom­plexe Vater-Sohn-Beziehung wichtig. Zwar ist der Vater stolz auf Vik­tor und prahlt ein ums andere Mal mit dem Tal­ent seines Sohnes; ander­er­seits zweifelt der Vater daran, dass der Sohn sich als freier Kün­stler behaupten kön­nen wird. Die eigene Ver­gan­gen­heit als ‘Ost­flüchtling’ hat den Vater gegenüber unsicheren Beschäf­ti­gungsver­hält­nis­sen und fehlen­den sozialen Absicherun­gen skep­tisch wer­den lassen. Hinzu kommt, dass Vik­tor mit der Wahl sein­er Motive keines­falls den gängi­gen Pub­likums­geschmack trifft. Ein bevorzugtes Sujet Vik­tors sind Knochen und Skelette. Die nat­u­ral­is­tis­che Darstel­lung von Kör­pern ist stel­len­weise ent­fremdet und legt den Blick auf blanke Knochen frei. Was in Vik­tors Augen ein “memen­to mori”-Moment her­vor­ruft, stößt auf Ablehnung beim Pub­likum, das sich nicht von einem Zwanzigjähri­gen an die eigene Sterblichkeit erin­nern lassen will. Sollte Kun­st gefall­en? Was ist die Rolle der Kun­st inner­halb der Gesellschaft? Inwiefern kann sie Spiegel der Zeit sein und zugle­ich ihre Unab­hängigkeit vom Zeit­geist bewahren? Vik­tor macht sich die Antworten auf diese Fra­gen nicht ein­fach. Allerd­ings ist es beze­ich­nend, dass der Pro­fes­sor, dessen Klasse Vik­tor an der Kun­stakademie ange­hört, ihn in ein­er Szene ermah­nt: „Sie soll­ten dich den Ver­bohrten nen­nen“ (108). Die Ver­bohrtheit, mit der Vik­tor immer wieder diesel­ben Knochen­mo­tive malt, ist symp­to­ma­tisch für seine Ent­frem­dung von sein­er Umwelt. Er kapselt sich von Fam­i­lie und Kom­mili­to­nen ab und die daraus resul­tierende Iso­la­tion drückt sich auch in den Motiv­en sein­er Arbeit aus.

In dem Maß, in dem Vik­tor jedoch neue Aus­drucks­for­men in sein­er Kun­st zulässt, öffnet er sich auch gegenüber anderen Per­so­n­en und lässt sich auf ungeah­nte Möglichkeit­en ein, die sich ihm eröff­nen. Am Ende scheint Vik­tor durch das Medi­um der Kun­st einen Weg gefun­den zu haben, sich auf die Welt und ihre Her­aus­forderun­gen einzu­lassen.

Ins­ge­samt präsen­tiert Volk­er Kamin­s­ki mit “Schönes Leben” die nuancierte Charak­ter­studie eines jun­gen Kün­stlers und fängt dabei das Set­ting des akademis­chen Kun­st­be­triebs gekon­nt ein.

Volk­er Kamin­s­ki: Schönes Leben, Pal­mArt­Press 2025, ISBN 978–3‑96258–227‑2, gebun­dene Aus­gabe, 25 Euro.

Das Abenteuer des großen Meaulnes

Der Roman “Der große Meaulnes” von Hen­ri Alain-Fournier erzählt von der Sehn­sucht nach einem “ver­lore­nen Land”, in dem sich erfüllen würde, was der Titel­held, Augustin Meaulnes, am meis­ten begehrt.

Erzählt wird die Geschichte von Meaulnes’ bestem Fre­und, dem anfangs 15-jähri­gen François Seurel. Gemein­sam gehen sie auf eine von Seurels Eltern geleit­ete Schule in der fik­tiv­en Kle­in­stadt Sainte-Agathe, in der zen­tral­franzö­sis­chen Sologne. Meaulnes kam neu in die Klasse, gibt jedoch schnell den Ton an und wird von allen nur “der große Meaulnes” genan­nt. Die von Wäldern und Seen geprägte Land­schaft der Sologne nährt die Aben­teuer­lust der Jugendlichen. Die Klassenkam­er­aden von Seurel und Meaulnes touren mit dem Fahrrad über die Land­straße oder schle­ichen sich hin­aus in den Wald, um Grün­spechtnester auszuheben. Doch keines dieser Aben­teuer kommt an das her­an, das der große Meaulnes erlebt hat:

Meaulnes’ Aben­teuer ereignete sich in jen­em “ver­lore­nen Land”, das for­t­an zum Kristalli­sa­tion­spunkt all sein­er Wün­sche und Bestre­bun­gen wird. Eines Nachts fand er sich nach einem miss­lun­genen Stre­ich an einem namen­losen Schloss wieder, ohne zu wis­sen, wie er dor­thin gelangt war. Ehe er sich’s ver­sah, war er Gast eines wun­der­samen Kostüm­festes. Sog­ar ein Kostüm lag für ihn bere­it. Es war ein Ort der Ein­tra­cht und der Abgeschieden­heit, an dem Fremde sich als Fre­unde begeg­neten und die Welt um sich herum ver­gaßen: “Unter diesen Tis­chgenossen war nie­mand, in dessen Gegen­wart sich Meaulnes nicht wohl gefühlt und dem er nicht ver­traut hätte.” (82) Die Begeg­nung mit einem schö­nen Mäd­chen namens Yvonne de Galais, der Tochter des Schlossh­er­rn, wird für Meaulnes zu ein­er Offen­barung des Glücks. Obwohl dieses Glück zum Greifen nahe schien, entzieht es sich ihm doch und es bleibt nur eine Erin­nerung: “Mit welch­er Erre­gung dachte Meaulnes später an die Minute, in der am Ufer des Teich­es das seit­dem ver­loren gegan­gene Gesicht des Mäd­chens dem seinen so nahe gewe­sen war!” (93f.)

Abrupt ist das Fest zu Ende und Meaulnes zurück in Sainte-Agathe. Zwis­chen Wehmut nach dem Ver­lore­nen und Sehn­sucht nach Erfül­lung ver­sucht Meaulnes das ver­wun­sch­ene Schloss und die junge Schlossh­er­rin wiederzufind­en. Doch das “ver­lorene Land” ist auf kein­er Karte eingeze­ich­net. Es ist schließlich sein Schul­fre­und Seurel, der Meaulnes eine Möglichkeit eröffnet, an die er nicht mehr zu glauben gewagt hat. Doch kann das Glück, das ein­mal möglich zu sein schien, Wirk­lichkeit wer­den, nach­dem es bere­its ver­loren war? Meaulnes fühlt die Dis­tanz, die ihn von sein­er Ver­gan­gen­heit tren­nt: “Aber inzwis­chen bin ich überzeugt, dass ich, als ich das namen­lose Schloss ent­deck­te, in einem Zus­tand solch­er Vol­lkom­men­heit und Rein­heit war, wie ich ihn nie mehr erre­ichen werde.” (222) Klar ist, dass das Aben­teuer, in das Meaulnes hineinger­at­en war, längst nicht zu Ende ist. Das “ver­lorene Land” wartet darauf, in der Zukun­ft wieder­ent­deckt zu wer­den.

Hen­ri Alain-Fournier: Der große Meaulnes, Thiele Ver­lag 2014, ISBN: 978–3‑85179–317‑8.

Der andere Impressionismus

Inter­na­tionale Druck­graphik von Manet bis Whistler

Dieses her­aus­ra­gende Kat­a­log­buch zur aktuellen Ausstel­lung im Kupfer­stichk­abi­nett Berlin und im Bar­beri­ni Pots­dam (24. Sep­tem­ber 2024 bis 12. Jan­u­ar 2025) begeis­tert weil es mehr bietet als die Ausstel­lung selb­st. Durch die Möglichkeit, diesen Höhep­unk­ten der Grafik-Kun­st ein­er ver­tieften Betra­ch­tung zukom­men zu lassen, gibt es nur in diesem Buch (in den bei­den Ausstel­lun­gen kann man diesen meist kle­in­for­mati­gen Werken nicht näher treten, zudem muss oft stel­len­weise ein Lichtschutz abgenom­men wer­den). Diese Ausstel­lun­gen machen bewusst, dass es auch in der Grafik schon früh impres­sion­is­tis­che Strö­mungen gab (früher als in der ersten Impres­sion­is­ten Ausstel­lung im Jahr 1874, die jet­zt der Anlass für das 150jährige Jubiläum ist). Son­nenaufgänge, Seerosen, far­bige Licht- und Schat­ten­ef­fek­te. Fast jed­er hat eine Vorstel­lung davon, was ein impres­sion­is­tis­ches Bild aus­macht. In der inter­na­tionalen Druck­grafik sind atmo­sphärische Phänomene – von blenden­der Sonne über Regen, Dun­st bis hin zu Smog – gle­ich­falls häu­figer Gegen­stand: Auch Maler­radier­er haben zum Teil direkt vor der Natur und mit der für diesen Stil charak­ter­is­tis­chen Spon­tan­ität Werke von hoher kün­st­lerisch­er Indi­vid­u­al­ität entste­hen lassen, in denen die Welt neu gese­hen wird. Über­ar­beitun­gen machen aus jedem Abzug ein Orig­i­nal.
Das Berlin­er Kupfer­stichk­abi­nett präsen­tiert 110 sel­ten oder nie gezeigte grafis­che Blät­ter von 40 Kün­st­lerin­nen und Kün­stlern, darunter so berühmte Namen wie Édouard Manet, Auguste Renoir, Mary Cas­satt, James Whistler und Less­er Ury. Let­zter­er wird zusam­men mit Anders Zorn und Franz Skarbina schließlich auch noch zum Impres­sion­is­mus gezählt, zeitlich gewagt, aber von der Gestal­tung und Wirkung dur­chaus berechtigt.

Der andere Impres­sion­is­mus – Inter­na­tionale Druck­graphik von Manet bis Whistler, 208 Seit­en, 147 Farb- und 3 sw-Abbil­dun­gen, Michael Imhof Ver­lag, Peters­berg 2024, ISBN: 978–3‑7319–1433‑4 , 29,95 €

Verdienstvolle Würdigung wenig bekannter Architekten

Die Architek­turhis­torik­erin Ulrike Eich­horn leis­tet mit ihren Mono­grafien zum Wirken bekan­nter Architek­ten in Berlin ver­di­en­stvolle Arbeit und wen­det sich jet­zt zusam­men mit dem Autor Klaus Dettmer den weniger bekan­nten Architek­ten zu, die u.a. im Berlin­er Nor­den zahlre­iche Baut­en hin­ter­lassen haben. Dieses han­dliche Buch eignet sich für Architek­tur­rundgänge, führt in die Geschichte der Architek­tur auf dem Weg in die Mod­erne ein und führt in die so unter­schiedlichen Lebenswege u.a. der Architek­ten Paul Baum­garten, Wern­er Issel, Gus­tav Lilien­thal, Eugen Schmohl, Jean Krämer, Her­mann Blanken­stein, Mar­tin Punitzer und Bruno Buch ein (die für Ken­ner der Architek­turgeschichte, ins­beson­dere der Indus­triekul­tur so unbekan­nt nicht sind). Die Einen­gung im Titel auf Reinick­endorf ist etwas irreführend und erschw­ert das weit­ere Bekan­ntwer­den dieser ver­di­en­stvollen Neuer­schei­n­ung, geht es doch um „Schöpfer…, die nicht nur in Reinick­endorf, son­dern in ganz Berlin ihre Spuren hin­ter­ließen und die Stadt maßge­blich gestal­teten.“ (S. 5) – wie die Bezirks­bürg­er­meis­terin richtig in ihrem Gruß­wort schreibt. Grund­lage ist die Lan­des­denkmalliste. Das Buch enthält 16 Biografien und Werkverze­ich­nisse, schließt mit einem bestens recher­chierten Lit­er­aturverze­ich­nis, das sel­ten in einem Region­alar­chitek­tur­führer zu find­en ist.

Ulrike Eichhorn/Klaus Dettmer: Im Schat­ten bekan­nter Baumeis­ter: Auf dem Weg in die Mod­erne in Reinick­endorf, 134 Seit­en, 72 Abbil­dun­gen, 6 Über­sicht­spläne, Soft­cov­er, Edi­tion Eich­horn, Berlin 2024, ISBN 978–3‑759870–62‑9, 19,99 €.

Denis Schecks tiefe Einsichten zum Lesen

Lit­er­aturkri­tik­er Denis Scheck gibt in seinem neuen Buch einen Rück­blick über die SPIEGEL-Best­sellerlis­ten der let­zten 20 Jahre. Man kann sich fra­gen: Welchen Sinn hat das außer Ärg­er über die Verkauf­ser­folge von Büch­ern, die Aus­druck des Mas­sen­geschmacks sind (wie Scheck immer wieder betont)? Tat­säch­lich ist es aber ein reizvoller Rück­blick auf die let­zten 20 Jahre, denn die Best­sellererfolge spiegeln Entwick­lun­gen in der Gesellschaft und immer wieder gelingt aus nicht nachvol­lziehbaren Grün­den guten Büch­ern der Sprung in die Best­sellerlis­ten (das sind dann von Scheck begrün­dete Leseempfehlun­gen). Scheck bre­it­et seine wirk­lich umfassende All­ge­mein­bil­dung aus (wie ist ein so großes Lesevol­u­men zu schaf­fen?), ver­mit­telt inter­es­sante Infor­ma­tio­nen zum Entste­hen von Best­sellerlis­ten, vor allem aber gibt er pro­fund begrün­dete Antworten auf diese Fra­gen: Kön­nen Büch­er Trost spenden? Lesen Büch­er ihre Leser? Kön­nen Büch­er Fre­unde sein? Tau­gen Büch­er als Ther­a­pie? Zählen Geschichts­büch­er zur Lit­er­atur? Was erzählen Büch­er über die Natur? Leben Lesende Länger? Wie verän­dern Büch­er unser Leben? Machen uns Büch­er zu besseren Men­schen? Warum sind so viele Büch­er Krim­is? Sind Büch­er Zeit­maschi­nen? Stiften Büch­er Werte? Sind Büch­er Spiegel oder Fen­ster? Kann man aus Büch­ern lieben ler­nen? Kön­nen Büch­er die Zukun­ft vorher­sagen? Ret­ten Büch­er Leben?

Denis Scheck: Schecks Best­seller Bibel – Schätze und Schund aus 20 Jahren, Piper Ver­lag, München 2024, 432 Seit­en, Hal­bleinen­band, EAN 978–3‑492–07294‑6, 28.00 €.

Treffendes Zeitpanorama

Die Krim­i­nal­ro­mane um Kom­mis­sar Gere­on Rath, die mit diesem zehn­ten Band ihren Abschluss find­en, sind vor allem deshalb sehr lesenswert, weil sie nicht nur span­nende Hand­lun­gen, tre­f­fende Per­so­n­en- und Milieubeschrei­bun­gen bieten, son­dern Zeit­panora­men bieten, deutsche Zeit­geschichte erleb­bar machen. Über­wiegend spie­len die Romane in Berlin, das ken­nt­nis­re­ich und pointiert geschildert wird („Stadt voller unge­ho­bel­ter Ego­is­t­en…“ S. 134). Die Buchrei­he begann zum Ende der Weimar­er Repub­lik und endet jet­zt mit der aus mehreren Per­spek­tiv­en geschilderten Pogrom­nacht Novem­ber 1939, der erste Höhep­unkt der Juden­ver­fol­gun­gen. Das Wesen des NS-Ter­rorsys­tem wird in fast allen Begeg­nun­gen und Hand­lungssträn­gen des Romans erleb­bar, insofern ist er keine angenehme Lek­türe, wenn auch sel­tene Glücksmo­mente (wie das Leben in Ade­nauers Fam­i­lie oder die Fre­und­schaft Friedrichs mit einem Jun­gen aus jüdis­ch­er Fam­i­lie) geschildert wer­den und manche beson­ders bru­tale NS-Amt­sträger gerächt wer­den. Volk­er Kutsch­ers Romane bilden die Grund­lage für die  Kult­serie „Baby­lon Berlin“. Die Sky- und ARD-Serie gilt als eine der erfol­gre­ich­sten deutschen Fernseh­pro­duk­tio­nen, ist aber weit reißerisch­er, ent­fer­nt sich oft von den so gelun­genen Roman­vor­la­gen.

Volk­er Kutsch­er: Rath, 624 Seit­en, Hard­cov­er mit Schutzum­schlag  Piper Ver­lag, München, Okto­ber 2024, EAN 978–3‑492–07410‑0, 26.00  €.

Der andere Impressionismus

Dieses her­aus­ra­gende Kat­a­log­buch zur aktuellen Ausstel­lung im Kupfer­stichk­abi­nett Berlin und im Bar­beri­ni Pots­dam (24. Sep­tem­ber 2024 bis 12. Jan­u­ar 2025) begeis­tert, weil es mehr bietet als die Ausstel­lung selb­st. Die Möglichkeit, diesen Höhep­unk­ten der Grafik-Kun­st eine ver­tiefte Betra­ch­tung zukom­men zu lassen, gibt es nur in diesem Buch (in den bei­den Ausstel­lun­gen kann man diesen meist kle­in­for­mati­gen Werken nicht näher treten, zudem muss oft stel­len­weise ein Lichtschutz abgenom­men wer­den). Diese Ausstel­lun­gen machen bewusst, dass es auch in der Grafik schon früh impres­sion­is­tis­che Strö­mungen gab (früher als in der ersten Impres­sion­is­ten Ausstel­lung im Jahr 1874, die jet­zt der Anlass für das 150jährige Jubiläum ist). Son­nenaufgänge, Seerosen, far­bige Licht- und Schat­ten­ef­fek­te. Fast jed­er hat eine Vorstel­lung davon, was ein impres­sion­is­tis­ches Bild aus­macht. In der inter­na­tionalen Druck­grafik sind atmo­sphärische Phänomene – von blenden­der Sonne, über Regen, Dun­st, bis hin zu Smog – gle­ich­falls häu­figer Gegen­stand: Auch Maler­radier­er haben zum Teil direkt vor der Natur und mit der für diesen Stil charak­ter­is­tis­chen Spon­tan­ität Werke von hoher kün­st­lerisch­er Indi­vid­u­al­ität entste­hen lassen, in denen die Welt neu gese­hen wird. Über­ar­beitun­gen machen aus jedem Abzug ein Orig­i­nal. Das Berlin­er Kupfer­stichk­abi­nett präsen­tiert 110 sel­ten oder nie gezeigte grafis­che Blät­ter von 40 Kün­st­lerin­nen und Kün­stlern, darunter so berühmte Namen wie Édouard Manet, Auguste Renoir, Mary Cas­satt, James Whistler und Less­er Ury. Let­zter­er wird zusam­men mit Anders Zorn und Franz Skarbina schließlich auch noch zum Impres­sion­is­mus gezählt, zeitlich gewagt, aber von der Gestal­tung und Wirkung dur­chaus berechtigt.

Der andere Impres­sion­is­mus – Inter­na­tionale Druck­graphik von Manet bis Whistler, 208 Seit­en, 147 Farb- und 3 sw-Abbil­dun­gen, Michael Imhof Ver­lag, Peters­berg 2024, ISBN: 978–3‑7319–1433‑4 , 29,95 € .

und Julia Kratzer

Über die Möglichkeit, sich selbst zu überleben

Wie oft stirbt ein Men­sch im Laufe seines Lebens? Und was ist nötig, damit er sich selb­st über­lebt? Diese Fra­gen the­ma­tisiert die pol­nis­che Lit­er­aturnobel­preisträgerin Olga Tokar­czuk in ihrem Roman “Anna In”.

Die Stadt, in der die Geschichte spielt, ist auf Ruinen erbaut, darunter liegen die Katakomben. Das sind zwei Wel­ten: Die Stadt ist die Welt der Leben­den und die Katakomben die Welt der Toten und der Dämo­nen. Um die Katakomben zu betreten, muss man ein ehernes Tor passieren. Ein­lass wird nur den­jeni­gen gewährt, die zum Tode bes­timmt sind. Doch stärk­er als durch die räum­liche Tren­nung, die durch das Tor versinnbildlicht wird, sind die bei­den Wel­ten durch ein unum­stößlich­es Gesetz voneinan­der getren­nt: Wer die Katakomben betritt, kehrt nicht mehr in die Stadt zurück. 

Eine Reise an die Grenzen des Seins

Zu Beginn des Romans ler­nen wir die Titel­heldin Anna In ken­nen, sie ist eine Göt­tin der Liebe und des Krieges und herrscht über die Stadt. Doch erzählt wird die Geschichte nicht von ihr, son­dern von ein­er Vielzahl ander­er Stim­men. Eine von ihnen ist Nina Šubur, die sich als “Ich-Jede” vorstellt, ein gewöhn­lich­er Men­sch. Sie ist eng mit Anna In befre­un­det. Gemein­sam brechen sie zu ein­er Reise auf, doch Anna In weigert sich, das Reiseziel zu ver­rat­en. So fol­gen sie den weit verzweigten met­al­lenen Pfeil­ern, auf denen die Stadt errichtet ist, und die die unter­schiedlichen Ebe­nen der Stadt zusam­men­hal­ten. Aufzüge und Trep­pen­spi­ralen verbinden die Stadt­teile miteinan­der. Es gibt auch Rikschas, von stum­men Rikscha-Fahrern betrieben, die auf den Fahrsteigen dahin­ja­gen und rasch von Ebene zu Ebene sprin­gen kön­nen. Doch Anna In und ihre Fre­undin fol­gen dem labyrinthar­ti­gen Aufzugsys­tem. Mit ein­er Karte und einem Kom­pass aus­gerüstet, steigen sie in Aufzüge ein und wer­den ander­swo wieder aus­ge­spi­en, nur um bald in den näch­sten Aufzug umzusteigen. Über kurz oder lang stellt sich her­aus, wohin es Anna In zieht, näm­lich zu den Katakomben. Als sie am ehernen Tor zum Toten­re­ich ange­langt sind, berichtet Anna In, dass ihre Zwill­ingss­chwest­er, die Herrscherin des Toten­re­ichs, sie gerufen hat. Anna In hat die lei­d­volle Klage ihrer Schwest­er in ihrem Innern ver­nom­men: “Seit Tagen höre sie ihre Stimme, vielfach zurück­ge­wor­fen vom met­al­lenen Skelett der Stadt, wider­hal­lend in den Labyrinthen ihrer Ohren, der Ham­mer auf dem Amboss tönend wie eine Glocke.” (34) Es ist ein Rufen, dem sich Anna In nicht erwehren kann. Es ist der Ruf ihrer Schwest­er, der in ihr wider­hallt. Die Schwest­ern sind vere­int als Stimme und Res­o­nanzkör­p­er. Nina Šubur leuchtet diese beson­dere Verbindung ein: “Schwest­ern müssen schließlich eine Verbindung spüren, müssen sich ver­ste­hen […].” (35) Und so fol­gt Anna In dem Ruf ihrer Schwest­er und ver­schafft sich gebi­eter­isch Zugang zu den Katakomben.

Zwischen Kühnheit und Leichtsinn

Die Kühn­heit, mit der Anna In Ein­lass zum Toten­re­ich fordert, verblüfft nicht nur den Tor­wächter. “Weißt du auch, was du da tust?”, fragt dieser, nach­dem er sie ein­ge­lassen hat, und wird für einen kurzen Moment von dem Drang über­man­nt, “dieses leichtsin­nige junge Ding zu pack­en und wieder vor die Tür zu befördern” (41). Anna In hat das Toten­re­ich betreten, ohne zum Tode bes­timmt zu sein. Über die Kon­se­quen­zen ihres Han­delns scheint sie sich keine Gedanken zu machen. Der Tor­wächter fragt sich stumm: “Weiß sie, welche Strafe sie dafür erwartet? Es gibt keinen Weg zurück, sie ist so gut wie tot, das dumme Ding.” (47) Nimmt Anna In den Tod wil­lentlich in Kauf, um ihrer Schwest­er zu helfen? Diese Frage wird nicht ein­deutig beant­wortet. Es liegt aber nahe, dass sie sich eine solche Frage gar nicht gestellt hat. Es war das Näch­stliegende, der Schwest­er Bei­s­tand zu leis­ten; eine Verpflich­tung, die sie übern­immt, ohne darüber nachzu­denken. Dies wird ihr jedoch zum Ver­häng­nis.

Die Ein-Person-Rettungsaktion

Als Anna In nach drei Tagen nicht aus den Katakomben zurück­gekehrt ist, startet ihre Fre­undin Nina Šubur, die vor dem ehernen Tor gewartet hat, eine Ein-Per­son-Ret­tungsak­tion. Ihre Verzwei­flung wächst mit jedem Anlauf­punkt, den sie ans­teuert, und mit jedem Bittge­such, das abgelehnt wird. Sie wird bei Anna Ins Lieb­habern, Friseuren und Köchen vorstel­lig, ohne Hil­fe zu erhal­ten. Selb­st Anna Ins drei Göt­ter­väter weisen sie ab. Ein­er der Väter urteilt hart: “Sie aber, Anna In, ist nicht in der Lage sich anzu­passen. Sie ist asozial, agöt­tlich. Eine Diebin und Trinkerin. […] Eine Krawall­macherin.” (69) Am Ende beruft sich der Vater auf das Gesetz, das die Leben­den und die Toten voneinan­der schei­det: Nie­mand kann von den Katakomben in die Stadt zurück­kehren. “Ich kann sie nicht über das Gesetz stellen.” (69) Dieses Gesetz gle­icht der Schöp­fung­sor­d­nung: Was einen Anfang hat, muss auch ein Ende haben; was lebt, muss ein­mal ster­ben. Die Rück­kehr der Toten zu den Leben­den ist in der Schöp­fung­sor­d­nung nicht vorge­se­hen. Man kann dem Vater zugeste­hen, dass die Geset­zmäßigkeit­en der Schöp­fung nicht zur Dis­po­si­tion ste­hen.

Hier stellt sich die Frage, was die Fam­i­lie von Anna In zusam­men­schweißt. Ist es das Gesetz? Für Anna In selb­st spielte das Gesetz keine Rolle, als sie zu ihrer Schwest­er ins Toten­re­ich eilte. Das mag als unbeson­nen gel­ten: “Alles, was sie tut”, sagt ein ander­er der Göt­ter­väter, “tut sie unbeson­nen.” (61) Aber es ist auch ein Hin­weis darauf, dass es nicht das Gesetz ist, das die Schwest­ern miteinan­der verbindet. Vielmehr spürt Anna In eine intu­itive, unre­flek­tierte Verpflich­tung, der Schwest­er zu helfen. Eine Verpflich­tung, die das Gesetz mis­sachtet.

Eine neue Ordnung

Am Ende des Romans wird nicht das Gesetz das let­zte Wort haben. Stattdessen wird ein anderes Wort wichtig wer­den: Mitleid. Aus Mitleid wer­den manche der Pro­tag­o­nis­ten den Tod auf sich nehmen und aus Mitleid wird ihnen ein neues Leben geschenkt wer­den. In Tokar­czuks Roman stirbt ein Men­sch im Laufe seines Lebens mitunter viele Male. Was es möglich macht, dass er sich selb­st über­lebt, ist die Sol­i­dar­ität mit Wegge­fährten, die in ihrem Han­deln nicht auf das Gesetz beschränkt bleiben.

Olga Tokar­czuk: Anna In. Eine Reise zu den Katakomben der Welt, Kam­pa Pock­et 2024, ISBN 978 3 311 15055 8.

Die Postkarte

Spannende Recherche der jüdischen Familiengeschichte

Die Autorin Anne Berest erforscht in diesem Buch ihre eigene Fam­i­liengeschichte. Im Mit­telpunkt ste­ht ihre Groß­mut­ter, die sich als einzige ihrer in Frankre­ich inte­gri­erten Fam­i­lie der Ver­schlep­pung franzö­sis­ch­er Behör­den in deutsche Ver­nich­tungslager entziehen kon­nte. Sehr ein­fühlsam, voller per­sön­lich­er Emo­tion, authen­tisch auch durch zahlre­iche Quel­lenangaben schildert Anne Berest die andauernde Diskri­m­inierung und Ver­fol­gung jüdis­ch­er Mit­bürg­er, entsprechend der Aus­sage ihrer Groß­mut­ter zu ihren Eltern und Geschwis­tern „Ich darf sie nicht vergessen, son­st gibt es nie­man­den mehr, der sich daran erin­nert, dass sie gelebt haben“ (S.536). Vor den mehrfachen Vertrei­bun­gen und der Ver­nich­tung wäre die Fam­i­lie in Palästi­na geschützt gewe­sen (der entschei­dende Grund zur Grün­dung Israels). Das Buch ist auch ein span­nend geschriebenes Geschichts­buch: der Leser erfährt bis­lang wenig Bekan­ntes zu den anti­semi­tis­chen Maß­nah­men der franzö­sis­chen Behör­den nach 1940, aber auch zum doch wirk­samen Net­zw­erk der Résis­tance. Es spricht für die franzö­sis­che Gesellschaft, dass dieser aut­ofik­tionale Roman seit seinem Erscheinen im Sep­tem­ber 2021 auf den Best­sellerlis­ten ste­ht. Eine Auseinan­der­set­zung mit der Geschichte, gar ein Ver­ant­wortlich­w­er­den, zumin­d­est die notwendi­ge Erin­nerung zur Mah­nung find­et dem­nach auch in Frankre­ich statt.

Anne Berest: Die Postkarte, 539 Seit­en, Berlin Ver­lag, Berlin/München 2023, ISBN: 9783827014641, 28 €

Der neue Gereon-Rath-Roman

Schon sehr viel weiter als die Babylon Berlin Verfilmung: der 9. Gereon Rath Roman

Die erfol­gre­iche, auf zehn Bände angelegte Berlin Krim­i­nal­ro­man-Rei­he ist inzwis­chen schon im Jahr 1937 angekom­men. Ungewöhn­lich an diesem Band ist zum einen, dass gegenüber dem Vor­läufer „Olympia“ ein Zeit­sprung zurück erfol­gt. Gere­on Rath, der ehe­ma­lige Krim­i­nalkom­mis­sar hält sich noch unter falschem Namen in Wies­baden auf bevor er dann mit dem Luftschiff „Hin­den­burg“ nach New York reist, dort den Absturz über­lebt. Der Großteil des Romans spielt aber in Berlin, Char­lotte Rath klärt Morde auf, taucht in das Nachtleben ein, sorgt sich um ihren Pflege­sohn. Wieder gelin­gen dem Autor tre­f­fende Milieuschilderun­gen des von den Nazis beherrscht­en Berlins, ein­drück­liche, par­al­lel ver­laufende Hand­lungsstränge, sog­ar humor­volle Dialoge. Und es bleibt bis zum Schluss span­nend, schon wird die Spur zur Fort­set­zung gelegt. Gere­on Rath kehrt, nach­dem er seinen alten Wider­sach­er Mar­low aus­geschal­tet, hat mit dem Schiff nach Europa zurück.

Volk­er Kutsch­er: Transat­lantik, 488 Seit­en, Hard­cov­er mit Schutzum­schlag, Piper Ver­lag, München 2022, 978–3‑492–07177‑2, 26,00 € (D)

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