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Alte Wut

Warum ich an den Ort reiste, von dem mein Vater einst fliehen musste

Als Zehn­jähriger wurde der Vater der Autorin aus Ost­preußen ver­trieben. Er ver­lor seine Heimat, seine Kind­heit und erlebte die schreck­liche Gewalt der Vertrei­bun­gen. Achtzig Jahre später macht sich seine Tochter auf die 300 Kilo­me­ter lange Reise von München nach Osterode in Masuren ent­lang der Fluchtroute ihres Vaters. Sie will ver­ste­hen, warum sich die seel­is­chen Ver­let­zun­gen ihres Vaters in ihrem eige­nen Leben fortpflanzen kon­nten („…hin­ter­her­reist. Und damit auch dir selb­st – denn wenn du ehrlich bist, weißt du, dass es dieses Kind ist, das in deinem Herzen haust. Sein Schmerz ist dein Schmerz.“ S. 32). Wo liegt der Ursprung ihrer durch­lebten Mager­sucht, ihrer Kämpfe gegen Depres­sion und Burn-out? Wie vererben sich Trau­ma­ta von ein­er Gen­er­a­tion auf die näch­ste? Matzkos Vater trug zeitlebens diese „alte Wut“ über die Vertrei­bungser­fahrung mit sich. Sie äußerte sich in hefti­gen Wutaus­brüchen und beson­ders rigi­dem Kon­trolbedürf­nis. Vieles übertrug sich auf die Tochter. Mit scho­nungslos­er Offen­heit erzählt Caro Matzko in sehr direkt-per­sön­lich­er Erzählweise von ihrem Leben und der Reise in die Ver­gan­gen­heit.

Caro Matzko: Alte Wut — Warum ich an den Ort reiste, von dem mein Vater einst fliehen musste, 220 Seit­en, Fotos und Karte in den Buchin­nen­seit­en, ISBN 978–3‑492–07372‑1, Piper Ver­lag, München 2025, 24 €

Auch heute ist Heine noch um den Schlaf gebracht

Der Todestag eines Men­schen ist ein geeigneter Tag, sich zu fra­gen, was die jew­eilige Per­son ger­ade macht. Heute ist der Todestag Hein­rich Heines. Und wenn man wis­sen wollte, wie es Heine geht, kon­nte man ihn ein­fach hin­ter dem Kas­tanien­wäld­chen an der Hum­boldt-Uni­ver­sität in Berlin besuchen.

Das war ein pit­toreskes Fleckchen. Abgeson­dert von den Touris­ten­strö­men, die Unter den Lin­den hin­aufziehen. Im schweigsamen Schat­ten eines Neben­por­tals der Uni­ver­sität gele­gen. Von den Wipfeln des Kas­tanien­wäld­chens beschirmt.Das war ein Ort ganz nach Heines Geschmack. Denn Heine suchte schon zu seinen Lebzeit­en nach einem Ruhe­p­ol, beson­ders nach­dem seine schwere Krankheit ihn ans Bett fes­selte. Diese Suche führte ihn durch ganz Paris, wo er ins­ge­samt fün­fzehn Mal umge­zo­gen ist. Let­ztlich war seine Suche von vie­len Mis­ser­fol­gen geprägt.

Heine am Kas­tanien­wäld­chen

Lei­der ist auch sein Ruhe­p­ol hin­ter dem Kas­tanien­wäld­chen nicht von langer Dauer gewe­sen. Zwar verir­ren sich auch heute eher wenige Touris­ten zu Heine, das liegt aber an dem mon­strösen Bunker, den das Max­im Gor­ki The­ater neben seinem Stammhaus errichtet hat. Eine schmale asphaltierte Gasse wurde pro­vi­sorisch über den Platz ver­legt, wobei der ehe­ma­lige Bürg­er­steig dem Gor­ki The­ater als Park­platz für Last­wa­gen dient. Bauuten­silien, Flutschein­wer­fer und Absper­run­gen tra­gen das Übrige zur ver­rot­teten Atmo­sphäre bei. Die Park­bänke, die Heine für Gäste freige­hal­ten hat, müssen als Ablage für zusam­mengekehrtes Herb­st­laub und son­sti­gen Abfall her­hal­ten.

Kein Wun­der, dass Heine dort kaum noch anzutr­e­f­fen ist. Zu seinem Glück ist er an keine irdis­chen Beschränkun­gen mehr gebun­den. So lässt er seine gus­seis­erne Hülle ein­fach an Ort und Stelle zurück, während er sich ander­swo herumtreibt. Schade ist das trotz­dem für alle, die Heine an seinem Todestag besuchen woll­ten.

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