Berlin – Anfänge einer Großstadt

Die von Hans Ostwald zu Beginn des 20. Jahrhunderts herausgegebenen Großstadt-Dokumente fangen die Polyphonie einer Großstadt im Werden ein. Man kann eine Stadt erleben, die im Aufbruch ist und die sich vor den Augen des Lesers in mannigfaltigen Facetten immer wieder neu erfindet. Die von Ostwald zunächst geplanten zwanzig Bände wuchsen schnell auf fünfzig an. Dieses Buch präsentiert eine mit Bedacht zusammengestellte Auswahl.

Hans Ostwald trommelte Autoren wie Julius Bab, Magnus Hirschfeld und Max Marcuse zusammen. Es entstanden teils journalistische, teil literarische Texte, die die Vielschichtigkeit Berlins zur Zeit der Belle Époque dokumentieren. Bohemiens, Flaneure, Prostituierte, Obdachlose, Geisterbeschwörer – die Großstadt-Dokumente dringen in die verschiedenen Milieus einer ebenso ruppigen wie poetischen Großstadt ein. Magnus Hirschfelds Darstellung von Homosexualität rief seinerzeit einen Skandal hervor; der Band über lesbische Beziehungen wurde gar verboten. Die Großstadt-Dokumente sind einzigartig in ihrem Anspruch die Essenz einer Großstadt als solche wiederzugeben.

Thomas Böhm, bisher mehr als Radio-Journalist hervor getreten, hat eine Auswahl getroffen, die das Berlin der Jahrhundertwende zum Leben erweckt und Parallelen zwischen damals und heute erkennbar gemacht. Einiges interessiert heute weniger, sicher wäre mehr Informatives zur Topographie damals, auch zur Politik, zur verhängnisvollen Prägung der Gesellschaft durch den Adel und das Militär, schließlich auch zur Rolle der Industriellen aufschlussreich gewesen. Der Einführungstext zum Entstehen der Buchreihe und zum biographischen Hintergrund Ostwalds, auch die informativen Fußnoten von Thomas Böhm tragen sehr zum Verständnis der Texte bei. Schließlich vermitteln die s/w-Fotos viel vom Flair dieser Zeit, die Stadtplanausschnitte in den Buchinnenseiten sind dagegen unzureichend.

»Das Berlin der 1920er und sein Großstadtmythos haben ihre Wurzeln im Kaiserreich. Wer wissen möchte, wie aus dem beschaulichen Spree-Athen das brodelnde Spree-Chicago wurde, sollte Hans Ostwald lesen«,

so Volker Kutscher, dem Autor der Gereon Rath-Romane, Vorlage für die TV-Serie „Babylon Berlin“.


Hans Ostwald: Berlin – Anfänge einer Großstadt – Szenen und Reportagen 1904-1908, Galiani Verlag, Berlin 2020, 416 Seiten, mit Stadtplanauszug und zeitgenössischen s/w-Fotos, ISBN: 9783869711935, € 28.

VON DR. JÖRG RAACH UND JULIA KRATZER

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