Warten auf das Ungeheuerliche

Zum 100. Geburtstag von Friedrich Dürrenmatt Während man noch auf dem Bahnsteig wartet, sind die Gedanken auf die Einfahrt des Zuges gerichtet: Wird der Zug pünktlich sein? Erreiche ich meinen Anschluss? Ist man einmal in den Zug eingestiegen, verlagert sich das Augenmerk und der Blick schweift durch die Abteile auf der Suche nach einem freien…

Wie der Riesling nach New South Wales kam

Was soll man tun, wenn es einen in eine Gegend verschlagen hat, wo kein Wein wächst? Ganz klar, man importiert welchen und am besten stellt man auch gleich ein paar Arbeiter an, die etwas vom Weinanbau verstehen. Ob das die Überlegungen waren, die den Unternehmer und Politiker John Macarthur motivierten, ist nicht einwandfrei zu rekonstruieren….

„Es ist tatsächlich ein gefährliches Spiel“

Ein Interview mit dem Schriftsteller Volker Kaminski über seinen Roman „Der Gestrandete“ KUM: Ein Grundmotiv des Romans „Der Gestrandete“ könnte man mit dem Slogan „life imitates art“ paraphrasieren. Die Kunst – ob in Form eines Theaterstücks oder in Form einer Zeichnung – greift im Roman auf das Leben der Protagonisten über. So versucht der Ich-Erzähler…

Wenn das Fahrwasser unruhiger wird

Als freier Journalist hat man es nicht leicht: Die Einsendungen für eine Literaturzeitschrift müssen redigiert werden, erweisen sich jedoch als nicht gerade gehaltvoll. Und einen sorgsam recherchierten Artikel in einer renommierten Tageszeitung unterzubringen, ist auch nicht einfach. Aber der Autor und Journalist Sascha Fehrmann hat es ganz gut getroffen. Er wohnt mit seiner Frau und…

Auch heute ist Heine noch um den Schlaf gebracht

Der Todestag eines Menschen ist ein geeigneter Tag, sich zu fragen, was die jeweilige Person gerade macht. Heute ist der Todestag Heinrich Heines. Und wenn man wissen wollte, wie es Heine geht, konnte man ihn einfach hinter dem Kastanienwäldchen an der Humboldt-Universität in Berlin besuchen. Das war ein pittoreskes Fleckchen. Abgesondert von den Touristenströmen, die…

Fotografie der Abwesenheit

Wenn wir in einem verlassenen Zimmer stehen, eine Stereo-Anlage neben dem Bett und ein Poster an der Wand sehen, dann sind das bloße Gegenstände, die nur auf sich selbst verweisen. Und doch sind es Spuren, die uns vor Augen führen, was den Raum zu einem fremden Raum macht. Plötzlich erkennen wir die Abwesenheit, die all…

Der Berliner Zoo im Spiegel der Geschichte

Zeitzeugen sind eine unerschöpfliche Quelle historischer Erfahrungen. Im Gespräch mit ihnen kann man ein Gefühl für eine bestimmte Zeit, für Menschen und Orte bekommen, die ansonsten im farblosen Staub der Vergangenheit jede Eigenart verloren haben. Doch es gibt auch stumme Zeitzeugen, die nicht selbst von ihrer Zeit berichten können. Dazu zählen Bauwerke, Denkmäler und Institutionen….

Mitternächtliche Begegnung mit dem Golem

Vorhin bekam ich eine SMS: „Treffen heute um Mitternacht an der synagoga staro“. Das kam mir komisch vor: „staro“ passt doch vom Genus her gar nicht mit „synagoga“ zusammen. Wo soll überhaupt die „Alte Synagoge“ sein? Auch der Absender war mir unbekannt. Die Handynummer war unterdrückt und es hatte auch niemand einen Gruß hinterlassen. Trotzdem…

Ein eigenes Zimmer für sechs Künstlerinnen

Was braucht es, um künstlerisch tätig zu sein: Ein eigenes Zimmer und fünfhundert Pfund pro Jahr. Das konstatierte Virginia Woolf in ihrem Essay „A Room of One’s Own“ aus dem Jahr 1929, in dem sie die oftmals benachteiligte ökonomische und soziokulturelle Stellung von Künstlerinnen in Geschichte und Gegenwart analysiert. Zumindest ein eigenes Zimmer hat die…

Zu Besuch bei Prager deutschen Schriftstellern

Die moderne Literaturwissenschaft hat für das Werk bestimmter Autoren die Bezeichnung „Prager deutsche Literatur“ eingeführt. Diesen Autoren ist es gemeinsam, dass sie Ende des 19. Jahrhunderts in Prag geboren wurden und größtenteils jüdisch sind. Sie führten ein Leben in drei Welten: in der tschechischen, der deutschen und in der jüdischen Kultur. Das Zusammentreffen dieser Kulturen…