Walter Gropius – eine kritische Biographie

Diese Gropius-Biographie des Münchner Architekturhistorikers Nerdinger (Verfasser des ersten umfassenden Werkkatalogs von Walter Gropius) ist im Gegensatz zu den bisherigen Veröffentlichungen (Isaac: distanzlos verklärend, Polster: negativ überzeichnend) aufgrund der intensiven Dokumenten-Studien sehr sachkundig und dabei fundiert kritisch.

Gropius‘ Selbststilisierungen und -überhöhungen, seine Arbeitsweise und Widersprüchlichkeit und menschlichen Schwächen, selbst seine antisemitischen Äußerungen (S. 98/99) werden dargestellt und in den architekturgeschichtlichen Zusammenhang gebracht. So werden die Hauptwerke Gropius‘ (Fagus-Werk, Bauhaus-Gebäude, Meisterhäuser und das Arbeitsamt in Dessau) in ihrer Bedeutung gewürdigt und im Gegensatz dargestellt zu den keineswegs herausragenden späteren Bauten, die Gropius in Zusammenarbeit mit anderen Architekten weltweit entwarf und realisierte. Zu Gropius‘ Großsiedlungen Dessau-Törten und Dammerstock bei Karlsruhe heißt es:

„Mit der Siedlung Törten beschritt Gropius einen für die Architektur verhängnisvollen Weg: Maßgabe für die Gestaltung der Behausung des Menschen wurden das Fließband und der Takt maschineller Produktion… In Törten wurde die Unterordnung des Menschen unter die Vorgaben von Ökonomie und Industrialisierung manifest und Gropius lieferte dazu die ideologische Verbrämung, indem er den Mangel ästhetisierte und die Minimierung als Ausdruck der Moderne rechtfertigte… Bei den folgenden Bauabschnitten behob Gropius zwar einige Planungsfehler, aber er verfolgte sein Ideal einheitlicher Gestaltung nicht nur weiter, sondern verstärkte es durch einen Zeilenbau, der dann 1929 bei bei der Siedlung Dammerstock auch noch völlig gleich orientiert wurde.“

(S. 1996/97)

Auch Gropius Lehrtätigkeit in Harvard würdigt der Autor umfassend kritisch: in der dort vermittelten Architekturgeschichte wurde die englische Arts and Crafts-Bewegung und der Deutsche Werkbund marginalisiert, die expressive Architektur von Hugo Häring, Erich Mendelsohn und Hans Poelzig kam ebenso wenig vor wie das soziale Bauen von Bruno Taut und Hannes Meyer, dem zweiten Bauhaus-Direktor (S. 291).

Nerdinger, Winfried: Walter Gropius – Architekt der Moderne 1883 – 1968, 423 S., mit 58 s/w-Abbildungen, Hardcover, C. H. Beck Verlag, München 2019, 978-3-406-74132-6, 28 €.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s