100 Jahre Architekturmoderne im Berliner Südwesten

Berlin begeht 2020 den 100. Jahrestag der Gründung von Groß-Berlin. Im April 1920 beschloss die Preußische Landesversammlung die Gründung der neuen Stadtgemeinde Groß-Berlin. Dazu wurden acht Städte, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke vereint – Berlin konnte bevölkerungs- und flächenmäßig zu New York und London als Metropole aufschließen. Der Bezirk Steglitz-Zehlendorf beginnt den Ausstellungsreigen anlässlich dieses Jubiläums, zwölf weitere Ausstellungen in den Bezirken und im Stadtmuseum werden folgen. Für die Ausstellung und das Begleitbuch wurden sechs Schlüsselbegriffe gewählt, die für die Dynamik der Großstadtwerdung stehen: NEU, GROSS, GRÜN, GEMEINSCHAFT, BEWEGT und ARBEIT. Ihnen wurden zwölf herausragende Bauten im Bezirk zugeordnet, die für den Modernisierungsschub dieser Zeit stehen. Es sind Beispiele für Berlin als Experimentierfeld der Moderne in den wichtigen Bauaufgaben Wohnen, Arbeiten und Freizeit.

So stehen die Reihenhäuser Schorlemerallee der Architekten Gebrüder Luckhardt für konsequente moderne Formgebung (prägende Persönlichkeiten des Kulturlebens der Weimarer Republik wie der Metropolis-Regisseur Fritz Lang und seine Frau Thea von Harbou wohnten dort) und die Waldsiedlung Onkel Toms Hütte von Bruno Taut für eine Großsiedlung, die durch Farbgebung und Variantenreichtum, auch Grünflächen- und Infrastrukturversorgung immer noch beispielhaft ist. Der Titania-Palast steht für herausragende Großkinogestaltung mit prägender Lichtarchitektur, das Strandbad Wannsee, dem größten und modernsten Binnenfreibad Europas, entworfen von Baustadtrat Marin Wagner und Richard Ermisch, steht für moderne Architektur von Freizeiteinrichtungen für den Massenbetrieb, funktional und der Landschaft angepasst. Schließlich steht die Elektro-Mechanik Fabrik Abrahamson wie das Gleichrichterwerk Zehlendorf für die Berliner Industriekultur, die entscheidend von der Elektroindustrie geprägt wurde („Elektropolis Berlin“). Der Fabrikbau des Architekten Martin Punitzer überzeugt noch heute durch seine Funktionalität (die großen Säle sind den spezifischen Produktionsbedingungen gemäß angeordnet, lichtdurchflutet) und Ästhetik (in hellem Grüngelb leuchten die glasierten Außen-Fliesen, runde Eckfenster prägen den Bau). Das Gleichrichterwerk (eines der kleineren Bauten des für seine expressionistische Gestaltung von Backsteinbauten bekannten Chefarchitekten der BEWAG, Hans Heinrich Müller) hatte die Funktion, Drehstrom für Straßenbahnen in Gleichstrom umzuwandeln. Der kubische Baukörper ist geprägt durch scharfkantige Erker, die auf spitz gemauerten Konsolen ruhen und durch ein umlaufendes Zahnschnittgesims. Nach jahrelangem Leerstand wird er jetzt als außergewöhnliches Doppelwohnhaus genutzt.

An herausragenden Bauten eines Berliner Bezirks wird in diesem Buch, mit besten Abbildungen ausgestattet, gezeigt wie Neues Bauen der Weimarer Republik heute noch prägend, beispielhaft wirkt.


Brigitte Hausmann, Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf von Berlin, Amt für Weiterbildung und Kultur, Fachbereich Kultur (Hg.): NEU, GROSS, GRÜN – 100 Jahre Architekturmoderne im Berliner Südwesten – Groß-Berlin und die Folgen für Steglitz und Zehlendorf, 88 Seiten mit 94 Farb- und 37 s/w-Abbildungen, Gebr. Mann Verlag, Berlin 2020, € 19,95 (D), ISBN 978-3-7861-2844-1.

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