Ein Symbol der 1920er Jahre in Berlin: Das Haus Vaterland

Es ist schon erstaunlich, dass ein Gebäudekomplex, der so sehr für die „Goldenen Zwanziger Jahre“ in Berlin steht, aber auch im weiteren Verlauf der Zeitgeschichte vom Kaiserreich über die Weimarer Republik, der NS-Diktatur und der Nachkriegszeit alle dramatischen Ereignisse spiegelte, erst jetzt in einer sehr lesenswerten Monographie gewürdigt wird.

Es gab Erinnerungsbände, in denen das „Haus Vaterland“ vorkam, einer der Erfolgstitel des Krimi-Autors Volker Kutscher spielt teilweise an diesem Ort („Die Akte Vaterland“), aber ein Sachbuch zu diesem Vergnügungspalast fehlte bislang. Der Verlag Elsengold (wohl von der Berliner Bezeichnung der Siegesgöttin auf der Siegessäule im Tiergarten, der Goldelse, abgeleitet, der Verlag bringt auch die Zeitschrift „Berliner Geschichte“ heraus) hat jetzt diese Lücke gefüllt.

Die Historikerin Vanessa Conze beschreibt anschaulich auf hohem Niveau (das Buch basiert auf einer Habilitationsschrift) die Architektur, die landestypisch gestalteten acht Restaurants auf vier Stockwerken, den Palmensaal in der Rotunde und die Künstler, Manager und Mitarbeiter, die hier wirkten. Der Gebäudekomplex steht für die 1920er Jahre, obwohl er erst in der prägenden Konzeption von Leo Kronau im September 1928 eröffnet wurde. Leo Kronau war ein Manager mit internationalen Erfahrungen und Verbindungen, er „schuf mit seinem Haus Vaterland in der Tat die Quintessenz der Vergnügungskultur in der Weimarer Republik. Er destillierte besonders erfolgreiche Elemente aus der Welt der Vergnügungsparks, der Weltausstellungen, des Films und des Theaters.“ (S. 49)

Vor dem umfassenden Umbau, der der Eröffnung voraus ging, gab es hier schon ein Großkino und das Café Piccadilly (1914 in „Kaffee Vaterland“ umbenannt) über zwei Etagen für 2500 Gäste. Sehr erfolgreich wurde das „Haus Vaterland“ von der Gastronomen-Familie Kempinski betrieben, schon im 1. Jahr nach der Eröffnung wurden 1 Million Besucher empfangen. Die Kempinskis wurden in der Zeit der NS-Herrschaft vertrieben und zur „Arisierung“ gezwungen. Es folgte die Übernahme durch die Aschinger AG, die gleichfalls prägend war für Berlin mit seiner Kette von „Bierquellen“ in gehobenen Interieur und preiswertem Angebot, aber in den 1920er Jahren durch zahlreiche Übernahmen auch zum wichtigsten Hotelier Berlins aufstieg und durch die Belieferung der NS-Reichsparteitage auch zum „’Hausgastronom‘ des Regimes“ (S. 123) wurde.

Vanessa Conze beleuchtet die Rolle des Hauses im Nationalsozialismus ebenso wie sein Ende im Bombenhagel und das Nachspiel der Ruine im Niemandsland zwischen Ost und West. Erst 1972 kam sie durch einen Gebietsaustausch von Ost- nach West-Berlin. 1976 kam es im Zuge der geplanten Autobahn-Ost-Tangente zum Abriss, obwohl der Baukomplex durch seine massive Stahlkonstruktion wieder aufbaufähig gewesen wäre.
Das Buch ist attraktiv illustriert mit Abbildungen aus den jeweiligen Zeitabschnitten – auch wenn es noch mehr in Details hätte gehen können z. B. fehlen Abbildungen und Erläuterungen zu den nach der Titelabbildung sieben großen Skulpturen vor der Rotunde.

Vanessa Conze: Haus Vaterland – Der große Vergnügungspalast im Herzen Berlins, 144 Seiten, 100 Abbildungen, Gebunden, Elsengold Verlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-96201-049-2, EUR 25,00.

VON DR. JÖRG RAACH

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