Berliner Großstadtleben in der Kunst

Unter dem etwas irreführenden Titel „Berlin – Industrie und Technik in der Malerei von 1847 bis 1929“ bietet dieses Buch einen reizvollen kunstgeschichtlichen Gang durch das Berliner Großstadtleben.

Welch eine Vielfalt an künstlerischem Ausdruck: Das Buch zeigt eindrucksvolle Gemälde von Hans Baluschek, Max Beckmann, Carl Eduard Biermann, Albert Birkle, Lyonel Feininger, George Grosz, Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Ludwig Meidner, Adolph Menzel, Oskar Nerlinger, Max Pechstein, Franz Skarbina, Jakob Steinhardt, Lesser Ury und Gustav Wunderwald. Neben Großstadtmotiven wie Kirchners „Potsdamer Platz“ und George Grosz „Metropolis“, auch sind Gasanstalten und Bahnen als wichtige Infrastrukturvoraussetzungen der Industrialisierung häufig Motiv. Dass aber Fabriken und die für Berlin so bedeutenden Bauten der Stromversorgung (Berlin wurde im genannten Zeitraum zur größten Industriestadt auf dem europäischen Kontinent und als „Elektropolis“ mit den Weltfirmen AEG und Siemens zum Zentrum der Elektroindustrie) so wenig Gegenstand künstlerischer Auseinandersetzung wurden, ist nicht nachvollziehbar.

Sicher hätte die Suche in Firmenarchiven und Museen eine umfassendere Ausbeute gebracht als die jetzt in diesem Buch präsentierte Auswahl. Immerhin werden die Inkunabeln der künstlerischen Darstellung Berliner Industrie, die großformatige Ansicht der Borsig’schen Maschinenbau-Anstalt von Carl Eduard Biermann und die im selben Jahr entstandene Darstellung Adolph Menzels der ersten preußischen Eisenbahn („Die Berlin-Potsdamer Eisenbahn“ (1847) reproduziert und kenntnisreich erläutert, aber schon die sehr anschaulichen Innenansichten der zum Lokomotivbau bei Borsig von Paul Friedrich Meyerheim (Deutsches Technikmuseum/Stadtmuseum Berlin) werden ignoriert.

Dennoch: das Buch belegt eindrucksvoll die künstlerische Widerspiegelung gravierender Veränderungen im Berliner Stadtbild vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: die zahlreichen Schornsteine und monumentalen Rundbauten der Gasometer schienen das Stadtbild nachgerade zu dominieren und boten Malern willkommene Bildanlässe, der innerstädtische Straßen- und Bahnverkehr regte zahlreiche Künstler an.

Richard Schneider: Berlin – Industrie und Technik in der Malerei von 1847 bis 1929, 106 Seiten, 50 Abb., Festeinband. durchgängig vierfarbig, Lukas Verlag, Berlin 2019, ISBN 978-3-86732-299-7, Preis 24,90 €.

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